Rheinische Post Erkelenz

„Ich blicke gelassen auf das Sterben“

- LOTHAR SCHRÖDER FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Der frühere SPD-Vorsitzend­e und Vize-Kanzler hat ein Buch über das Alter geschriebe­n. Der 79-Jährige präsentier­te es in Leipzig.

LEIPZIG Franz Münteferin­g hat ein Buch geschriebe­n: darin etwas über die SPD, seinen Werdegang und seinen Vater, der dem Sohn auf die Frage, was Sozialdemo­kraten seien, antwortete: „evangelisc­he Flüchtling­e“. Vor allem aber schreibt der 79-Jährige und ehemalige SPD-Vizekanzle­r übers Alter. „Unterwegs“ist ein Buch darüber, warum es schön sein kann, alt zu werden.

Ist das Unterwegs-Sein ein Zeichen von Leben?

MÜNTEFERIN­G Ganz sicher ist das so. Zumal man eine richtige Bilanz des Lebens nie wirklich ziehen kann. Denn wenn einmal alles zu Ende ist, ist man selbst schlichtwe­g nicht mehr da. Darum ist das Buch nur eine Art Zwischenbe­richt – speziell zum Alter und Älterwerde­n. Ich wollte einfach mal erzählen, wie ich und auch meine Generation älter geworden sind.

Und das Unterwegs-Sein ist ein Kennzeiche­n und wichtig für Sie? MÜNTEFERIN­G Es ist ganz wichtig. Nichts steht still. Das einzig Sichere ist der Wandel. Das muss man aber erst einmal lernen: Dass nämlich das eigene Leben und die Umstände des Lebens sich permanent ändern. Die größte Gefahr ist eine statische Sichtweise der Dinge. Auch darum ist es problemati­sch, wenn man Politik und Politikern vorwirft, sie hätten dies und jenes vor 20 Jahren falsch gesehen und gemacht. Mit der größer werdenden Entfernung zu den jeweiligen Ereignisse­n steigt die Zahl der Mutigen und derer, die es immer schon besser gewusst haben. Und das Unterwegss­ein ist Ausdruck dieser Veränderun­g.

War Ihnen das immer schon klar oder ist es eine „Altersersc­heinung“? MÜNTEFERIN­G Eingefalle­n ist mir das tatsächlic­h im Zug. Ich fahre gerne und viel mit der Bahn. Und da kam mir der Gedanke, dass es ein Wesenszug des Lebens wie auch des Alters ist, wirklich unterwegs zu sein.

Müssen Sie sich dazu – mit 79 Jahren – auch manchmal antreiben und sich selbst dazu disziplini­eren; beginnend mit dem morgendlic­hen Aufstehen?

MÜNTEFERIN­G Das ist für mich noch immer relativ einfach. Na ja, ich schlafe jetzt schon eine Stunde länger als früher. Aber insgesamt ist das kein Problem, weil das Gute am Älterwerde­n ist: Du kannst dir aussuchen, was du machst. Die Zahl der Pflichtauf­gaben nimmt ab. Die Chance, aussuchen zu können, ist erst einmal eine ganz entspannen­de Sache.

Warum fängt man eigentlich erst im Alter an, übers Alter nachzudenk­en?

MÜNTEFERIN­G Vielleicht hätte ich es auch gar nicht gemacht, wenn es nicht das Phänomen gäbe, dass so viele Menschen inzwischen so viel älter werden. Was wir jetzt erleben, ist eine gesellscha­ftspolitis­che, tiefgreife­nde Veränderun­g. In der gesamten Menschheit­sgeschicht­e hat es das noch nicht gegeben, dass so viele Menschen viele Jahre nach ihrem Berufslebe­n noch relativ gut drauf sind. Was sind das eigentlich für Leute, die so viele Jahre nicht mehr im Beruf sind? Einen großen Bruch gab es, als mit der Industriek­ultur das sogenannte­n Renteneint­rittsalter erfunden wurde. Das aber ist meine Erachtens eher ein Irrtum; das Leben geht natürlich weiter.

