Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (45)

Schwabmuenchner Allgemeine - - Wetter | Roman -

Al­les schön und gut, schon mög­lich, aber nun sa­ßen wir erst ein­mal fest, ir­gend­wo im hin­ters­ten Ver­mont - und was soll­ten wir tun, bis die bei­den Als un­ser kran­kes Ge­fährt wie­der flott­ge­macht hat­ten? Ei­ne Mög­lich­keit war, ein Au­to zu mie­ten und nach Bur­ling­ton wei­ter­zu­fah­ren, den Rest der Wo­che bei Pa­me­la zu ver­brin­gen und den Olds auf der Rück­fahrt nach New York wie­der ab­zu­ho­len. Oder aber, die ein­fachs­te Lö­sung: Wir nah­men uns Zim­mer in ei­nem Gast­hof und ta­ten so, als mach­ten wir Fe­ri­en, bis das Au­to fer­tig war.

„Mir reicht’s für heu­te mit dem Fah­ren“, sag­te Tom. „Ich bin da­für, dass wir hier blei­ben. We­nigs­tens bis mor­gen.“

Ich war ge­neigt, ihm zu­zu­stim­men. Und wie we­nig Lu­cy – die wort­lo­se, stets wach­sa­me Lu­cy – da­ge­gen ein­zu­wen­den hat­te, kann man sich den­ken.

Al Se­ni­or emp­fahl uns zwei Gast­häu­ser in Ne­w­fa­ne, ei­nem zehn Mei­len ent­fern­ten Dorf, durch das wir auf der Hin­fahrt ge­kom­men wa­ren. Ich ging ins Bü­ro, rief dort an und er­fuhr, dass in bei­den kei­ne Zim­mer mehr zu ha­ben wa­ren. Als ich die­se In­for­ma­ti­on wei­ter­gab, mach­te der di­cke Mann ein fins­te­res Ge­sicht. „Tou­ris­ten­pack“, sag­te er. „Wir ha­ben ge­ra­de mal die ers­te Ju­ni­wo­che, und schon ist der Som­mer auf Hoch­tou­ren.“

Dann stan­den wir ei­ne hal­be Mi­nu­te lang mit den Hän­den in den Ta­schen her­um und sa­hen Va­ter und Sohn beim Nach­den­ken zu. End­lich brach Al Ju­ni­or das Schwei­gen. „Wie wär’s mit St­an­ley, Dad?“

„Hm“, sag­te sein Va­ter. „Ich weiß nicht. Wie kommst du dar­auf, dass er wie­der im Ge­schäft ist?“

„Ich hab ge­hört, er will die­ses Jahr wie­der auf­ma­chen“, ant­wor­te­te der jun­ge Mann. „Das hab ich von Ma­ry El­len. Sie hat St­an­ley letz­te Wo­che auf der Post ge­trof­fen.“„Wer ist St­an­ley?“, frag­te ich. „St­an­ley Chow­der“, sag­te Al Se­ni­or, hob ei­nen Arm und zeig­te nach Wes­ten. „Der hat­te ei­ne Pen­si­on auf dem Hü­gel da­hin­ten, drei Mei­len von hier.“

„St­an­ley Chow­der“, wie­der­hol­te ich. „St­an­ley Fisch­sup­pe, ein ver­dammt skur­ri­ler Na­me.“

„Ja“, sag­te der di­cke Al. „Aber das stört ihn nicht. Ich glaub so­gar, das ge­fällt ihm.“

„Ich hab mal ei­nen ge­kannt, der hieß El­mer Dood­le­baum“, sag­te ich und stell­te plötz­lich fest, dass es mir Spaß mach­te, mit den bei­den Als zu plau­dern. „Wür­den Sie gern mit so ei­nem ko­mi­schen Na­men durch die Welt­ge­schich­te lau­fen?“

Al Se­ni­or grins­te. „Nicht un­be­dingt, Mis­ter. Nein, ga­ran­tiert nicht. Ob­wohl, so was be­hal­ten die Leu­te eher. Ich hei­ße seit mei­ner Ge­burt Al Wil­son, und das ist ja fast schon so fa­de wie John Doe. So ein Na­me hat ein­fach nichts Hand­fes­tes. Al Wil­son. Al­lein in Ver­mont lau­fen be­stimmt tau­send Al Wil­sons her­um.“

„Ich glaub, ich ver­such’s mal bei St­an­ley“, sag­te Al Ju­ni­or. „Man kann nie wis­sen. Falls er nicht gra­de beim Ra­sen­mä­hen ist, nimmt er viel­leicht ab …“

Der schlan­ke Sohn ver­zog sich ins Bü­ro, um den An­ruf zu ma­chen, und sein di­cker Va­ter lehn­te sich an mein Au­to, zog aus sei­ner Hemd­ta­sche ei­ne Zi­ga­ret­te (die er sich zwi­schen die Lip­pen schob, aber nicht an­zün­de­te) und er­zähl­te uns die trau­ri­ge Ge­schich­te des Chow­der Inn.

