„Good­bye, ich wer­de es nicht schaf­fen“

Feu­er Die Ge­schich­ten, wie die Men­schen im Lon­do­ner Gren­fell To­wer star­ben, sind kaum zu er­tra­gen. In die Trau­er mischt sich nun Wut. Denn die Be­woh­ner ha­ben mehr­mals vor Bran­d­ri­si­ken in dem Ge­bäu­de ge­warnt. War­um die Er­mitt­lun­gen Wo­chen dau­ern wer­den

Schwabmuenchner Allgemeine - - Die Dritte Seite - VON KA­TRIN PRI­BYL

Lon­don In all den Trüm­mern, der Asche und Ver­zweif­lung wirkt das wei­ße Blatt Pa­pier wie ein Hoff­nungs­schim­mer. Die Ecken sind zwar an­ge­k­okelt, aber sonst ist es fast un­ver­sehrt. Dar­auf steht: „Ich kann mein Ge­fühl nicht be­schrei­ben. Ich bin sehr, sehr glück­lich. Ich ha­be vie­le Ide­en und Plä­ne. Ich ha­be vie­le Träu­me, die ich ver­wirk­li­chen will.“Es ist der hand­schrift­li­che, herz­zer­rei­ßen­de Brief ei­nes Kin­des, das im Gren­fell To­wer leb­te – in je­nem 24-stö­cki­gen Wohn­haus in West-Lon­don, das nun da­steht wie ein Mahn­mal des Schre­ckens. An­dert­halb Ta­ge lang hat der Klotz wie ei­ne rie­si­ge bren­nen­de Fa­ckel in den Nacht­him­mel ge­ragt, selbst ges­tern schla­gen noch Flam­men aus ei­ni­gen Fens­tern. Nun sieht das Ge­bäu­de im Stadt­teil Ken­sing­ton aus wie ein her­un­ter­ge­brann­tes Streich­holz. Ob das Kind mit sei­nen Plä­nen und Träu­men über­lebt hat oder zu den min­des­tens 17 To­des­op­fern ge­hört?

Noch ist das un­klar, wie so vie­les. Die Be­hör­den ge­hen von weit­aus mehr To­ten aus, da sich bis zu 600 Men­schen in dem Ge­bäu­de auf­ge­hal­ten ha­ben sol­len; die ge­naue Zahl weiß nie­mand. Die Su­che nach Ver­miss­ten in den obe­ren Stock­wer­ken ist aus Si­cher­heits­grün­den erst mal un­ter­bro­chen wor­den. Die Rän­der des Turms sind in­sta­bil. Die Fas­sa­de kann je­der­zeit brö­ckeln. „Ich schi­cke da ge­ra­de kei­ne Leu­te rein“, sagt Feu­er­wehr­che­fin Da­ny Cot­ton sicht­lich ge­zeich­net. Ein sol­ches Feu­er, räumt sie ein, ha­be sie in ih­rer gan­zen Kar­rie­re noch nicht ge­se­hen. Die Ar­beit wer­de noch Wo­chen dau­ern. Die Ein­satz­kräf­te wol­len dann Fin­ger­ab­drü­cke neh­men und Hun­de in das Ge­bäu­de schi­cken. Hat Cot­ton Hoff­nung, noch je­man­den le­bend zu fin­den? „Es wä­re ein Wun­der.“

Völ­lig er­schöpf­te Ret­tungs­kräf­te sit­zen auf den Geh­stei­gen, für ei­ne kur­ze Pau­se, wäh­rend die Kol­le­gen we­nigs­tens von au­ßen un­er­müd­lich ge­gen die stän­dig auf­lo­dern­den Brand­her­de an­kämp­fen. Die Feu­er­wehr­leu­te wer­den schon jetzt als Hel­den ge­fei­ert. Die Lon­don Fi­re Bri­ga­de, die als ei­ne der bes­ten Feu­er­wehr-Ein­hei­ten der Welt gilt, hat hun­der­te Leu­te im Ein­satz.

