Er um­sorgt die Künst­ler per­sön­lich

Sil­ber­dis­tel im Ju­ni Fritz Ung­lert hat schon vie­le Klas­sik-Stars nach Il­ler­tis­sen ge­holt. Da­bei kann er we­der mit ho­hen Ga­gen noch mit Lu­xus-Ho­tels lo­cken. Er hat et­was an­de­res zu bie­ten

Schwabmuenchner Allgemeine - - Bayern - VON RO­NALD HINZPETER

Il­ler­tis­sen Mit Geld wä­re es na­tür­lich viel ein­fa­cher: Ein Bün­del Schei­ne auf den Tisch, ein Spit­zen­ho­tel, Ster­ne­kü­che und ein tol­ler Kon­zert­saal – da­mit las­sen sich nicht we­ni­ge Stars lo­cken. Fritz Ung­lert kann all das nicht bie­ten. Spit­z­en­ga­gen? Kei­ne Chan­ce. Un­ter­kunft? Da muss meist das Bahn­hofs­ho­tel ge­nü­gen. Und der Saal ist nur ei­ne bes­se­re Schul­au­la. Den­noch schafft es Ung­lert, re­nom­mier­te Klas­sik­künst­ler, die schon über­all auf der Welt ge­spielt ha­ben, nach Il­ler­tis­sen zu ho­len – weil er et­was hat, das vie­len ab­geht: Er hat Charme und kei­ne Lust auf Dis­tanz. Um­stands­los packt er das „Sie“weg, und holt das „Du“raus. Er lacht sein Ge­gen­über an und nimmt nicht nur mit Wor­ten ein, son­dern auch mit sei­nen Hän­den. Sei­ne Freund­lich­keit ent­springt nicht Kal­kül, sie kommt von in­nen. „Was hab’ ich denn da­von, wenn ich ir­gend­wo grä­tig rein­re­de“, sagt er. Und plötz­lich ist das Geld nicht mehr so wich­tig, denn Künst­ler sind auch nur Men­schen: Charme schlägt Schein.

Vor 15 Jah­ren hat er in Il­ler­tis­sen den Freun­des­kreis Kul­tur im Schloss ge­grün­det, der seit­her höchst er­folg­reich hoch­ka­rä­ti­ge klas­si­sche Kon­zer­te dort ver­an­stal­tet, wo ei­gent­lich nach Ein­schät­zung von Groß­städ­tern Pro­vinz sein müss­te. Ist sie aber nicht, dank des En­ga­ge­ments von Fritz Ung­lert. Da­für wird er mit der Sil­ber­dis­tel un­se­rer Zei­tung aus­ge­zeich­net.

Zu den Stars, die Ung­lert und sein För­der­ver­ein ge­holt ha­ben, ge­hö­ren un­ter an­de­rem die Star-So­pra­nis­tin Dia­na Damrau, der Obo­ist Al­brecht Mayer, der Gei­ger Gi­don Kremer, die Vio­li­nis­tin Ju­lia Fi­scher und die Sabine Mey­er. Sie war so­zu­sa­gen Ung­lerts ers­te Top-Ver­pflich­tung – und da­bei ging gleich ei­ni­ges schief: Sie soll­te im kurz da­vor re­no­vier­ten Ba­rock­saal des Il­ler­tis­ser Vöh­lin­schlos­ses auf­tre­ten. Dum­mer­wei­se funk­tio­nier­te die Hei­zung nicht und auch die Er­satzöfen quit­tier­ten an dem kal­ten März­abend den Di­enst. Sabine Mey­er spiel­te trotz­dem. „Sie hat das nicht ver­ges­sen. Im­mer wenn ich sie tref­fe, sagt sie: Ah, Herr Ung­lert, Il­ler­tis­sen, der Ba­rock­saal oh­ne Hei­zung.“