„Was an­de­res hat St­an­ley jetzt nicht mehr zu tun“, sag­te er. „Er mäht sei­nen Ra­sen. Vom frü­hen Mor­gen bis zum spä­ten Nach­mit­tag fährt er auf sei­nem ro­ten John Dee­re her­um und mäht sei­nen Ra­sen. Das geht los, wenn im April der Schnee schmilzt, und hört erst auf, wenn es im No­vem­ber wie­der zu schnei­en an­fängt. Je­den Tag, bei je­dem Wetter, kurvt er da drau­ßen auf dem Ge­län­de her­um und mäht stun­den­lang sei­nen Ra­sen. Im Win­ter bleibt er im Haus und sitzt vorm Fern­se­her. Und wenn ihm das Fern­se­hen zum Hals her­aus­hängt, steigt er in sein Au­to und fährt nach At­lan­tic Ci­ty run­ter. Nimmt sich ein Zim­mer in ei­nem der Ca­si­no­ho­tels und spielt zehn Ta­ge hin­ter­ein­an­der Black­jack. Manch­mal ge­winnt er, manch­mal ver­liert er, aber das ist St­an­ley nicht wich­tig. Er hat ge­nug Geld, und was soll’s, wenn er ab und zu ein paar Dol­lar in den Wind schießt?

Ich ken­ne ihn schon lan­ge – über drei­ßig Jah­re, möch­te ich mei­nen. Frü­her hat er in Spring­field, Mas­sa­chu­setts, ge­lebt, als Wirt­schafts­prü­fer. Acht­und­sech­zig oder neun­und­sech­zig ha­ben er und sei­ne Frau Peg sich das gro­ße wei­ße Haus drü­ben auf dem Hü­gel an­ge­schafft, und da wa­ren sie dann im­mer, an den Wo­che­n­en­den, im Som­mer, über Weih­nach­ten, bei je­der Ge­le­gen­heit. Ihr gro­ßer Traum war es, ganz dort hin­zu­zie­hen, wenn St­an­ley nicht mehr be­rufs­tä­tig war, und das Haus zu ei­nem Gast­hof um­zu­bau­en. Vor vier Jah­ren war es dann so weit: St­an­ley kün­digt sei­nen Job als Wirt­schafts­prü­fer, er und Peg ver­kau­fen ihr Haus in Spring­field, zie­hen hier­her und ma­chen das Chow­der Inn auf. Ich wer­de nie ver­ges­sen, wie hart die bei­den in die­sem ers­ten Früh­jahr ge­ar­bei­tet ha­ben, um al­les recht­zei­tig zum Me­mo­ri­al-Day-Wo­che­n­en­de fer­tig zu be­kom­men. Und es geht al­les nach Plan. Sie po­lie­ren den Kas­ten auf, bis er fun­kelt wie ein Ju­wel. Sie stel­len ei­nen Koch und zwei Zim­mer­mäd­chen ein, aber ge­ra­de als sie die ers­ten Re­ser­vie­run­gen bu­chen wol­len, er­lei­det Peg ei­nen Schlag­an­fall und stirbt. Am hell­lich­ten Tag bricht sie in der Kü­che zu­sam­men. Eben noch hat sie mit St­an­ley und dem Koch ge­spro­chen, und plötz­lich liegt sie am Bo­den und tut ih­ren letz­ten Atem­zug. Das ging so schnell, sie war schon tot, be­vor der Not­arzt über­haupt vom Kran­ken­haus los­ge­fah­ren war.

Und des­halb mäht St­an­ley nun den Ra­sen. Man­che Leu­te mei­nen, er sei ein biss­chen ver­rückt ge­wor­den, aber wenn ich mit ihm spre­che, ist er im­mer noch der St­an­ley, den ich vor drei­ßig Jah­ren ken­nen ge­lernt ha­be, der­sel­be, der er im­mer ge­we­sen ist. Er trau­ert um sei­ne Peg, das ist al­les. Die ei­nen fan­gen an zu trin­ken. Die an­de­ren su­chen sich ei­ne neue Frau. St­an­ley mäht sei­nen Ra­sen. Was ist denn schon da­bei?

Ich hab ihn schon ei­ne Wei­le nicht mehr ge­se­hen, aber wenn Ma­ry El­len das rich­tig ver­stan­den hat – und es wä­re das ers­te Mal, dass sie sich ir­ren wür­de –, dann sind das gu­te Neu­ig­kei­ten. Denn das be­deu­tet, dass es St­an­ley bes­ser geht, dass er wie­der zu le­ben an­fan­gen will. Al Ju­ni­or ist jetzt schon ei­ni­ge Mi­nu­ten da­drin.

Ich kann mich täu­schen, aber ich wet­te, St­an­ley ist ans Te­le­fon ge­gan­gen, und die bei­den be­spre­chen, wie ihr drei da oben un­ter­ge­bracht wer­den könnt.

Das wär doch was, oder? Wenn St­an­ley sein Haus wie­der auf­macht, dann wä­ren Sie die ers­ten zah­len­den Kun­den in der Ge­schich­te des Chow­der Inn. Du lie­be Zeit. Das wär doch wirk­lich was, oder?“

Traum­haf­te Ta­ge im Ho­tel Exis­tenz

I ch möch­te von Glück und Wohl­be­fin­den spre­chen, von je­nen sel­te­nen, un­ver­hoff­ten Mo­men­ten, wo die Stim­me im Kopf ver­stummt und man sich eins fühlt mit der Welt.

»46. Fort­set­zung folgt

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben... Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

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