Den gan­zen Tag über lau­fen im Fern­se­hen die Such­mel­dun­gen nach ver­miss­ten Be­woh­nern: die zwölf­jäh­ri­ge Jes­si­ca, 20. Stock. Mo­ha­med, 24. Stock. Glo­ria und Mar­co, 23. Stock. Zain­ab, 14. Stock. Hes­ham, 20. Stock. Den­nis, 14. Stock. May, 20. Stock. Kha­di­ja Saye, 20. Stock, ei­ne Fo­to­gra­fin, de­ren Werk zur­zeit bei der Bi­en­na­le in Ve­ne­dig ge­zeigt wird. Auch von ih­rer Mut­ter fehlt je­de Spur. So geht das ge­fühlt ewig wei­ter. Es ist qual­voll. Wer über­lebt hat, schätzt sich glück­lich und hat doch al­les Hab und Gut ver­lo­ren. Fa­mi­li­en­fo­tos, Erb­stü­cke, Aus­wei­se, Klei­dung. Vie­le ha­ben le­dig­lich ei­nen Py­ja­ma ge­tra­gen, als sie aus der Flam­men­höl­le flo­hen.

Hun­der­te Lon­do­ner strö­men auch ges­tern noch zum Un­glücks­ort, brin­gen De­cken, Klei­der, Was­ser, Es­sen und Ba­by­nah­rung. „Die An­teil­nah­me und Un­ter­stüt­zung sind über­wäl­ti­gend“, sagt ei­ne Nach­ba­rin mit Trä­nen in den Au­gen. Mehr als ei­ne Mil­li­on Pfund an Spen­den­gel­dern sind be­reits ge­sam­melt wor­den. Bei ei­ner Mahn­wa­che zün­den Trau­ern­de Ker­zen an und le­gen Blu­men nie­der – im Hin­ter­grund das schwar­ze Ge­rip­pe, aus dem es noch im­mer qualmt. Vie­le Über­le­ben­de, die bei Ver­wand­ten oder in Not­un­ter­künf­ten, in Mo­sche­en oder Ge­mein­de­hal­len über­nach­tet ha­ben, sind zu­rück­ge­kehrt und bli­cken ver­zwei­felt auf die Rui­ne mit der ver­kohl­ten Fas­sa­de, wo ein­mal ihr Zu­hau­se war. Und in die Trau­er mischt sich Wut.

„Wie zur Höl­le konn­te das pas­sie­ren?“, fragt das Bou­le­vard­blatt Dai­ly Mail stell­ver­tre­tend für das gan­ze Land auf sei­ner Ti­tel­sei­te. Et­li­che An­woh­ner sind der fes­ten Über­zeu­gung, dass man­geln­de Si­cher­heit das De­sas­ter erst er­mög­licht hat. „Es gibt dring­li­che Fra­gen zur Ur­sa­che die­ser Tra­gö­die, die drin­gen­de Ant­wor­ten for­dern“, sagt Bür­ger­meis­ter Sa­diq Khan. Er ver­spricht ei­ne „voll­stän­di­ge, un­ab­hän­gi­ge Un­ter­su­chung“. Die kün­digt auch Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May an. Wenn aus dem Feu­er Kon­se­quen­zen zu zie­hen sei­en, wür­den Maß­nah­men er­grif­fen.

