Kli­ma­ret­ter oder Dreck­schleu­der?

Hin­ter­grund Am Die­sel schei­den sich die Geis­ter: Ist er tat­säch­lich so schmut­zig, wie es im Ab­gas­skan­dal scheint? Oder tra­gen Die­sel-Antriebe so­gar zum Kli­ma­schutz bei?

Schwabmuenchner Allgemeine - - Wirtschaft -

Han­no­ver Der Die­sel­mo­tor, ei­ne Stick­oxid-Dreck­schleu­der, die Men­schen krank macht und von der selbst die Eu­ro­pä­er sich lang­sam ab­wen­den? Nicht nur Um­welt­schüt­zer schei­nen die Fra­ge in­zwi­schen mit Ja zu be­ant­wor­ten. Die In­dus­trie sieht die um­strit­te­ne Tech­nik hin­ge­gen in deut­lich ro­si­ge­rem Licht: Als kli­ma­scho­nen­den, CO2-ar­men Ret­ter ei­ner Bran­che, die mit Ab­gas­skan­dal und im­mer stren­ge­ren EU-Grenz­wer­ten zu kämp­fen hat. Klar ist: Na­he­zu emis­si­ons­frei wie ein E-Au­to im Be­trieb mit er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en fährt ein Die­sel si­cher nicht. Aber wie sieht die Öko­bi­lanz aus?

Wie kli­ma­scho­nend ist der Die­sel wirk­lich – ist er es über­haupt?

Kommt dar­auf an. Für den Au­to­ex­per­ten Fer­di­nand Du­den­höf­fer ist der kli­ma­freund­li­che Die­sel ein My­thos, weil Die­sel­kraft­stoff beim Ver­bren­nen so­gar et­was mehr Koh­len­di­oxid je Li­ter aus­stößt als Ben­zin. „Cle­an-Die­sel“sei da­her ei­ne Mo­gel­pa­ckung, ar­gu­men­tiert er. Der Bran­chen­ver­band VDA sieht das völ­lig an­ders: Die­sel sei ein­fach ef­fi­zi­en­ter. Die­sel­treib­stoff ist en­er­gie­rei­cher als Ben­zin, han­dels­üb­li­cher Die­sel kommt auf ei­nen Heiz­wert – in der Ein­heit wird der Ener­gie­ge­halt an­ge­ge­ben – von et­wa 35,5 Me­ga­joule pro Li­ter, bei Su­per­ben­zin sind es rund 31,8 Me­ga­joule pro Li­ter. Da­zu kommt, dass Die­sel­mo­to­ren auch ei­nen hö­he­ren Wir­kungs­grad ha­ben als Ben­zin­mo­to­ren – der VDA geht von ei­nem Die­sel­vor­teil von et­wa 15 Pro­zent aus. Ent­spre­chend ver­brauch­ten Die­sel­mo­del­le auch we­ni­ger Kraft­stoff, ar­gu­men­tiert ein Ver­bands­spre­cher. Weil der CO2-Aus­stoß am Ver­brauch hängt, kommt aus dem Aus­puff der Die­sel­au­tos al­so un­ter dem Strich we­ni­ger von dem Kli­ma­gas – auch wenn der CO2-Ge­halt je Li­ter Die­sel tat­säch­lich hö­her ist. Im Mit­tel lä­gen die CO2-Emis­sio­nen beim Die­sel um 15 Pro­zent nied­ri­ger als beim Ben­zi­ner, sagt Tho­mas Koch, Lei­ter des In­sti­tuts für Kol­ben­ma­schi­nen am Karls­ru­her In­sti­tut für Tech­no­lo­gie.

War­um dann die Auf­re­gung über den Die­sel?

Weil trotz des ge­rin­ge­ren Ver­brauchs im Die­sel­mo­tor mehr Schad­stof­fe ent­ste­hen – vor al­lem Stick­oxi­de (NOx) bil­den sich bei der Ver­bren­nung. Die Stof­fe kön­nen laut Um­welt­bun­des­amt Schleim­häu­te an­grei­fen und zu Hus­ten, Atem­be­schwer­den und Au­gen­rei­zun­gen füh­ren so­wie Herz, Kreis-

Zeit­plan Au­di wird die rund 24 000 Mo­del­le mit il­le­ga­ler Ab­gas­soft­ware vor­aus­sicht­lich ab Ju­li in die Werk­stät ten ru­fen. Be­trof­fen in Deutsch­land sind rund 14 000 Kun­den.

Mo­del­le Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Do­brindt (CSU) hat­te Don­ners­tag be­kannt ge­ge­ben, dass bei Au­dis der zwei Mo­dell­rei­hen A7 und A8 mit V6 und V8 Mo­to­ren der Bau jah­re 2009 bis 2013 ei­ne Soft­ware ein­ge­setzt ist, die er­kennt, wann sich ein Fahr­zeug bei der Ab­gas­mes­sung be­fin­det und wann im Stra­ßen­ver­kehr.

