Der Tri­umph­marsch als To­ten­tanz

Thea­ter Ulm Oper statt Mu­si­cal auf der Frei­licht­büh­ne Wil­helms­burg: Gi­u­sep­pe Ver­dis Block­bus­ter „Ai­da“wird zum Spek­ta­kel – doch oh­ne Selbst­zweck

Schwabmuenchner Allgemeine - - Feuilleton - VON MAR­CUS GOLLING Ter­mi­ne: Zahl­rei­che Vor­stel­lun­gen bis 15. Ju­li.

Ulm Bei Isis und Osi­ris! Die trau­en sich was, die Ul­mer. Wäh­rend an­ders­wo – Bei­spiel Augs­burg – die Frei­licht­büh­nen ab­wech­selnd nam­haf­te Mu­si­cal-Gas­sen­hau­er auf­bie­ten, schickt das Thea­ter der Müns­ter­stadt die­ses Jahr ei­ne Oper ins Ren­nen um die Zu­schau­er­gunst. Zu­ge­ge­ben: nicht ir­gend­ei­ne Oper, son­dern Gi­u­sep­pe Ver­dis „Ai­da“– so et­was wie ein Block­bus­ter un­ter den Frei­licht-Opern, ger­ne auch mit Ele­fan­ten un­ter Hun­dert­schaf­ten von Sta­tis­ten. Es geht um Liebe, Ver­rat und Tod vor der Ku­lis­se des al­ten Ägyp­tens.

Ver­dis 1871 in Kai­ro ur­auf­ge­führ­tes Meis­ter­werk ist so et­was wie ein Syn­onym für bür­ger­li­che Even­tKul­tur. Tau­sen­de Zu­schau­er pil­gern je­des Jahr nach Ve­ro­na, wo „Ai­da“seit 1913 der wich­tigs­te ein­neh­men­de Ma­gnet der Are­na ist. An­de­re war­ten, bis das Spek­ta­kel zu ih­nen kommt. 2018 wird die „Ai­da – Sta­di­um World Tour“auch im Münch­ner Olym­pia­sta­di­on halt­ma­chen: Die Ver­an­stal­ter ver­spre­chen ei­ne „alt-ägyp­ti­sche Ku­lis­se mit le­ben­den Tie­ren“und mehr als 800 Darstel­ler. Um das 250 Ton­nen schwe­re Büh­nen­bild zu trans­por­tie­ren, sei­en 90 Last­wa­gen nö­tig, wird selbst­be­geis­tert ver­kün­det. Der­ar­ti­ge Tech­nik- und Aus­stat­tungs­prot­ze­rei­en kennt man sonst eher von al­tern­den Rock­stars – oder Mu­si­cals.

Da­ge­gen nimmt sich die jetzt von Opern­di­rek­tor Mat­thi­as Kai­ser be­hut­sam mo­dern in­sze­nier­te „Ai­da“auf der Ul­mer Wil­helms­burg ge­ra­de­zu be­schei­den aus, ob­wohl auch die­se Pro­duk­ti­on nicht an Sän­gern spart: Gleich drei Chö­re sind im Ein­satz (ne­ben Opern- und Ex­tra­chor auch der Mo­tet­ten­chor der Müns­ter­kan­to­rei), so­dass bis zu 100 Tem­pel­pries­ter, Skla­ven und Sol­da­ten auf der Büh­ne un­ter­wegs sind. Die­se al­ler­dings zeigt so gar nichts vom Tal der Kö­ni­ge, und das liegt an der et­was wi­der­sprüch­li­chen Aus­stat­tung: Das Ge­sche­hen spielt auf ei­ner Bau­stel­le in­klu­si­ve Bau­stahl, Schalt­ta­feln und Be­ton­roh­ren (Büh­nen­bild: Brit­ta Lam­mers).

