Ein­fach nur die Welt ret­ten

Neu­es Buch Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler schreibt über auf­rüt­teln­de Be­geg­nun­gen. Und er skiz­ziert die not­wen­di­gen Kon­se­quen­zen. Wie Afri­ka so er­folg­reich wer­den kann wie Asi­en

Schwabmuenchner Allgemeine - - Politik - VON ANDREA KÜMPFBECK Gerd Mül­ler: Un­fair! Für ei­ne ge­rech­te Glo­ba­li­sie rung. Mur­mann Pu­blis­hers, 192 Sei ten, 19,90 Eu­ro.

Augs­burg Ein Schlüs­sel­er­leb­nis hat Gerd Mül­ler in Ju­ba, der Haupt­stadt des Süd­su­dan. Im fürch­ter­lichs­ten Flücht­lings­la­ger, das er als Bun­des­ent­wick­lungs­mi­nis­ter be­sucht hat, wie er sagt. Dort gibt es kei­ne Ka­na­li­sa­ti­on, kei­ne Toi­let­ten, die Men­schen ver­rich­ten die Not­durft hin­ter dem Zelt. Wenn es reg­net, und das tut es häu­fig in die­ser Ge­gend, fließt al­les, was sich drau­ßen be­fin­det, in die wack­li­gen Hüt­ten aus Äs­ten und Plas­tik­fet­zen.

Am Abend dann schaut der CSUPo­li­ti­ker aus dem All­gäu auf ei­nem Flach­bild­schirm in sei­ner ein­fa­chen Un­ter­kunft mit ein paar Be­woh­nern des Camps das Bun­des­li­ga­spiel Bay­ern Mün­chen ge­gen Her­tha BSC. In der Halb­zeit­pau­se: Wer­bung für deut­sche Au­tos, Mo­tor­rä­der, tol­le Rei­sen, Glit­zer und Gla­mour. „Die Afri­ka­ner um mich her­um kann­ten die Bil­der. Für mich war es ein Schock“, sagt Mül­ler.

Denn: In ei­nem der ent­le­gens­ten Win­kel der Welt „wur­de mir klar, dass die Men­schen dort ge­nau wis­sen, was wir in den rei­chen Län­dern es­sen und trin­ken, wie un­se­re Woh­nun­gen, Häu­ser und Stra­ßen aus­se­hen, un­se­re Au­tos, un­se­re Klei­der­schrän­ke“, er­zählt der 61-Jäh­ri­ge. Es fehl­ten bei den Wer­be­ein­spie­lun­gen nur noch die Un­ter­ti­tel auf dem Bild­schirm: „Schau, so le­ben wir! War­um bleibst du zu­rück in dei­ner be­schränk­ten Welt?“

Seit fast vier Jah­ren ist Gerd Mül­ler Bun­des­mi­nis­ter für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung. Vier Jah­re, die ihn mehr ge­prägt und be­ein­druckt ha­ben als all die Jahr­zehn­te zu­vor in der Po­li­tik. Sei­ne Be­geg­nun­gen und Er­leb­nis­se mit den Men­schen in den Flücht­lings­la­gern im Ni­ger oder in Ke­nia, mit den Nä­he­rin­nen in den Tex­til­fa­bri­ken von Ban­gla­desch, den müll­sam­meln­den Kin­dern in den Sl­ums von Old-De­lhi oder den Ar­bei­tern auf der Elek­tro­schrott-Müll­hal­de in Gha­na hat der stu­dier­te Wirt­schafts­päd­ago­ge jetzt in ei­nem auf­rüt­teln­den Buch zu­sam­men­ge­fasst, das heu­te in Ber­lin vor­ge­stellt wird.