Ablauf Die Au­tos sto­ßen nach An ga­ben von Au­di un­ter rea­len Be­din gun­gen 20 bis 100 Pro­zent mehr Stick oxid (NOx) aus als an­ge­ge­ben. lauf und die Lun­gen­funk­ti­on be­ein­träch­ti­gen. Vie­le Städ­te ha­ben we­gen der Die­sel­ab­ga­se mit zu ho­hen Stick­oxid­wer­ten zu kämp­fen, et­wa in Stutt­gart dro­hen des­halb Fahr­ver­bo­te. Al­ler­dings sei dies ei­ne „Alt­las­ten­dis­kus­si­on“, be­tont Koch. Ent­wick­lungs­zeit­räu­me sei­en lang, da­her ge­he es um Fahr­zeu­ge, de­ren „Hard­ware“En­de des ver­gan­ge­nen Jahr­zehnts ent­wi­ckelt wor­den sei: „Tech­nisch ist al­les ge­löst.“

Sind Die­sel im­mer spar­sa­mer als Ben­zi­ner?

So ein­fach ist es nicht. Der tech­nisch mög­li­che Ver­brauchs­vor­teil beim Die­sel wer­de über­kom­pen­siert durch das ho­he Ge­wicht et­wa der ge­frag­ten Li­fe­style-Ge­län­de­wa­gen, kri­ti­siert der Bun­des­ge­schäfts­füh­rer der Deut­schen Um­welt­hil­fe, Jür­gen Resch. Der Die­sel­mo­tor ha­be sol­che In der Werk­statt wird ei­ne neue Soft wa­re auf­ge­spielt; dies daue­re et­wa 30 Mi­nu­ten.

Bis­he­ri­ge Rück­ru­fe Au­di ruft be reits seit ei­ni­gen Mo­na­ten in Deutsch­land Fahr­zeu­ge in die Werk stät­ten zu­rück, um sie im Zu­ge der Die­sel Af­fä­re nach­zu­rüs­ten. Be­trof­fen im VW Kon­zern sind Mo­del­le mit EA 189 Die­sel­mo­tor – und zwar so­wohl 1,2 Li­ter , 1,6 Li­ter als auch 2,0 Li­ter Ag­gre­ga­te. Bei Au­di wer­den Fahr­zeu­ge der Mo­del­le A1, A3, A4, A5, A6, Q3, Q5 und TT nach­ge­rüs­tet. Sie be­kom­men neue Soft­ware oder ein Teil zum Ein­bau. Auf der Sei­te www.au­di.de kön­nen Au­di Be­sit­zer prü­fen, ob ihr Au­to be­trof­fen ist. (afp) „un­nö­ti­gen Fahr­zeug­ka­te­go­ri­en“erst mög­lich ge­macht. Auch sei die Her­stel­lung von Die­sel­mo­to­ren auf­wen­di­ger, auch hier ent­stün­den CO2-Nach­tei­le. Für Resch ist es da­mit „ei­ne Mär“, dass Die­sel­au­tos we­ni­ger Kraft­stoff ver­brau­chen als Ben­zi­ner. Zu­mal mo­der­ne Ben­zi­ner ef­fi­zi­en­ter sei­en als frü­her, sagt er mit Blick auf so­ge­nann­te Voll­hy­bri­de, al­so Au­tos, die so­wohl mit dem Ver­bren­nungs- als auch dem Elek­tro­mo­tor fah­ren kön­nen. Die­se hät­ten al­ler­dings wie­der­um mit Par­ti­kel-Emis­sio­nen zu kämp­fen, warnt Koch.

Sind neue Eu­ro-6-Die­sel sau­ber?

Das Um­welt­bun­des­amt warn­te erst En­de April: Eu­ro-6-Die­sel, die der jüngs­ten Ab­gas­norm ent­spre­chen, sto­ßen viel mehr Stick­oxi­de aus, als sie soll­ten. Der La­bor-Grenz­wert liegt bei 80 Mil­li­gramm pro Ki­lo­me­ter, im All­tag sind es aber 507 – mehr als sechs Mal so viel. Am schmut­zigs­ten sind Eu­ro-5-Die­sel mit ei­nem NOx-Aus­stoß von 906 Mil­li­gramm, dem Fünf­fa­chen des Grenz­werts von 180 Mil­li­gramm. Eu­ro-4-Die­sel, für die ein Grenz­wert von 250 Mil­li­gramm gilt, bla­sen 674 Mil­li­gramm Stick­oxid pro Ki­lo­me­ter in die Luft. Das Pro­blem ist er­kannt und die we­nig aus­sa­ge­kräf­ti­gen La­b­or­tests wer­den in Eu­ro­pa bald durch rea­lis­ti­sche­re Prüf­ver­fah­ren er­gänzt. Von Sep­tem­ber an wer­den Stick­oxid-Stra­ßen­tests un­ter rea­len Fahr­be­din­gun­gen ver­pflich­tend für die Zu­las­sung neu­er Au­to­mo­del­le, ein Jahr spä­ter dann für al­le Neu­wa­gen. Al­ler­dings wer­den noch für vie­le Jah­re groß­zü­gi­ge Ab­wei­chun­gen er­laubt.

Tho­mas Strün­keln­berg, dpa

So läuft der neue Rück­ruf ab

Fo­to: Chris­toph Schmidt, dpa

Die neu­en Vorwürfe ge­gen Au­di las­sen aber­mals Zwei­fel an der Sau­ber­keit von Die­sel Mo­to­ren selbst in Ober­klas­se Li­mou­si­nen auf­kom­men.

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