War­um die Paar dem Lech­tal ent­flieht

Ge­schich­te Ein Fluss nagt sich un­auf­hör­lich in Rich­tung Süd­wes­ten, bis in Ott­ma­ring der Durch­bruch ent­steht / Se­rie (35)

Schwabmuenchner Allgemeine - - Region Augsburg - VON PHIL­IPP SCHRÖ­DERS

Fried­berg Lang­sam ar­bei­tet sich der Fluss durch den Kies­un­ter­grund. Jahr um Jahr, Stück für Stück – im­mer wei­ter in Rich­tung Süd­wes­ten, bis bei­de Ge­wäs­ser sich ver­ei­ni­gen. Fast scheint es, als wer­de die un­te­re Paar ma­gisch von iher Schwes­ter im Sü­den an­ge­zo­gen. Die Ver­ei­ni­gung liegt schon lang zu­rück. Bis nach dem En­de der Eis­zeit vor gut 10 000 Jah­ren mün­de­te die obe­re Paar bei Me­ring in den Lech. Die rät­sel­haf­ten Aus­wir­kun­gen der Ver­bin­dung sind bis heu­te zu se­hen.

Aber wer auf die Land­kar­te schaut, run­zelt die Stirn. Von Sü­den her kom­mend fließt die Paar brav par­al­lel zum Lech. Doch am Nor­d­rand von Kis­sing macht sie plötz­lich ei­nen Schlen­ker. Beim Fried­ber­ger Stadt­teil Ott­ma­ring ver­lässt sie das Lech­tal und fließt wei­ter in Rich­tung Nord­os­ten ins Ter­tiärhü­gel­land, nach Da­sing, wei­ter nach Aichach. Die wel­li­ge Re­gi­on be­steht aus Mil­lio­nen Jah­re al­tem Ab­tra­gungs­schutt der Al­pen, aus Schot­ter und dem Ma­te­ri­al, das die Al­pen­flüs­se wäh­rend und nach den Eis­zei­ten in Rich­tung Do­nau trans­por­tiert ha­ben. Beim ober­baye­ri­schen Voh­burg, al­so erst nach Ingolstadt, mün­det die Paar schließ­lich in die Do­nau – nach 134 Ki­lo­me­tern und un­zäh­li­gen Mä­an­dern. Vom Lech hat sie sich da längst weit ent­fernt. Der mün­det bei Rain in die Do­nau. Aber wie ist der Paar­durch­bruch in Ott­ma­ring ent­stan­den? War­um ha­ben sich die bei­den Flüs­se ver­ei­nigt?

Der For­scher Wolf­gang Schmid spricht von ei­nem „Kampf zwei­er Fluss­sys­te­me“. Die un­te­re Paar, al­so der heu­ti­ge nörd­li­che Teil, ent­sprang noch wäh­rend des Pleis­to­zäns im Raum Ott­ma­ring. Sie ver­la­ger­te ihr Qu­ell­ge­biet durch so­ge­nann­te rück­schrei­ten­de Ero­si­on (ein Was­ser­fall z. B. wan­dert durch Ab­tra­gung von Gestein fluss­auf­wärts zu­rück) im­mer wei­ter süd­wärts und nä­her­te sich dem Lech­tal­rand.

Ent­schei­den­de Ve­rän­de­run­gen gab es auch bei der obe­ren Paar im Sü­den. Der Fried­ber­ger Hei­mat­for­scher Hu­bert Ra­ab er­klärt: „Ei­ne Hoch­flut des Lechs ver­schüt­te­te ihr die Mün­dung und zwang sie, ent­lang des Lech­rains als rech­te Ran­d­rin­ne im Lech­tal ein ei­ge­nes Bett zu su­chen.“Für kur­ze Zeit ver­ei­nig­te sich die obe­re Paar mit der Fried­ber­ger Ach – es kam al­so noch ein Ge­wäs­ser ins Spiel. Zu­sam­men flos­sen sie am Lech­tal­rand zur Do­nau.

Doch da­mit woll­te sich die un­te­re Paar nicht ab­fin­den. Noch trenn­te ein Rie­gel aus Mo­las­se­kies die bei­den Schwes­ter-Flüs­se. Doch sie nag­te sich im­mer wei­ter hin­ein. Schmid glaubt, dass ihr die star­ke Grund­was­ser­füh­rung in den Kies­schich­ten zu­gu­te­kam. Je­den­falls ge­lang es der un­te­ren Paar, den Lech­rain zu durch­schnei­den, die obe­re Paar an­zu­zap­fen und in ihr ei­ge­nes Bett ab­zu­len­ken. Zum Glück für die Wan­de­rer und Spa­zier­gän­ger heu­te: Denn ei­ne Tour an der Paar, die hier ge­säumt ist von stei­len Wän­den und Bö­schun­gen, ist zu je­der Jah­res­zeit idyl­lisch und loh­nens­wert.

Fo­to: Phil­ipp Schrö­ders

Die reins­te Idyl­le herrscht am Paar­durch­bruch bei Ott­ma­ring, wo der Fluss heu­te weg vom Lech­tal nach Os­ten ab­zweigt.

55 rät­sel­haf­te Or­te

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