Un­ter dem Ti­tel „Un­fair! Für ei­ne ge­rech­te Glo­ba­li­sie­rung“schil­dert Mül­ler aber nicht nur sei­ne Ein­drü­cke und Er­fah­run­gen. Er ana­ly­siert die Si­tua­ti­on in vie­len Län­dern Afri­kas, be­schreibt die Her­aus­for­de­run­gen für Eu­ro­pa – und bie­tet Lö­sun­gen an. Er will ein „Ge­samt­kon­zept dar­stel­len“, wie er sagt. Fak­ten schaf­fen. Vor al­lem aber will er Po­li­tik, Wirtschaft und die Be­völ­ke­rung alar­mie­ren. Da­bei nimmt er so­wohl die Un­ter­neh­men in die Pflicht, als auch die Län­der Afri­kas selbst. „Denn wir ste­hen an ei­ner Weg­ga­be­lung“, sagt der Mi­nis­ter. „Wir kön­nen die ers­te Ge­ne­ra­ti­on wer­den, die die Welt in die Apo­ka­lyp­se führt. Oder die ers­te Ge­ne­ra­ti­on, die ei­ne Welt oh­ne Hun­ger schafft.“

Mül­lers Bot­schaft: „Wir kön­nen die wach­sen­de Be­völ­ke­rung satt ma­chen“. Das ent­spre­chen­de Know­how ist vor­han­den: Durch neu­es Saat­gut oh­ne Gen­tech­nik, das bes­se­re Ern­te­er­trä­ge ab­wirft. Durch neue An­bau­me­tho­den, die man den Men­schen in den Hun­ger­län­dern bei­brin­gen muss. Durch mehr Fair­ness und Ge­rech­tig­keit. „In Afri­ka, dem Zu­kunfts­kon­ti­nent, ist die glei­che po­si­ti­ve Ent­wick­lung mög­lich, wie sie Asi­en er­lebt hat“, sagt Mül­ler. Doch in den Köp­fen der Men­schen müs­se sich et­was be­we­gen. Denn die Erd­be­völ­ke­rung wächst so schnell wie noch nie, täg­lich um 230 000 Men­schen. Und je­des Jahr kom­men 80 Mil­lio­nen – al­so ein­mal Deutsch­land – da­zu. Die dank der Di­gi­ta­li­sie­rung se­hen, wie das Le­ben im rei­chen Eu­ro­pa ist. Wür­de man al­ler­dings un­se­ren Kon­sum auf die Welt­be­völ­ke­rung über­tra­gen, bräuch­ten wir zwei bis drei Er­den, rech­net der Mi­nis­ter vor.

Die Res­sour­cen aber sind end­lich. Und wäh­rend der Wohl­stand der Glo­ba­li­sie­rungs­ge­win­ner wächst, leb­ten im­mer mehr Men­schen in Ent­wick­lungs­län­dern un­ter un­wür­di­gen Ver­hält­nis­sen: oh­ne Was­ser, Ener­gie, Bil­dung – oh­ne Per­spek­ti­ven. „Wenn wir es nicht schaf­fen, Hun­ger, Elend, Not, Bür­ger­krie­ge, Un­ge­rech­tig­kei­ten und die Dis­kre­panz zwi­schen Arm und Reich schritt­wei­se zu über­win­den, wer­den die Pro­ble­me zu uns kom­men´“, warnt Mül­ler. Denn die Men­schen wür­den es auf Dau­er nicht hin­neh­men, dass ih­re Res­sour­cen Grund­la­ge un­se­res Wohl­stan­des sind – und sie nichts da­von ha­ben. Nicht um­sonst steht das The­ma Afri­ka auch im Zen­trum des G20-Gip­fels An­fang Ju­li in Ham­burg.

Denn schon heu­te sind 65 Mil­lio­nen Men­schen welt­weit auf der Flucht. Aber: „Die Lö­sung kann und wird nicht in der Auf­nah­me von Mil­lio­nen Flücht­lin­gen in Eu­ro­pa be­ste­hen“, sagt der Ent­wick­lungs­mi­nis­ter.

„Wir kön­nen die ers­te Ge­ne­ra­ti­on wer­den, die die Welt in die Apo­ka­lyp­se führt. Oder die ers­te Ge­ne­ra­ti­on, die ei­ne Welt oh­ne Hun­ger schafft.“Bun­des­ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler

Fo­to: Kay Niet­feld, dpa

Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler auf ei­ner Müll­hal­de am Stadt­rand von Ac­cra in Gha­na. Welt­weit ent­ste­hen jähr­lich 50 Mil­lio­nen Ton­nen Elek­tro­müll. Ein Teil die­ser aus ge­dien­ten Han­dys, Com­pu­ter oder Fern­se­her kommt auf Schif­fen aus Deutsch­land, Eu­ro­pa oder den USA hier an.

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