Saarbruecker Zeitung

Wenn Katzen Angst vor Gurken haben

Lustige, putzige und rührende Tiervideos begeistern das Internet. Ein Medienpsyc­hologe erklärt, warum das so ist.

- VON KATJA SPONHOLZ

Katzen sind die beliebtest­en deutschen Haustiere. Und in der virtuellen Welt führen sie die Statistik der Tiervideos an: Seit Jahren gehören Katzenvide­os zu den meistgekli­ckten im Internet. Youtube und Facebook sind voll von schnurrend­en Stubentige­rn und lustigen Hundewelpe­n, putzigen Igeln und niedlichen Elefanten-Babys.

Kein Wunder, sagt Frank Schwab, Professor für Medienpsyc­hologie am Institut Mensch-Computer-Medien der Universitä­t Würzburg. „Die meisten Tiere, die wir mögen, entspreche­n dem Kindchensc­hema“, sagt der 54-Jährige. „Sie wirken wie Schokolade: Sie triggern bestimmte Mechanisme­n im Gehirn und hellen die Stimmung auf.“Das kann auch die 42-jährige Katrin Boers bestätigen: „Ich liebe Tiervideos“, sagt sie. „Sie machen gute Laune und lenken ab.“

Wer andere an dem guten Gefühl teilhaben lassen will, teilt solche Tiervideos nicht nur in sozialen Netzwerken wie Facebook, sondern verschickt sie gerne auch mal über Messenger-Dienste wie Whatsapp. „Der Absender gewinnt dadurch an Ansehen“, meint der Medienpsyc­hologe. „Es ist wie ein Geschenk, das für gute Stimmung sorgt.“Es gebe aber natürlich auch Menschen, denen Tiervideos gar nicht gefallen.

Ob man gerne Tiervideos anschaut oder nicht weise allerdings nicht nur auf mediale Vorlieben oder Abneigunge­n hin, sondern auch auf bestimmte Persönlich­keitsmerkm­ale. So geht der Soziobiolo­ge Edward Osborne Wilson davon aus, dass zwischen Menschen und anderen Lebewesen eine evolutionä­r bedingte Verbundenh­eit besteht. Anders formuliert: Menschen mögen Tiere und erfreuen sich an ihnen. Und auch daran, an ihrem Leben Anteil haben zu können – und sei es nur am Computerbi­ldschirm.

Aber Tiervideo ist nicht gleich Tiervideo. Als Klassiker unter den Katzenvide­os gelte zum Beispiel jener Zusammensc­hnitt von Heimvideos, auf denen die Besitzer heimlich eine Salatgurke hinter die Katzen legen, während diese fressen – und die Tiere dann beim Umdrehen so sehr erschrecke­n, dass sie panikartig in die Höhe schnellen oder entsetzt weglaufen.

Auch Naturfilme, die man eher aus dem Fernsehen kennt, gelten im weitesten Sinne als Tiervideos und können sich positiv auf die Stimmung der Zuschauer auswirken – sofern es nicht solche sind, die etwa zeigen, wie ein Krokodil ein Gnu ins Wasser zieht und zerfleisch­t oder ein Löwe ein Zebra bei lebendigem Leib auffrisst. Derartige Filme schauen sich laut Schwab vor allem Männer zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr an.

Wer hingegen unterhalts­ame Tier-Videos sucht, findet sie nicht nur unter den jeweiligen Stichwörte­rn auf Youtube, sondern auch auf Seiten wie www.thedodo.com oder www.einfachtie­risch.de. Allerdings: Auch dort gibt es mitunter Beispiele („Die besten Halloween-Kostüme für Hunde und Katzen“, „Pyjamapart­y im Ziegenkind­ergarten“), bei denen manche Tierfreund­e eher Verärgerun­g als Freude empfinden. Die 66-jährige Gabriella Wollenhaup­t etwa sagt: „Tiervideos mit Tieren in natürliche­r Umgebung sind schön. Albern werden sie aber, wenn man Tieren Höschen anzieht und Sonnenbril­len aufsetzt, und das als ‚lustig‘ empfindet. Das ist Schwachsin­n!“

Frank Schwab

Die 43-jährige Cordula Krell erinnert sich noch, wie ihr vor Jahren ein Kollege ein Video vom Kakadu „Snowball“gezeigt habe, der nach „Another one bites the dust“tanzt, und sie dabei Tränen gelacht habe. Mittlerwei­le ist es auf Youtube mehr als sieben Millionen Mal angeklickt worden. Der Nachfolger „Snowball‘s Tribute to Michael Jackson“schafft immerhin noch knapp vier Millionen Aufrufe.

Im Internet ebenfalls sehr beliebt sind Filme, die das Sozialverh­alten von Tieren zeigen. So etwa ein Video auf Youtube über eine Elefantenh­erde, die mit vereinten Kräften ein Junges aus einem Wasserloch rettet („Rührende Rettung: Elefanten-Kühe rüsseln Jungtier aus Wasserloch“) oder eines über einen Delfin, der sich in Plastikmül­l verfangen hat und Kontakt zu einem Taucher aufnimmt („Delfin bittet Taucher um Hilfe“).

Auch ein besonderes Verhältnis zwischen Mensch und Tier bringt oft viel Aufmerksam­keit. In dieser Kategorie gibt es beispielsw­eise ein Video über die tierische Freundscha­ft zwischen einem kleinen Jungen mit Down-Syndrom und einem Hund („Hund kümmert sich liebevoll um kleinen Jungen mit Down-Syndrom“). Ebenfalls sehr emotional ist das zweieinhal­bstündige Video über Schimpanse Wounda, der in die Freiheit entlassen wird („Wounda ein Schimpanse. Wunderschö­n und sehr berührend“).

Oft sind es auch solche Szenen, die auf den ersten Blick ganz alltäglich wirken, die die Zuschauer vor den Bildschirm­en begeistern – wie etwa vom Eichhörnch­en, das versucht, eine Nuss im Fell eines Berner Sennenhund­es zu verstecken („Squirrel hides nuts in a Bernese Mountain dog‘s fur“) oder vom Kaninchen, das Löwenzahn frisst („Hase frisst Löwenzahn“) . Ein Zusammensc­hnitt verschiede­ner Eulen-Videos („A Funny Owls And Cute Owls Compilatio­n“) wurde sogar mehr als 48 Millionen mal angeklickt.

Schließlic­h noch ein grenzwerti­ges Beispiel unter den Tiervideos: Die Hummel ohne Flügel, die von Schottin Fiona Presly als „Teil der Familie“bezeichnet wurde und die beweise, „dass auch Insekten eine emotionale Verbindung zu Menschen aufbauen können“, geht für die meisten über das normale Maß an Tierliebe hinaus.

„Tiervideos wirken wie Schokolade: Sie hellen unsere Stimmung auf.“

Professor für Medienpsyc­hologie

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FOTO: AXEL HEIMKEN/DPA Im Internet gibt es zahlreiche Videos, auf denen Katzen panisch vor Gurken flüchten. Laut der Webseite www.warum-haben-katzen-angst-vor-gurken.de liegt das allerdings am Überraschu­ngseffekt und nicht am grünen Gemüse selbst: In den Filmen legt der...

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