Rheinische Post Krefeld Kempen

Das deutsche Eishockey muss sich ändern

- VON ANDRÉ SCHAHIDI

DÜSSELDORF Was waren das für märchenhaf­te Eishockey-Tage bei den Olympische­n Spielen in Pyeongchan­g. Der Verlängeru­ngs-Sieg gegen Schweden nach bangem Warten beim Videobewei­s und der Jubel nach der Entscheidu­ng. Das Traumtor beim epischen Halbfinal-Sieg gegen Kanada, als Frank Mauer den Puck durch die eigenen Beine zum spektakulä­ren 3:0 ins kanadische Gehäuse jagte. Die gerade einmal 55,8 Sekunden, die dem Team von Bundestrai­ner Marco Sturm im Finale gegen Russland zur Goldmedail­le fehlten. Die Tränen der Enttäuschu­ng, gefolgt vom Jubel, als die Spieler ihre Silbermeda­ille umgehängt bekamen – Deutschlan­d: ein Wintermärc­hen.

Knapp vier Wochen ist das erst her. Doch inzwischen ist der Alltag zurückgeke­hrt. Dieser Tage laufen die Meistersch­afts-Play-offs in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) – und das weitgehend unter Ausschluss der Öffentlich­keit. Dabei sind die Voraussetz­ungen der Sportart eigentlich perfekt. Jeder, der einmal selbst auf dem Eis gestanden hat, berauscht sich an der Mischung aus Tempo, Technik und Körperspie­l. Eishockey ist voller Emotionen und vor allem voller Höhepunkte. Ein langweilig­es Null-zu-Null ist quasi ausgeschlo­ssen, Spiele mit fünf oder mehr Toren sind die Regel. Weil die Eisfläche nicht so groß ist, sind Zuschauer in den Stadien ganz nah am Geschehen dran.

Dass Eishockey dennoch nur unter „ferner liefen“stattfinde­t, ist ein teilweise hausgemach­tes Problem. Die DEL ist im Vergleich zu den wil- den 90er Jahren ziemlich profession­ell geworden. Doch es gibt – trotz Lippenbeke­nntnissen – seit Jahren keinen Auf- und Abstieg und damit eine sportlich entwertete Hauptrunde. Zudem sind die Teams gespickt mit zu vielen ausländisc­hen Spielern, die zu häufig den Verein wechseln. Neun Kontingent­spieler dürfen pro Mannschaft pro Spiel auflaufen. Manche Vereine schaffen es indes, selbst diese großzügige Regelung auszuhebel­n. Bei der Partie zwischen Iserlohn und Bremerhave­n standen in der ersten Play-offRunde ganze fünf (!) in Deutschlan­d

Nach 17 aufeinande­rfolgenden Siegen zu Beginn der laufenden Tennis-Saison wurde Roger Federer wieder einmal als der unschlagba­re Held der Szene gefeiert. Doch dann kam Juan-Martin del Potro und entzaubert­e den Tausendsas­sa aus der Eidgenosse­nschaft im Endspiel von Indian Wells.

Del Potro hatte seine Sternstund­e 2009, als er den Titel bei den US Open gewann. Dann folgten Jahre des Leerlaufs. Eine Handgelenk­sverletzun­g mit mehreren komplizier­ten Operation warf ihn aus der Bahn. Irgendwann war er nicht mehr unter den ersten Tausend der Weltrangli­ste zu finden. Er dachte schon an Rücktritt.

Doch die Leidenscha­ft für Tennis war stärker, er kämpfte sich zurück, geborene Spieler auf dem Spielberic­htsbogen. Die restlichen „Einheimisc­hen“waren vornehmlic­h Amerikaner und Kanadier, die von findigen Funktionär­en kurzerhand eingebürge­rt wurden.

Es wäre Aufgabe der DEL, derlei Praktiken Einhalt zu gebieten. Doch das sonderbare Konstrukt einer Liga, deren Anteile den mitspielen­den Vereinen gehören, tut sich schwer, sich selbst zu regulieren. Vereinsint­eressen stehen immer wieder über dem Wohl der Sportart. Dabei führt kein Weg an einer strengen Reduzierun­g der Ausländerl­i- zenzen vorbei. Was das für positive Auswirkung­en haben kann, hat die Schweiz bewiesen. Dort dürfen pro Team nur zwei Kontingent­spieler auflaufen. Inzwischen gehört unser Nachbarsta­at dauerhaft zur Weltelite – die Hallen der heimischen Liga sind voll. Und in Deutschlan­d? Hier müssen ab kommender Saison zwei deutsche U23-Spieler auf dem Spielberic­htsbogen stehen. Lippenbeke­nntnisse.

Doch selbst die besten Spieler sind ohne mediale Präsenz wertlos. Als die DEL in den 90er Jahren die Ausfahrt Pay-TV nahm und dafür und seit Monaten knüpft del Potro, mit 1,98 Metern Körpermaß ein Kerl wie ein Baum, wieder an seine vormalige Bestform an. Für die Tennisszen­e ist er ein Gewinn – nicht nur sportlich, sondern auch als Typ.

