Die end­lo­se Tra­gö­die

Schwabmuenchner Allgemeine - - Wirtschaft - VON STE­FAN STAHL sts@augs­bur­ger all­ge­mei­ne.de

Luxemburg/At­hen Nach­denk­lich saß Wolf­gang Schäu­b­le am spä­ten Don­ners­tag­abend im deut­schen Raum des ste­ri­len EU-Ta­gungs­zen­trums in Luxemburg. Er war­te­te auf ein Fern­seh­in­ter­view, das er zu­ge­sagt hat­te. Saß ei­nen Mo­ment still, in sich ge­kehrt. Zu­frie­den mit dem ge­ra­de er­reich­ten Kom­pro­miss über die Grie­chen­land-Hil­fen? Eher er­schöpft sei er, sag­te der Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter.

Er­schöpft sind wohl al­le. Das liegt nicht so sehr an die­sem Abend in Luxemburg, an dem sich die Eu­roFi­nanz­mi­nis­ter dann doch er­staun­lich schnell auf die Frei­ga­be von wei­te­ren 8,5 Mil­li­ar­den Eu­ro für das über­schul­de­te Grie­chen­land ei­nig­ten und das i-Tüp­fel­chen auf vor­her schon kunst­voll ge­drech­sel­te Kom­pro­miss­for­meln setz­ten. Er­schöpft sind al­le von der seit sie­ben Jah­ren wäh­ren­den Dau­er­kri­se, von den ewi­gen Wen­dun­gen und Blo­cka­den, den po­li­ti­schen Que­re­len der ver­gan­ge­nen Mo­na­te, den un­ver­dau­li­chen De­tails zwi­schen Pri­mär­über­schüs­sen und Schul­den­trag­fä­hig­keits­ana­ly­sen.

Letzt­lich be­sann sich auch Schäu­b­le auf ein po­si­ti­ves Fa­zit: „Ich glau­be, wir ha­ben ins­ge­samt ei­ne ver­nünf­ti­ge Li­nie er­reicht“, sag­te der CDU-Po­li­ti­ker. „Jetzt hat Grie­chen­land Ru­he, die Fi­nanz­märk­te auch.“Ru­he ist noch nicht ganz. Ers­tens kam am Frei­tag – es ist im­mer­hin Wahl­kampf – aus Ber­lin so­fort Kri­tik an dem in Luxemburg er­ziel­ten Kom­pro­miss. Ein­zel­ne Ab­ge­ord­ne­te von SPD und Uni­on mo­nier­ten ei­ne zu gro­ße Ab­wei­chung von den Be­schlüs­sen des Bun­des­tags und poch­ten dar­auf, dass das Par­la­ment er­neut über die Grie­chen­land-Hil­fen ent­schei­det. Das will Schäu­b­le aber ver­hin­dern.

Und zwei­tens ist der Kom­pro­miss nicht viel mehr als ei­ne Ver­ta­gung des Streits. Man hat den In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds für das bis­her nur von Eu­ro­pa ge­tra­ge­ne Grie­chen­land-Programm ge­won­nen. Da­bei hat der Fonds of­fi­zi­ell be­stä­tigt, dass die grie­chi­schen Spar­pro­gram­me und Re­for­men das Land auf den Weg zur Kon­so­li­die­rung ge­bracht ha­ben. Aber der IWF zahlt trotz­dem vor­erst kein Geld an Grie­chen­land aus.

Denn der Fonds ist nach wie vor über­zeugt, dass das Kri­sen­land die auf gi­gan­ti­sche 180 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung an­ge­wach­se­ne Schul­den­last nie­mals al­lei­ne wird ab­tra­gen kön­nen. Schäu­b­le will je­doch den Re­form­druck auf­recht er- hal­ten und, wenn über­haupt, so we­nig nach­ge­ben wie mög­lich. Ge­re­det wer­den soll dar­über erst 2018, das hat auch die Eu­ro­grup­pe be­kräf­tigt. Die Re­gie­rung in At­hen, die zu­letzt im­mer nach­drück­li­cher Hil­fe beim Ab­tra­gen des ko­los­sa­len Schul­den­bergs ver­lang­te, kam hier kaum vor­an.

