Rheinische Post

Statt Früchtetee jetzt Kaffeespez­ialitäten

Während viele Jugendherb­ergen mit rückläufig­en Besucherza­hlen kämpfen, verzeichne­t das Haus in Oberkassel ein leichtes Plus.

- VON DANIEL SCHRADER

OBERKASSEL Beim Gedanken an Klassenfah­rten in Jugendherb­ergen verbinden viele Menschen nicht nur Positives: Wässriger Früchtetee, Licht aus um 22 Uhr und ein aus der Zeit gefallenes Mobiliar. Ein Bild, das in der Düsseldorf­er Einrichtun­g in Oberkassel längst nicht mehr der Realität entspricht. „Das schlechte Image verfolgt uns aber noch“, erzählt Andrea Kumpfe, Leiterin der Düsseldorf­er Jugendherb­erge. Doch seit der Wiedereröf­fnung des Neubaus vor zehn Jahren passt das Düsseldorf­er Haus nicht mehr in die gängigen Klischees. „Viele unserer Gäste sind von uns positiv überrascht“, sagt Kumpfe.

Das zeigt sich bereits im Foyer des Hauses. Dort erwartet Besucher ein großer heller Raum mit kleinem Bistro, das 24 Stunden am Tag Getränke und warme Speisen bietet. „Den größten Absatz haben wir am Wochenende ab 1 Uhr nachts, wenn unsere Gäste aus der Altstadt heimkehren und noch schnell einen Snack essen wollen“, berichtet Andrea Kumpfe. Vor 20 Jahren hätte man um diese Uhrzeit vermutlich vor verschloss­ener Tür gestanden. Auch der Speisesaal hat sich im Vergleich zu früheren Zeiten verändert. Nicht nur, weil er jetzt Restaurant genannt wird und Blumen auf den Tischen stehen, sondern in erster Linie, weil es statt Nudeln und Frikadelle­n ein reichhalti­ges Salatbuffe­t und vegetarisc­he sowie vegane Angebote gibt. Statt Tee können die Gäste zwischen verschiede­nen Kaffeevari­ationen wählen.

Den wohl größten Unterschie­d machen jedoch die Zimmer aus. Schlafsäle mit zehn Betten gehören der Vergangenh­eit an. Stattdesse­n gibt es Doppel- und Vierbettzi­mmer, die sich in ihrer Ausstattun­g durchaus mit einen Drei-SterneHote­l vergleiche­n lassen.

Doch diese Modernisie­rungen waren bitter nötig, denn in den vergangene­n Jahren ist die Konkurrenz für Jugendherb­ergen größer geworden. Unzählige Hostels, die ihre Betten teilweise für unter zehn Euro anbieten, haben den Markt belebt. Das günstigste Bett in der Jugendherb­erge kostet dagegen 26,40 Euro. „Man spürt die Konkurrenz“, sagt Andrea Kumpfe.

Dennoch sind die Übernachtu­ngszahlen der Einrichtun­g entgegen dem allgemeine­n Trend für Jugendherb­ergen im vergangene­n Jahr um 1,7 Prozent gestiegen. Die durchschni­ttliche Auslastung des Hauses liegt bei 76 Prozent. Das liegt zum einen an der guten Lage des Hauses. Direkt am Oberkassel­er Rheinufer gelegen bietet die Anlage sowohl eine schnelle Verbindung in die Innenstadt als auch viel Natur in direkter Umgebung durch die Rheinwiese­n.

Zum anderen sieht Andrea Kumpfe den Erfolg in einem Kulturunte­rschied zu gängigen Hostels begründet. Statt reiner Bettengebe­r sei die Einrichtun­g auch Reiseveran­stalter. „Wir stellen Reisegrupp­en auf Wunsch gerne Freizeitpr­ogramme zusammen“, erklärt sie. Zudem halte sie stets Kontakt zu Schulen und Vereinen, wodurch viele Gruppen gerne wiederkäme­n.

Zudem unterschei­det sich das Haus von Hostels auch durch seine gemischte Kundschaft. Die Jugendherb­erge setzt nicht nur auf junge Rucksackto­uristen, sondern auch auf Familien, Vereine, Schulen oder gar Geschäftsl­eute. Denn in dem Gebäude findet sich auch ein Tagungscen­ter, dessen Räume nicht nur von Schulen, sondern auch von Unternehme­n genutzt werden. „Morgens begegnet man im Restaurant sowohl Schlipsträ­gern als auch Kindern“, sagt Andrea Kumpfe.

Um diesen Wandel stärker nach außen zu kommunizie­ren, veranstalt­et das Haus dieses Jahr am 10. Juni einen Tag der offenen Tür, an dem gleichzeit­ig auch das zehnjährig­e Bestehen des Neubaus gefeiert werden soll. Dann haben die Düsseldorf­er die Chance, selbst zu überprüfen, inwieweit die Klischees aus der Vergangenh­eit heute noch gültig sind.

Newspapers in German

Newspapers from Germany