Er ist freundlich, zugänglich, ein echter Frauentyp, fürwahr. Aber auch ein Liebling der Reporter, die sich Woche für Woche in aller Welt mit den Eigenheite­n störrische­r Stars herumplage­n müssen. Del Potro ist anders, auf seine Art herzerfris­chend. Von ihm ist überliefer­t, dass er nach einem gewonnenen Match in Flushing Meadows zunächst die offizielle Pressekonf­erenz brav nach den Regeln der ATP abhielt und, nachdem er die Pflicht erfüllt hatte, die Kür einläutete, indem er seine Landsleute auffordert­e: „So, jetzt von Premiere die damals gigantisch­e (und heute utopische) Summe von 20 Millionen Mark kassierte, hat wohl keiner geahnt, was für Auswirkung­en der Verlust öffentlich zugänglich­er Live-Bilder für die Sportart haben würde.

Denn das Fernsehen erzieht die Zuschauer zu Sportfans. Nicht umgekehrt. In Deutschlan­d existiert eine Fußball-Monokultur, weil im Fernsehen kaum etwas anderes als Fußball läuft. Wie es auch anders funktionie­ren kann, beweisen die Beispiele Skispringe­n und Formel 1, die in den vergangene­n Jahrzehnte­n setzt Euch alle mal im Kreis um mich herum, damit wir ein bisschen quatschen können.”

Die Diskussion zog sich über eine Stunde lang in bemerkensw­ert lockerer Atmosphäre hin. Da saß kein Besserwiss­er, der sich über die anderen erhob, der vermeintli­ch über ihnen thronte und die anderen zu sich aufschauen ließ. Da saß ein Kumpel, ein Gesprächsp­artner auf Augenhöhe, der froh und dankbar war, sich mit den Landsleute­n auszutausc­hen.

Derlei Ausnahmen hat es bisweilen auch schon mal gegeben – aber sehr vereinzelt. John McEnroe beispielsw­eise entpuppte sich mitunter als charmante Plaudertas­che. Desgleiche­n Andre Agassi und Martina Navratilov­a. Sie nahmen sich eben- durchaus mal ungemein populär waren. Der Erfolg fußte auf zwei Säulen: erfolgreic­he Deutsche (Michael Schumacher, Martin Schmitt) – und profession­elle Übertragun­gen auf RTL, einem Sender mit hohem Marktantei­l.

Säule eins, erfolgreic­he Deutsche, ist spätestens seit Olympia gegeben. Und in den Interviews nach den Siegen gegen Schweden oder Kanada hat ganz Deutschlan­d zusätzlich feststelle­n können, wie sympathisc­h und bodenständ­ig diese Eishockeys­pieler im Vergleich zu manchem Fußballern sind. Wäre da nicht das Problem mit der Reichweite im normalen Liga-Betrieb. Die Übertragun­gen über die Telekom (dort ist jedes einzelne DELSpiel live zu sehen) und Sport1 sind profession­ell. Leider finden sie in Nischensen­dern statt. Dass Eishockey durchaus Potenzial hat, zeigte sich am 25. Februar um 5.10 Uhr morgens: 3,19 Millionen Zuschauer schalteten zur Unzeit zum Olympische­n Finale ein und bescherten dem ZDF einen Marktantei­l von 51,2 Prozent.

Was würde wohl ein DEL-Finalspiel an einem Samstagnac­hmittag im ZDF mit vornehmlic­h deutschen Spielern auf dem Eis für Quoten einfahren? Solange sich das Eishockey nicht radikal zur Aufgabe macht, die Silbermeda­ille durch harte Arbeit zu vergolden, wird das nicht mehr als eine Traumvorst­ellung bleiben.

ist Sportredak­teur bei der Rheinische­n Post und spielt seit vielen Jahren selbst Eishockey im Verein. Beim Versuch, ein Tor durch die eigenen Beine zu erzielen, würde er sich jedoch selbige wahrschein­lich brechen.

Del Potro, die Plaudertas­che Der Tennisprof­i aus Argentinie­n ist beliebt – bei Fans wie bei Journalist­en. Denn anders als viele Kollegen hat del Potro Lust, über Tennis zu reden. Auf Augenhöhe, nicht als Besserwiss­er.

falls ab und zu die Zeit, stundenlan­g ihre Gedanken von der Seele reden. So entstand ein unverkramp­ftes Verhältnis zwischen den beiden Seiten, die doch im gegenseiti­gen Austausch so stark aufeinande­r angewiesen sind. Auch die Schweden waren freundlich­e, angenehme Gesprächsp­artner – von Björn Borg über Stefan Edberg bis Mats Wilander. Allerdings auf ihre Art – skandinavi­sch reserviert und jedes Wort wohl abwägend.

Es gibt aber auch die anderen, die übellaunig­en Miesepeter – und die sind in der Mehrzahl. Es ist in der Branche halt wie im richtigen Leben. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany