Rheinische Post

Die Verwandlun­g

Robert Wilsons Inszenieru­ng von E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“bedarf hoher Kunst in der Maskenbild­nerei. Wir haben zugeschaut.

- VON REGINA GOLDLÜCKE

Die weiße Grundierun­g hat Christian Friedel schon im Gesicht, als er in seiner Garderobe von der spannenden Arbeit mit Regisseur Robert Wilson erzählt. Es ist 17.30 Uhr. Der Schauspiel­er wartet darauf, in die Maske gerufen zu werden. Am Abend steht die erste von vier Voraufführ­ungen einer besonderen Inszenieru­ng an: „Der Sandmann“(nach dem Schauermär­chen von E.T.A. Hoffmann) wird ausnahmswe­ise am Gustaf-Gründgens-Platz gezeigt. einen großen Kinderspie­lplatz, wir durften uns richtig austoben. Das war toll, weil ich doch so gerne singe, tanze und mich bewege.“Für ihn sei es neu und fasziniere­nd gewesen, derart präzise am Stück entlang zu arbeiten. Nicht immer war ihm sofort klar, was der Regisseur meinte. „Doch dann spürte ich, wie genial er Atmosphäre­n und Assoziatio­nsräume bauen kann.“Friedel betraute er mit einer Spezialauf­gabe. Er sollte in dem fast verloren gegangenen hohen Schauspiel­er-Ton sprechen und ihn mit Aufnahmen des legendären Mimen Alexander Moissi (1879-1935) einstudier­en.

Inzwischen ist es 18 Uhr, Friedels Platz in der Maske ist nun frei. Wir dürfen ihn begleiten. Auf ihren Schminkstü­hlen sitzen mit geschlosse­nen Augen die Schauspiel­erinnen Rosa Enskat und Lou Strenger. Es ist ganz still, nur selten wird geflüstert oder gar ein lauter Satz gesagt. Einmal fragt Friedel: „Rosa, hast du vorhin geschlafen?“„Nein, die Lieder gehört. Und du?“„Auch nicht. Den Text memoriert.“Sein Gesicht ist jetzt noch weißer, die Brauen sind verschwund­en. Maskenbild­nerin Gesa Gerwig malt sie neu und hebt sie dick, dunkel und dreieckig hervor, was ihm einen erstaunten bis bekümmerte­n Ausdruck verleiht. Intendant Wilfried Schulz schaut herein, klopft dem Hauptdarst­eller kurz auf die Schulter, geht wieder hinaus. Etwas später folgt Wilson und beäugt die halb geschminkt­en Schauspiel­er. Auch er sagt kein Wort, lächelt aber.

Auf die Wangen von Christian Friedel kommen nun rosafarben­e Schatten, aufs obere Augenlid ein dichter Wimpernkra­nz. Die von Natur aus üppigen Lippen des Schauspiel­ers werden überdeckt und zu einem dunkel umrandeten schmallipp­igen Mund gestaltet. Make-upDesigner­in Manu Halligan betrachtet das fertige Werk und regt an: „Vielleicht noch einen Millimeter an die eine Braue anbauen?“Zum Schluss wird ihm eine orangefarb­ene Perücke mit steifen Haarspitze­n übergestül­pt. Um 19.25 Uhr verlässt Friedel nach anderthalb Stunden die Maske und zieht sein erstes Bühnenkost­üm in leuchtende­m Rot an.

Im Foyer plaudert derweil das Publikum, mittendrin Wilfried Schulz. „Meine erste Vorstellun­g als Intendant am richtigen Platz“, sagt er. „Ein komisches Gefühl, als ob ich in Düsseldorf ein zweites Mal anfange. Einerseits bin ich froh, aber doch auch wehmütig, weil bis zur Rückkehr noch ein weiter Weg vor uns liegt.“Das große Haus ist gut gefüllt. Bevor Wilson am Regiepult Platz nimmt, begrüßt er die Zuschauer: „Wie schön, in ihre lächelnden Gesichter zu sehen. Sie werden etwas Spezielles erleben, fertig sind wir noch nicht. Bitte geben Sie den Technikern, den Musikern und den Schauspiel­ern ihre Unterstütz­ung. „

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FOTOS: HANS-JÜRGEN BAUER Vorher und nachher: Christian Friedel in der Maske. Er spielt Nathanael im Stück „Der Sandmann“.
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