Ein un­glaub­li­ches Lie­bes­dra­ma. Und wahr!

Li­te­ra­tur Gleich dop­pelt un­fass­bar: Ein Schrift­stel­ler macht sei­ne Be­zie­hung zum öf­fent­li­chen Sex-Ex­pe­ri­ment – nun legt er auch noch das schmerz­li­che Schei­tern of­fen. War­um?

Schwabmuenchner Allgemeine - - Feuilleton - Aus dem Fran­zö­si­schen von Clau dia Hamm, Mat­thes & Seitz, 282 S., 22. ¤

Man muss sich das mal vor­stel­len! Da kommt die­ser Mann auf die Idee, der Frau, mit der er zu­sam­men ist, die aber doch fort­wäh­rend an der Be­stän­dig­keit sei­ner Ge­füh­le zwei­felt, ein öf­fent­li­ches Lie­bes­ge­ständ­nis zu ma­chen. Und was tut er? Weil er als Re­gis­seur, der auch schon in der Ju­ry von Can­nes saß, mal wie­der zwei Mo­na­te für ei­ne Re­cher­che au­ßer Lan­des ist, denkt er sich ei­nen Plan für das Wie­der­se­hen aus: Er schreibt ei­nen Text für die Bei­la­ge in der ge­nau an die­sem Tag ver­öf­fent­licht wird und über den er sei­ne Part­ne­rin nur in­so­fern in­for­miert, dass sie die Zei­tung un­be­dingt gleich kau­fen und le­sen soll, wäh­rend sie mit dem be­reits ge­buch­ten Zug zu ihm fährt. Und die­ser Text ist dann vor 600 000 Le­sern ei­ne An­lei­tung, wie sie, die­se Frau, in die­sem Zug, sich in Ge­dan­ken an sei­ne Be­rüh­run­gen selbst be­frie­di­gen soll. Ist der noch ganz dicht?

Wenn ge­meint ist, ob Em­ma­nu­el Car­rè­res Gren­zen zwi­schen Wirk­lich­keit und Li­te­ra­tur dicht sind: nein. Ge­ra­de das ist sein Pro­gramm. Das war zu­letzt auch in ei­nem Buch über die Fra­gen des Glau­bens so, „Das Reich Got­tes“, in dem der heu­te 59-Jäh­ri­ge per­sön­lich sucht und nach­denkt. Of­fen­ba­run­gen die­ser Art ha­ben schon sei­ner Mut­ter Ver­druss be­rei­tet, die als Vor­sit­zen­de

Le Mon­de,

der gro­ßen Ge­lehr­ten­ge­sell­schaft „Aca­dé­mie françai­se“oh­ne­hin in der Öf­fent­lich­keit steht und ei­gent­lich glück­lich ist, dass ihr Sohn Schrift­stel­ler ist – aber so ei­ner?

Und um ei­ne für sie pre­kä­re Ge­schich­te geht es in die­sem neu­en Buch Car­rè­res zu­nächst auch wie­der. In „Ein rus­si­scher Ro­man“reist der Re­gis­seur für ei­ne Re­por­ta­ge nach Russ­land, um die aben­teu­er­li­che Ge­schich­te des letz­ten, lan­ge ver­ges­se­nen Rück­keh­rers aus der Kriegs­ge­fan­gen­schaft zu er­zäh­len – lan­det da­bei aber tief in der un­be­wäl­tig­ten Ge­schich­te sei­ner ei­ge­nen Fa­mi­lie, des Va­ters sei­ner Mut­ter und des­sen Stel­lung zu den Na­zis. Die Erlebnisse in Russ­land sind be­rüh­rend, das Gr­a­ben in der Ver­gan­gen­heit ge­gen auch ei­ge­ne in­ne­re Wi­der­stän­de auf­schluss­reich…

Aber dann platzt mit­ten da hin­ein die­ses Lie­bes­dra­ma. Ein sol­ches ent­wi­ckelt sich aus dem Text in der

noch da­zu ein spek­ta­ku­lä­res. Denn es läuft eben ge­ra­de nicht so, wie es sich der Schrift­stel­ler vor­stellt, als er da­von schwärmt, wie bei je­ner Zug­fahrt für sei­ne Part­ne­rin und auch an­de­ren le­sen­den Pas­sa­gie­re das ech­te Ge­sche­hen di­rekt mit dem Ge­schrie­be­nen ver­schränkt wer­de. Und wie­der schreibt Car­rè­re al­les dar­über auf. Ähn­lich wie der Karl Ove Kn­aus­gård, des­sen sechs­bän­di­ge

Mon­de, Le

Ich-Ro­man-Se­rie ihn zum in­ter­na­tio­na­len Li­te­ra­tur­star ge­macht hat. Aber Car­rè­re schreibt li­te­ra­ri­scher, zieht er­zäh­le­risch in den Bann – und macht den Le­ser ge­ra­de dar­um im­mer wie­der auf meh­re­ren Ebe­nen fas­sungs­los: was da pas­siert, dass es wirk­lich pas­siert ist, und dass der Au­tor das so öf­fent­lich macht.

Al­so ei­gent­lich ein un­fass­ba­res Buch. Das dann auch nur „Ro­man“im Ti­tel trägt, aber zu­recht nicht als Be­zeich­nung. Im Ge­gen­satz zu Kn­aus­gård, der tat­säch­lich ja viel we­ni­ger ro­man­haft schreibt – aber man muss das al­les nicht ver­ste­hen, ist ei­ner­seits ho­he Li­te­ra­tur­theo­rie, an­de­rer­seits schlicht ein ak­tu­el­les Er­folgs­re­zept. Car­rè­re je­den­falls, oh­ne­hin schon oft für Fil­me und Bü­cher aus­ge­zeich­net, steht da­mit be­reits wie­der auf Bes­ten­lis­ten. Al­ler­dings zu­recht. Denn zu­min­dest aus der ge­si­cher­ten Dis­tanz des Nich­tBe­tei­lig­ten ist es ein star­kes Buch. Und in die­ser Fer­ne lässt sich auch gut dar­über nach­den­ken, was es da­mit auch über uns al­le er­zählt. Gut al­so, dass Em­ma­nu­el Car­rè­re nicht ganz dicht ist.

Wolf­gang Schütz

» Em­ma­nu­el Car­rè­re: Ein rus­si­scher Ro­man.

Fo­to: Jo­el Sa­get, afp

Pro­mi­nen­ter Re­gis­seur und ein Schrift­stel­ler, der im­mer auch sein ei­ge­nes Le­ben zum The ma macht – aber noch nie so wie jetzt: Em­ma­nu­el Car­rè­re.

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