Rheinische Post Ratingen

Revolution­ärin mit Gitarre

Fast 600 Seiten über Joni Mitchell: David Yaffe erzählt das Leben der 76-Jährigen.

- VON PHILIPP HOLSTEIN

DÜSSELDORF Der Anfang ist toll, da trifft der Biograf Joni Mitchell in einem italienisc­hen Lokal in Los Angeles. Sie ist 30 Minuten zu spät, die Hand, die sie zur Begrüßung reicht, wiegt schwer vom Schmuck, und weil sie mit keinem zufrieden ist, probiert sie sich einfach durch alle Weine. Die Stimme ist rau von vier Packungen Zigaretten am Tag, und sie plaudert herrliches Zeug. Dass sie Debussy und Miles Davis über alles bewundere, dass das Album „Desire“von Bob Dylan, das alle so toll finden, in Wirklichke­it nur „in Ordnung“sei und sein „Modern Times“ein Abklatsch. Na ja, und dass Leonard Cohen ein „verlogener Buddhist“sei, das sagt sie auch.

„Joni Mitchell. Ein Porträt“heißt das Buch von David Yaffe, das einer der größten und zugleich geheimnisv­ollsten Künstlerpe­rsönlichke­iten nahezukomm­en versucht. Tatsächlic­h erfährt man über die 76-jährige Kanadierin sehr viel, dass sie ihre Gitarre deshalb so eigenartig zu stimmen begann etwa, weil ihre linke Hand nach einer Polio-Erkrankung beschädigt war. Daraus ergab sich dann ihr Markenzeic­hen, diese extravagan­ten Harmoniefo­lgen, die unberechen­baren Melodien.

Man liest das alles atemlos, die Passagen natürlich auch, die purer Klatsch sind: über ihre Beziehunge­n zu Leonard Cohen, zu Sam Shepard, Graham Nash und Jackson Browne. Aber das Beste sind die Weisheiten und Lehren, die Yaffe dieser Künstlerin abringt. Dass sie eben deshalb kein Star habe sein wollen, weil das bedeutet hätte, den Erwartunge­n

des Publikums zu entspreche­n. Nichts sei schlimmer für eine Pionierin.

Herbie Hancock kommt zu Wort, Wayne Shorter, David Crosby, und sie alle wirken trotz ihrer Beredsamke­it ratlos in ihrer Faszinatio­n. Auch dem Autor dieser Biografie geht mehrfach die Bewunderun­g durch. Sein Buch ist lesenswert, doch man merkt in jeder Zeile, wie stark er die Beschriebe­ne verehrt. Aber wer tut das nicht: Diese unglaublic­hen Songs, die ja eigentlich Kurzgeschi­chten sind, dabei aber dicht wie Lyrik! Man muss nur „Free Man In Paris“noch einmal hören oder „The Last Time I Saw Richard“oder – allen voran – „A Case Of You“über jenen Liebhaber, der seine Gefühle hinter Rilke-Zitaten versteckt. Dieser Liebhaber war in Wirklichke­it Leonard Cohen, und der sagte Letztgülti­ges über Joni Mitchell: „Du hast die Art verändert, wie Frauen singen und Männer zuhören.“

Info David Yaffe: „Joni Mitchell. Ein Porträt“, Matthes & Seitz, 583 S., 28 Euro.

Auflösung Bei der vergangene­n Sphinx fragten wir nach der Smartwatch, gewonnen hat Christiane Hoffmann aus Düsseldorf. Glückwunsc­h!

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FOTO: DPA Joni Mitchell 1968.

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