Auch wenn hin­ter den Kon­zer­ten der mitt­ler­wei­le 340 Mit­glie­der star­ke Freun­des­kreis steht, so ist die Künst­ler­be­treu­ung sehr stark Fa­mi­li­en­sa­che. Die Töch­ter Con­ny und Si­mo­ne ho­len die Mu­si­ker ab, Ehe­frau Re­na­te stellt Kaf­fee und Ku­chen auf den Tisch und Fritz Ung­lert sorgt da­für, dass die Künst­ler bis zur Abrei­se bei­na­he rund um die Uhr be­treut wer­den. Die Kopf­schmerz­ta­blet­te vor dem Auf­tritt? Kein Pro­blem. Es wer­den noch neue No­ten ge­braucht? Kein Welt­un­ter­gang. „Wir sind ja da“, sagt Ung­lert. Vie­le Künst­ler sei­en ei­gent­lich recht ein­sam vor und nach den Kon­zer­ten und freu­ten sich, wenn sich je­mand per­sön­lich um sie küm­mert. „Des­halb schlie­ßen sie die Stadt ins Herz, weil sie hier et­was be­kom­men, was sie wo­an­ders nicht krie­gen“, da­von ist Ung­lert über­zeugt. „Die sind dank­bar, wenn sie freund­lich auf­ge­nom­men wer­den.“Im Ge­gen­zug spie­len sie auch mal für ei­ne et­was ge­rin­ge­re Ga­ge, denn gro­ße Sprün­ge kann der Freun­des­kreis nicht ma­chen. Sie neh­men eben in Kauf, dass die Au­la im Kol­leg der Schu­lWelt­klas­se-Kla­ri­net­tis­tin brü­der nicht un­be­dingt über ei­ne aus­ge­feil­te Akus­tik ver­fügt und die Gar­de­ro­be des Ba­rock­saals nur aus ei­nem Er­ker be­steht, in dem ein pro­vi­so­ri­scher Sicht­schutz für et­was Ab­ge­schie­den­heit sorgt.

Die per­sön­li­che Be­treu­ung be­schränkt sich nicht nur auf die Mu­si­ker, in den Ge­nuss kommt ein Stück weit auch das Pu­bli­kum: So­bald das nächs­te Kon­zert in der Zei­tung an­ge­kün­digt wird, steht das Te­le­fon im Hau­se Ung­lert nicht mehr still. Ger­ne wer­den die Ti­ckets per­sön­lich ab­ge­holt und aus der Über­ga­be ent­wi­ckelt sich oft ei­ne Plau­de­rei, denn man kennt sich. Die­se spe­zi­el­le Art schwä­bi­scher Für­sorg­lich­keit hat sich her­um­ge­spro­chen bei Künst­lern und ih­ren Agen­ten, die viel mehr An­fra­gen für Auf­trit­te an den Ver­ein her­an­tra­gen, als der be­wäl­ti­gen kann. Des­halb sagt Ung­lert nicht oh­ne Stolz: „Die Kul­tur in Il­ler­tis­sen ist deutsch­land­weit bei den Agen­tu­ren be­kannt.“

War­um sich Ung­lert so für die Mu­sik en­ga­giert? Weil er es schon im­mer ge­tan hat. In Lop­pen­hau­sen im Un­ter­all­gäu ge­bo­ren, kam er 1970 nach Il­ler­tis­sen, wo er fast ein Vier­tel­jahr­hun­dert die ört­li­che Hy­po-Fi­lia­le lei­te­te. Er grün­de­te den Il­ler­tis­ser Drei­ge­sang, der rund 45 Jah­re lang er­folg­reich schwä­bi­sches Lied­gut pfleg­te. Und er di­ri­gier­te 33 Jah­re den Il­ler­tis­ser Män­ner­chor. Wenn Fritz Ung­lert et­was an­packt, bleibt er ger­ne lan­ge da­bei. Das hof­fen auch die Klas­sik­freun­de im Raum Il­ler­tis­sen, denn 15 Jah­re als Vor­sit­zen­der des Freun­des­krei­ses Kul­tur im Schloss – das ist doch noch kei­ne Zeit.

Agen­tu­ren aus ganz Deutsch­land fra­gen an

Fo­to: Ro­nald Hinzpeter

Der Il­ler­tis­ser Fritz Ung­lert schafft es mit viel Charme, hoch­ka­rä­ti­ge Klas­sik­kon­zer­te in der ver­meint­li­chen Pro­vinz auf die Bei­ne zu stel­len. Und na­tür­lich ist er sel­ber Mu­si­ker aus Lei­den­schaft.

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