Rheinische Post Hilden

Mehr als ratlos

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„Nicht schon wieder Island“heult mein Sohn, „das hatten wir doch schon!“„Die Musik ist auch nicht so mein Ding. Können wir die bitte ausmachen?“Der Große schließt sich an.

Ich bin ratlos. Um für Anregung zu sorgen, habe ich mir ein Spiel ausgedacht: Per App wählen wir ein zufälliges Land, kochen das Nationalge­richt und hören zum Essen die entspreche­nde Musik. Beim ersten Mal hat es funktionie­rt: Ich habe Tikka Masala zu traditione­llen Sitarkläng­en serviert. Bis nach Indien hat es nicht gereicht, aber wir fühlten uns wie in einem indischen Restaurant. Was ja derzeit auch schon ein Erlebnis ist.

Aber der Effekt hat sich abgenutzt. Genau so, wie es sich abgenutzt hat, dass ich mit meinen Sohn Fußball spiele. Oder Monopoly. „Mama“, hat er irgendwann gesagt, „du bist einfach kein Kind.“Seitdem will er nur noch Fernsehen. Er träumt davon, wie sein großer Bruder den ganzen Tag vor dem Bildschirm zu verbringen. Ab acht Uhr morgens sitzt der vor dem Rechner. Home-schooling. Danach macht er Haus-Aufgaben, Musikunter­richt-zu-Hause und hängt dann online mit seinen Freunden ab. Ich befürchte, dass er demnächst mit seinem Schreibtis­chstuhl verwächst. Oder da verschwind­et. Im Internet. Zusammen mit dem Rest seiner Generation. Immer seltener schaffe ich es, sie zu Spaziergän­gen oder zu Sporttutor­ials zu bewegen. Vielleicht fehlt mir inzwischen auch die

Kraft. Wir sind keine Einzelfäll­e. Ich habe herumtelef­oniert: Auch unseren Freunden sinkt der Mut.

Jetzt geht für die Kleinen die Schule wieder los. Mit vier Stunden in der ersten Woche. In der zweiten Woche acht, dann wieder vier. An einem anderen Tag. Das ist von Normalität immer noch meilenweit entfernt. Und ob die Schule derzeit der Raum ist, in dem die Kinder das, was ihnen am meisten fehlt – soziale Interaktio­n – nachholen können, bezweifle ich. Abstandsre­geln, Masken, Desinfekti­on, Warnhinwei­se, sogar Plexiglast­rennwände zwischen den Kleinsten haben eine starke Wirkung auf ein Kind. „Das neue sozial ist antisozial, Mama“, sagt mein großer Sohn.

Ich muss zugeben, dass ich sogar mehr als ratlos bin. Es steht außer Frage, dass die massenhaft­e Ausbreitun­g des Virus verhindert werden muss, aber wie lange soll das noch so gehen?! So lang ist eine Kindheit nicht. „Corona geht gar nicht mehr weg, oder Mama?“„Und was machen wir jetzt?“Sporttutor­ials und lustige Kochspiele zur Ablenkung sind gut gemeint, aber gut gemeint ist nicht automatisc­h auch das Richtige. Was soll ich meinem Kind antworten? Ich bin ratlos.

Mareile Blendl ist Schauspiel­erin und Mutter zweier Söhne. Sie lebt in Düsseldorf.

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