Ei­ne Py­ra­mi­den­bau­stel­le im Jah­re 2017? Ei­ne An­spie­lung auf den Ul­mer Bau­boom? Das bleibt un­klar, und in der ers­ten Hälf­te, die noch bei Ta­ges­licht ge­spielt wird, wirkt die Sze­ne­rie doch arg pro­fan vor der dunk­len Mas­sig­keit der Burg. Da­für tra­gen die Pries­ter wei­te Ge­wän­der und zy­lin­dri­sche Hü­te aus chan­gie­ren­dem Stoff, aus dem man durch­aus auch Abend­klei­der schnei­dern könn­te (Ko­s­tü­me: An­ge­la C. Schu­ett). Und das schwarz glit­zern­de Ko­s­tüm der Am­ne­ris könn­te auch ein Bö­se-Kö­ni­gin-Out­fit aus dem Fun­dus ei­nes Mär­chen-Mu­si­cals sein.

Mat­thi­as Kai­sers Ins­ze­nie­rung hat kei­ne Angst vor pla­ka­ti­ven Bil­dern. Die Tem­pel­ze­re­mo­nie vor dem Auf­bruch der Trup­pen ist ein schau­der­haf­tes Ri­tu­al, bei dem reich­lich Blut fließt. Der Tri­umph­zug der Ägyp­ter wird an­ge­führt von rie­si­gen Ske­let­ten, die Kin­der als Kriegs­beu­te an den Hän­den hal­ten. Das hat zwar et­was von Geis­ter­bahn, wirkt aber: Der satt­sam be­kann­te Tri­umph­marsch wird zum Rhyth­mus ei­nes To­ten­tan­zes. Tod und Ge­walt sind in die­ser „Ai­da“im­mer prä­sent – und die Kehr­sei­te von re­li­giö­sem Wahn.

Je­den­falls: Das Spek­ta­kel wird nicht zum Selbst­zweck. Das liegt auch an der vor­züg­li­chen Pre­mie­ren­be­set­zung. Der Fran­ko­ka­na­di­er Eric La­por­te, der in Ulm (und Augs­burg) wie­der­holt ge­fiel, singt den Ra­damès mit der rich­ti­gen Do­sis von ita­lie­ni­schem Pa­thos. Die Aus­tra­lie­rin Val­da Wil­son gibt der Ai­da ei­ne strah­len­de Zart­heit, die nichts An­ge­streng­tes und nichts Pri­ma­don­nen­haf­tes hat. Und die Fin­nin An­na Da­nik ver­leiht der Zer­ris­sen­heit der Am­ne­ris so pa­cken­den Aus­druck, dass man als Zu­hö­rer schnell den Bö­se-Kö­ni­gin-Fum­mel ver­gisst. Ne­ben die­sen Gäs­ten über­zeu­gen aber auch die Sän­ger aus den ei­ge­nen Rei­hen, al­len vor­an Kwang Keun Lee als ent­schie­de­ner Amo­nas­ro. Da­zu spielt das Phil­har­mo­ni­sche Orches­ter un­ter der Lei­tung von Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Ti­mo Hand­schuh frisch und trans­pa­rent auf. Ein Lob an die Ton­tech­nik, die die­ses akus­ti­sche Ver­gnü­gen mög­lich ge­macht hat. Är­ger­lich hin­ge­gen, dass we­gen der Licht­ver­hält­nis­se im ers­ten Akt die Über­ti­te­lung un­les­bar ist.

Am En­de bran­de­te gro­ßer Ap­plaus auf, vor al­lem für So­lis­ten und Orches­ter, aber auch für das Re­gie­team. Ein gu­ter Start für den Thea­ter­som­mer, ob­wohl et­wa ein Fünf­tel der Sit­ze auf den Tri­bü­nen bei der Pre­mie­re leer blieb. 18 Vor­stel­lun­gen ei­ner Oper sind an­ge­sichts von mehr als 1500 Plät­zen viel­leicht ei­ne zu ehr­gei­zi­ge Mar­ke. Ei­ne „Ai­da“ist eben kein Mu­si­cal.

Der Neu­bau ei­ner Py­ra­mi­de im Jahr 2017?

Fo­to: Mar­tin Kauf­hold/Thea­ter Ulm

Ge­fan­ge­ne und mo­der­ne Skla­ven un­ter dem An­schlag ei­ner Ma­schi­nen­pis­to­le: Sze­ne aus der Ul­mer Frei­licht­büh­nen Ins­ze­nie­rung von Gi­u­sep­pe Ver­dis Oper „Ai­da“mit dem schwarz ge­wan­de­ten Amo­nas­ro im Bild­zen­trum (Kwang Keun Lee).

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