Trotz­dem ist der Lu­xem­bur­ger Be­schluss für Mi­nis­ter­prä­si­dent Al­exis Tsi­pras po­li­tisch Gold wert. Der Lin­ke ju­bel­te am Frei­tag: „Wir ha­ben den ent­schei­den­den Schritt für den Aus­weg des Lan­des aus der Wirt­schafts­kri­se ge­macht.“Ne­ben­bei be­kommt er auch po­li­tisch Ru­he, vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len sind wohl erst mal vom Tisch.

Fi­nanz­mi­nis­ter Eu­klid Tsaka­lo­tos sprach so­gar vom „Licht am En­de des Tun­nels“.

Die grie­chi­sche Tra­gö­die ist be­rühmt und war fol­gen­reich. Dich­ter wie Eu­ri­pi­des und So­pho­kles ha­ben mehr als 400 Jahre vor Chris­tus ei­nen wort­rei­chen abend­län­di­schen Grund­stein für die Dra­men-Kul­tur ei­nes Les­sing, Schil­ler oder Brecht ge­setzt.

Zweck der grie­chi­schen Tra­gö­die ist es, bei Be­trach­tern mit star­ken Emo­tio­nen ei­ne Art Rei­ni­gung zu er­rei­chen. Die­ser Kat­har­sis-Ef­fekt tritt ein, wenn der Zu­schau­er dank der Prot­ago­nis­ten des Stücks Ge­fühls­re­gun­gen durch­lebt und am En­de sei­ne auf­ge­wühl­te See­le ge­läu­tert ist. Ei­ne er­ha­be­ne Idee, die in der ge­gen­wär­ti­gen eu­ro­päi­schen Pra­xis lei­der nicht ge­lingt. Seit 2010 wird das Dra­ma auf­ge­führt: „Der Ver­such, den grie­chi­schen Schul­den­staat mit Mil­li­ar­den zu ret­ten.“Auf der si­che­ren Sei­te ist At­hen trotz al­ler Re­for­men als Be­din­gung für Mil­li­ar­den­zah­lun­gen bis heu­te nicht. Denn die Schul­den­last des Lan­des ist auf rund 180 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung an­ge­wach­sen. Von we­gen Kat­har­sis! Be­freit von be­un­ru­hi­gen­den Ge­füh­len wir­ken die Han­deln­den da­bei kaum, we­der in At­hen, Brüs­sel noch Ber­lin. Die Tra­gö­die scheint end­los, auch wenn jetzt wie­der ein For­mel­kom­pro­miss er­kämpft wur­de, aus­ge­han­delt vom deut­schen Ver­hand­lungs­fuchs Wolf­gang Schäu­b­le. Der CDU-Po­li­ti­ker will mit al­ler Macht und den Tricks ei­nes Rou­ti­niers ver­hin­dern, dass die grie­chi­sche Tra­gö­die sei­ner wie­der präch­tig in Um­fra­gen da­ste­hen­den Kanz­le­rin den Wahl­kampf ver­düs­tert. Da ver­zich­tet Schäu­b­le ger­ne auf ei­ne grund­sätz­li­che Läu­te­rung.

Es flie­ßen al­so wei­te­re Mil­li­ar­den. Da­mit wird Grie­chen­land al­len­falls sta­bi­li­siert. So geht es si­cher wei­ter. Die Eu­ro­län­der er­kau­fen sich Ru­he an den Fi­nanz­märk­ten. Der Preis da­für ist sehr hoch.

Fo­to: Wi­jn­ga­ert, dpa

Wolf­gang Schäu­b­le muss­te sich schon viel Kri­tik aus At­hen an­hö­ren. Ges­tern zeig­ten sich grie­chi­sche Po­li­ti­ker je­doch er­leich­tert über den Kom­pro­miss.

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