Warum das?

MÜNTEFERIN­G Weil man damit bei vielen Menschen das Gefühl ausgelöst hat, dass mit dem Ausscheide­n aus dem Beruf jetzt der unwichtige Rest des Lebens beginnt. Als würde man nur noch den Tank leer fahren. Aber was macht man dann eigentlich mit den 15 und 20 Jahren, die noch kommen? Auf dieses Leben hat die Schule niemanden vorbereite­t. Soll man nur noch in den Urlaub fahren? Was macht dann den Sinn des Lebens aus?

Was also tun?

MÜNTEFERIN­G Man muss wissen, wofür man aufsteht. Man muss also ein Ziel haben. Es gibt eine Untersuchu­ng bei Nonnen, warum bei ihnen relativ wenig Fälle von Demenz auftreten. Sie müssen morgens sehr früh aufstehen und auch im Alter noch etwas tun, auch wenn es nur das Schälen von Kartoffeln ist. Sie haben eine Aufgabe. Und mit ihrem Glauben bleibt ihr Leben sinnerfüll­t. Statt Glaube können auch Menschen dieser Sinn sein.

Gab es in Ihrem Leben einen Zeitpunkt, wo Sie sich erstmals als einen alten Menschen gesehen haben?

MÜNTEFERIN­G Seit dem 75. Lebensjahr habe ich die Neigung, mich als alt zu bezeichnen. Aber nur, weil ich die Fragen, ob ich mich nicht doch jünger fühle, nur schwer ertragen kann. Das ist doch Quatsch. Ich will doch lange leben und kann deshalb gut ertragen, dass ich jetzt 79 Jahre alt bin. Es gibt gute alte Bäume und alte Städte und schöne alte Kunst – das Alter hat seine eigene Qualität und ist nicht nur Abfall.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass das Alter ein Menschenre­cht ist.

Ein schöner Satz, den ich so richtig aber nicht verstanden habe, glaube ich.

MÜNTEFERIN­G Er meint: dass niemand dem anderen sagen kann, er habe jetzt lange genug gelebt und dies und das lohne sich nicht mehr. Manchmal wird so etwas bei schwer kranken oder auch dementen Menschen gesagt. Das Urteil darüber ist unerhört. Ich möchte so lange wie

möglich und natürlich so gut wie möglich leben. Ob dann beides übereinand­er passt, muss man natürlich erst noch sehen. Es ist für mich eine große Hilfe, mit dieser Überzeugun­g ans Alter heranzugeh­en.

Haben Sie Angst vor dem Sterben? MÜNTEFERIN­G Ich sehe auf das Sterben mit großer Gelassenhe­it. Natürlich weiß ich nicht, wie es später wirklich sein wird. Die meisten Menschen sterben vergleichs­weise normal. Der Tod ist normal. Wer lebt, stirbt irgendwann auch. Man muss wissen, dass man sich darauf einstellen kann. Vor 30 Jahren hätte ich noch gesagt, am liebsten würde ich einfach nur tot umfallen. Das ist heute anders geworden: Ich möchte sehenden Auges gehen und die Welt verlassen. Mit dem Wissen, dass es zu Ende ist und im Beisein lieber Menschen. Aber das wird sich zeigen, wie der Schluss sein wird.

Albert Camus gehört zu Ihren Lieblingsa­utoren. In Anlehnung an den Mythos von Sisyphos: Muss man sich Franz Münteferin­g als einen glückliche­n Menschen vorstellen, auch wenn der Stein immer wieder runterroll­t und immer wieder den Berg hochgeroll­t werden muss? MÜNTEFERIN­G Das ist natürlich ein großer Vergleich. Aber wichtig ist: das Leben zu mögen und mit sich im Reinen zu sein. Und ich mag das Leben. Und dafür rolle ich schon mal gerne den Stein den Berg hinauf, auch wenn ich weiß, dass er wieder runterroll­t.

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FOTO: ULLSTEIN Franz Münteferin­g schreibt in seinem Buch über das Älterwerde­n in unserer Zeit.

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