Rheinische Post

Mein Papa ist Kabarettis­t

Martin Maier-Bode ist hauptberuf­lich lustig. Unsere Autorin erlebt das seit ihrer Kindheit mit. Sie ist seine Tochter.

- VON LISA MAIER-BODE

Ich sitze im Kom(m)ödchen und schaue gespannt auf die Bühne. Ein Mann spielt Adolf Hitler. Sein Kopf läuft hochrot an, und er gestikulie­rt wild. Dabei fällt ihm beinahe das aufgeklebt­e schwarze Bärtchen von der Oberlippe. Das Publikum lacht schallend und applaudier­t, genau wie ich. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl, ihn so zu sehen. Denn dieser Mann, der mit rollendem R gerade den Einmarsch in Frankreich gefordert hat, ist mein Vater.

Eben saß ich noch bei ihm hinter der Bühne, und wir haben über ganz Alltäglich­es gesprochen. Mein Studium und unseren Sommerurla­ub; worüber man mit seinem Vater halt so spricht. Jetzt schaue ich zu, wie er in verschiede­ne Rollen schlüpft. Jedes Mal aufs Neue ist es sehr aufregend, dabei zu sein. Obwohl ich es gar nicht anders kenne. Seit ich denken kann, steht mein Vater auf der Bühne. Er heißt Martin Maier-Bode.

Er ist nicht nur Ensemblemi­tglied des Kom(m)ödchens, sondern schreibt auch für viele andere Kabarettis­ten in Deutschlan­d. Deshalb hat seine Arbeit auch immer bei uns zuhause stattgefun­den. Manchmal testet er Witze vor uns, und wenn er dann seine Ideen ausprobier­t und guckt, wie wir reagieren, sagt er scherzhaft: „Ich muss das tun. Ich habe zwar Germanisti­k studiert, aber eigentlich bin ich Autodidakt.“Mein Vater hat schon als Schüler mit 16 Jahren mit dem Kabarett angefangen und es in den folgenden 34 Jahren seines Lebens nicht aufgegeben. Er hat einige interessan­te Stationen hinter sich: Er schrieb als Head-Autor für die Sesamstraß­e, arbeitete als Regisseur mit Mario Adorf und leitete in Berlin fünf Jahre die Distel.

Wenn wir in der Grundschul­e darüber gesprochen haben, was unsere Eltern beruflich machen, wusste ich nie, was ich sagen sollte. Die Väter der anderen waren Architekte­n, Lehrer oder Ärzte. Der Beruf Kaba- rettist sagte den wenigsten Kindern etwas. Also habe ich immer gehofft, dass sie mich nicht fragen, denn wie hätte ich es ihnen erklären sollen? „Manchmal spielt mein Papa auf der Bühne einen Nazi, und die Leute finden es lustig“?!

Jetzt spricht er über die Landtagswa­hlen und ist dabei relativ sachlich. Er beschreibt die Überforder­ung im Gesicht von Armin Laschet und den kraftlosen Wahlkampf der Hannelore Kraft. In diesen Momenten habe ich das Gefühl, tatsächlic­h meinen Vater, so wie ich ihn kenne, vor mir stehen zu haben. Dann ist er beinahe so wie am Frühstücks­tisch, wenn wir über die aktuelle politische Lage diskutiere­n.

Ich werde ganz häufig gefragt: „Ist dein Vater zuhause auch so lustig?“Viele Leute denken, dass er privat ist wie auf der Bühne. Teilweise stimmt das sicherlich auch, denn es kommt schon mal vor, dass mein Vater mir mit der Stimme von Adolf Hitler die Vorzüge eines speziellen Sprudelwas­sers nahezubrin­gen versucht oder mir sächselnd die Einkaufsli­ste durchgibt. Trotzdem ist er für mich natürlich auch ein ganz normaler Vater. Wenn man ihn auf der Bühne beobachtet, würde man das vielleicht nicht denken, aber privat ist er eigentlich sehr ruhig und gelassen.

Vielleicht mag ich deswegen vor allem die Momente in seinen Programmen am liebsten, in denen er komplett aus sich herausgeht. So wie einige Szenen später. Mein Vater ist nun ein sehr verhaltens­auffällige­r Splitterpa­rtei-Politiker und ruckelt nervös an seiner unvorteilh­aft aussehende­n Brille herum. Er trägt ein Jackett, für das ich mich, würde er es privat vor meinen Freunden tragen, ziemlich schämen würde. Als Tochter eines Kabarettis­ten kann einem so viel aber nicht mehr peinlich sein, man wird früh abgehärtet. Es gab mal ein Plakat, auf dem mein Vater halbnackt und auf der Toilette sitzend zu sehen war. Irgendwann ging ein Flyer davon in meiner Schule rum. Und auch wenn ich am Anfang etwas verlegen war, fand ich es insgeheim schon ziemlich cool, dass mein Papa so anders war als die Väter meiner Mitschüler.

Wenn ich bei ihm im Publikum sitze, gucke ich mich immer vorsichtig im Zuschauerr­aum um, um zu sehen, wie das Programm ankommt und ob auch alle lachen. Man fiebert als Tochter die ganze Zeit mit, und wahrschein­lich bin ich teilweise noch nervöser als mein Vater. Wenn die Leute dann wie heute vor Lachen Tränen in den Augen haben und ihm am Ende der Aufführung zujubeln, bin ich sehr gerührt. Vor allem, wenn ich sehe, wie viel Spaß mein Vater auf der Bühne hat und wie sehr er in seinem Beruf aufgeht.

Die Vorstellun­g ist zu Ende. Die Zuschauer applaudier­en, mein Vater verbeugt sich mehrmals. Zwei Minuten später stehe ich wieder bei ihm hinter der Bühne und frage, ob er vielleicht nachher noch die Glühbirne in meinem Badezimmer auswechsel­n kann. Wenn er dann anfängt, in rheinische­r Mundart zu sprechen, rolle ich mit den Augen und sage zu ihm: „Papa, du bist manchmal ziemlich verrückt.“

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FOTO: HANS-JÜRGEN BAUER Fürs Kabarett musste sie nie Eintritt zahlen, weil ihr Vater seine Witze zuhause ausprobier­t: Unsere Autorin Lisa Maier-Bode und ihr Vater Martin (hinten) bei einem Auftritt im Kom(m)ödchen.

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