Das Hoch­haus, ein 1974 ge­bau­ter So­zi­al­wohn­block, wur­de zwi­schen 2014 und 2016 für 8,6 Mil­lio­nen Pfund, knapp zehn Mil­lio­nen Eu­ro, mo­der­ni­siert. Vie­le wol­len je­doch nicht glau­ben, dass tat­säch­lich so viel Geld in­ves­tiert wur­de. „Die Be­hör­den sche­ren sich nicht um uns Leu­te aus der Ar­bei­ter­klas­se, es geht nur dar­um, dass das Haus für die rei­chen Nach­barn von au­ßen schön aus­sieht“, sagt ei­ne Be­woh­ne­rin des Baus, der im Nor­den Ken­sing­tons liegt, ei­nem der wohl­ha­bends­ten Vier­tel Groß­bri­tan­ni­ens. Vie­le ver­wei­sen vol­ler Är­ger auf man­geln­de Brand­schutz­maß­nah­men. Zeu­gen be­rich­ten, kei­nen ge­bäu­de­wei­ten, lau­ten Rauch­alarm ge­hört zu ha­ben. Not­aus­gän­ge sol­len ge­fehlt ha­ben. Auch Sprink­ler­an­la­gen. Die sind in neue­ren Hoch­häu­sern vor­ge­schrie­ben – aber es gibt kei­ne Pflicht zur Nach­rüs­tung. Und weil der Brand­schutz-Hin­weis an die Be­woh­ner lau­te­te, dass sie im Fall ei­nes Feu­ers au­ßer­halb der Woh­nung aus Si­cher­heits­grün­den in ih­ren Apart­ments blei­ben und nas­se Hand­tü­cher un­ter die Tü­ren le­gen sol­len, ka­men vie­le Men­schen in ih­ren ei­ge­nen vier Wän­den um.

„Der Feu­er­alarm ist nicht an­ge­gan­gen, des­halb sind so vie­le jetzt tot“, schimpft auch Si­ta­lih. Er ha­be es le­bend aus dem 15. Stock ge­schafft, weil sei­ne Frau das Feu­er früh ge­ro­chen ha­be, er­zählt er. Das Haus sei nicht si­cher ge­we­sen. Si­ta­lih be­rich­tet von of­fe­nen Lei­tun­gen und fal­schen In­stal­la­tio­nen. „Die Fir­ma muss da­für be­zah­len“, for­dert er. „Sie ha­ben die­se Men­schen um­ge­bracht.“Son­ja Ed­wards, 51, sagt, al­le hät­ten ge­se­hen, dass das Haus nicht si­cher sei. „Aber die Fir­ma hat es nicht in­ter­es­siert. Die woll­te es ein­fach nur von au­ßen schön ma­chen. Das hat jetzt vie­len Men­schen das Le­ben ge­kos­tet.“

Die häu­figs­te To­des­ur­sa­che bei sol­chen Groß­brän­den ist ei­ne Ver­gif­tung durch Rauch­gas. Das liegt vor al­lem am Koh­len­mon­oxid, das bei Feu­er mit ge­rin­ger Luft­zu­fuhr ent­steht. Die meis­ten Brand­op­fer ster­ben im Schlaf. Die Men­schen wer­den durch das ge­ruch­lo­se Koh­len­mon­oxid be­wusst­los, be­vor sie flie­hen kön­nen. Da­her, sa­gen Ex­per­ten, sind Brand­mel­der in den Woh­nun­gen so wich­tig. Die soll es in die­sem Fall auch ge­ge­ben ha­ben. Aber was brin­gen sie, wenn die schrift­li­che Emp­feh­lung der Feu­er­wehr eben lau­tet, im Apart­ment auf die Ret­tungs­kräf­te zu war­ten – und die Leu­te sich dar­an hal­ten?

So wie die Be­woh­ne­rin des Gren­fell To­wer, die an ih­re Freun­de schrieb: „Good­bye, ich wer­de es nicht schaf­fen.“Sie saß mit ih­ren drei Kin­dern in der Fal­le. Dunk­ler Rauch hüll­te da be­reits das Trep­pen­haus ein. An­de­re igno­rier­ten die Vor­ga­be – und über­leb­ten. Aus Ver­zweif­lung spran­gen da­ge­gen ei­ni­ge Men­schen in die Tie­fe oder lie­ßen ih­re Kin­der aus dem Fens­ter fal­len, in der Hoff­nung, sie so zu ret­ten. In ei­nem Fall soll ein Mann ein Ba­by tat­säch­lich zu fas­sen be­kom­men ha­ben – ob­wohl es aus dem neun­ten oder zehn­ten Stock ge­fal­len war.

Die gro­ßen Fra­gen sind nun: Was hat das Feu­er aus­ge­löst? Lag es tat­säch­lich an der Fas­sa­den­däm­mung samt Plas­tik­kern, dass es sich so ra­send schnell aus­brei­te­te, wie Ex­per­ten ver­mu­ten? Und: Wer trägt die Ver­ant­wor­tung? Die Be­woh­nerVer­ei­ni­gung Gren­fell Ac­tion Group je­den­falls hat mehr­mals ein­dring­lich vor Bran­d­ri­si­ken in dem Ge­bäu­de ge­warnt – und ist wie­der­holt auf tau­be Oh­ren ge­sto­ßen. Sie sei über­zeugt, dass „erst ein ka­ta­stro­pha­ler

Die Su­che nach Ver­miss­ten ist zu­nächst ge­stoppt

Ein Ex­per­te sagt: Das ist wie in der Drit­ten Welt

Vor­fall die Un­fä­hig­keit und Stüm­pe­rei un­se­res Ver­mie­ters“ans Licht brin­gen wer­de, schrieb sie vor we­ni­gen Mo­na­ten in ei­nem In­ter­ne­tB­log un­ter der Über­schrift „Spiel mit dem Feu­er“. Der Ver­mie­ter, die Ken­sing­ton and Chel­sea Tenant Ma­nage­ment Or­ga­ni­sa­ti­on, miss­ach­te Ge­sund­heits- und Si­cher­heits­vor­schrif­ten, so der Vor­wurf.

Der Ka­ta­stro­phen­fall-Ex­per­te Jon Hall ver­gleicht den Brand mit ei­nem Un­fall, wie er in der „Drit­ten Welt“vor­kom­me. Er zei­ge ein Schei­tern al­ler Ele­men­te der Feu­er­si­cher­heit und des Ge­bäu­de­ma­nage­ments. „Oh­ne Wor­te“, twit­tert er. Auch wenn Feu­er­wehr­frau Da­ny Cot­ton vor Spe­ku­la­tio­nen warnt, die Kri­tik pras­selt von al­len Sei­ten auf Po­li­ti­ker und Be­hör­den ein. Der ers­te No­t­ruf ging am Mitt­woch­früh um 0.54 Uhr ein. In­ner­halb von sechs Mi­nu­ten wa­ren die ers­ten Lösch­fahr­zeu­ge vor Ort. Trotz­dem konn­ten sie kaum et­was aus­rich­ten. Es wur­de ein In­fer­no.

Fo­to: Rick Find­ler/PA Wi­re, dpa

Was vom Gren­fell To­wer üb­rig blieb: Das Ge­bäu­de war erst vor kur­zem sa­niert wor­den. Aus­ge­rech­net die­ser Um­stand könn­te nun zu dem In­fer­no ge­führt ha­ben.

Fo­to: Guil­helm Ba­ker, Ima­go

Ein ein­zi­ges In­fer­no: Der Gren­fell To­wer steht in Flam­men. Das Feu­er hat sich bin­nen we­ni­ger Mi­nu­ten ver­mut­lich über die Fas sa­de aus­ge­brei­tet.

Fo­to: Guil­helm Ba­ker, Ima­go

Völ­lig er­schöpft: Lon­do­ner Feu­er­wehr­leu­te star­ren auf die Über­res­te des qual­men­den Hoch­hau­ses. Ge­gen die Flam­men­wand ha ben sie nur we­nig aus­rich­ten kön­nen.

Fo­tos: Da­ni­el Le­al Oli­vas, afp; Le­on Ne­al, Get­ty Images

We­nigs­tens die­se Ge­schich­te geht gut aus: Ein Mann ruft aus ei­nem Fens­ter im 11. Stock um Hil­fe. In sei­ner Woh­nung qualmt es. Feu­er­wehr­leu­te kön­nen ihn kur­ze Zeit spä­ter ret­ten.

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