Fa­mi­lie Wes­sig lebt für den Fuß­ball

Ta­lent Im All­tag nimmt Fa­bi­ans Hob­by viel Raum ein. Der 14-Jäh­ri­ge spielt im Nach­wuchs des FC Augs­burg und träumt von ei­ner Pro­fi­kar­rie­re. Die El­tern op­fern Frei­zeit und för­dern ih­ren Sohn – ob­wohl der Traum schnell plat­zen kann

Schwabmuenchner Allgemeine - - Die Welt Unserer Kinder - VON JO­HAN­NES GRAF

Fa­bi­an Wes­sig hat ei­nen Traum. Ei­nen, den vie­le Ju­gend­li­che in sei­nem Al­ter he­gen. Er will Fuß­ball-Pro­fi wer­den, will vor zehn­tau­sen­den Men­schen zei­gen, dass er bes­ser mit dem Ball am Fuß um­ge­hen kann als an­de­re. Wahr­schein­lich lo­cken ihn auch die Mil­lio­nen Eu­ro, die sich mit dem Ki­cken ver­die­nen las­sen. Viel­leicht so­gar der Star­sta­tus – ob­wohl Al­lü­ren so gar nicht zum sym­pa­thi­schen, höf­li­chen Auf­tre­ten des Bu­ben mit dem Wer­be­ge­sicht pas­sen. Un­ge­ach­tet des­sen weiß Fa­bi­an, was er will. Zwei­fel lässt der 14-Jäh­ri­ge nicht zu, weil er sich bis­her kei­ne Ge­dan­ken dar­über ma­chen muss­te. Für ihn läuft es viel­ver­spre­chend.

Fa­bi­an steht im Fo­kus. Er spielt für den Nach­wuchs des FC Augs­burg, in der kom­men­den Sai­son für das Team der U15. Ver­trä­ge dür­fen Klubs zwar of­fi­zi­ell erst mit 16 Jah­ren ab­schlie­ßen. Den­noch exis­tiert schon in die­sem Al­ter ein in­ter­na­tio­na­ler Trans­fer­markt, auf dem Be­ra­ter auf El­tern zu­ge­hen, um de­ren Kin­der an sich zu bin­den. Mit den ers­ten Ver­trä­gen kas­sie­ren die Ge­schäf­te­ma­cher dann mit.

Das Bu­si­ness schie­ben Fa­bi­an und des­sen El­tern noch vor sich her. Wohl wis­send, dass es sie ein­mal ein­ho­len wird, soll­te Fa­bi­an wei­ter­hin fes­ter Be­stand­teil der U-Mann­schaf­ten sein. Bis­her hat­te er in sei­nen Teams stets ei­ne füh­ren­de Rol­le, er war in den Ju­gend­teams Ka­pi­tän oder Stell­ver­tre­ter.

Fa­bi­an be­fin­det sich auf ei­nem gu­ten Weg – mehr nicht. Ei­ne Kar­rie­re im Pro­fi­fuß­ball ist nicht plan­bar. Und Ta­lent und Trai­ning al­lein wer­den Fa­bi­an nicht rei­chen, um sei­nen Traum zu ver­wirk­li­chen. Er muss dem Leis­tungs­druck stand­hal­ten, der Kon­kur­renz­si­tua­ti­on, dem knall­har­ten Aus­wahl­ver­fah­ren, das in den Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren der Bun­des­li­gis­ten herrscht. Fa­bi­an muss dar­auf hof­fen, dass Trai­ner sei­nen Spiel­stil mö­gen, dass er kör­per­lich mit­hal­ten kann, vor al­lem aber, dass er sich nicht schwer­wie­gend ver­letzt. Fa­bi­an fläzt läs­sig im Ter­ras­sen­stuhl, lässt sich den psy­chi­schen Druck nicht an­mer­ken, be­teu­ert: „Mich be­las­tet das nicht.“

Va­ter Andre­as und Mut­ter Bri­git­te, bei­de 43 Jah­re alt, wis­sen, wie ge­ring die Chan­cen ih­res Soh­nes sind. Rea­lis­tisch schät­zen sie ein, dass ihr Spröss­ling nur ei­ner von Tau­sen­den ist, die Mes­si und Co. nach­ei­fern. Das hin­dert sie nicht dar­an, ih­ren Sohn bei der Ver­wirk­li­chung sei­nes Traums bei­zu­ste­hen. Und das fast rund um die Uhr.

Fa­mi­lie Wes­sig wohnt in In­nin­gen, ei­nem Stadt­teil Augs­burgs. Mit­ten im Gar­ten steht ein gro­ßes Fuß­ball­tor, das Ge­stän­ge steht für die Lei­den­schaft der Be­sit­zer. Die Wes­sigs ord­nen dem Hob­by und da- mit Fa­bi­ans Traum al­les un­ter. Sie lie­ben nicht nur ihr Kind, sie lie­ben, was es macht. Fuß­ball ge­nießt Prio­ri­tät, er tak­tet den All­tag, be­stimmt die Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten, füllt den Fa­mi­li­en­ka­len­der.

Sorgt mit­un­ter so­gar da­für, dass Fa­mi­li­en­fei­ern ab­ge­sagt wer­den. Fa­bi­an war kurz da­vor, sei­ne ei­ge­ne Fir­mung zu ver­pas­sen, weil er bei ei­nem wich­ti­gen Spiel da­bei sein woll­te. „Er lebt das“, sagt Andre­as Wes­sig und fügt mit Nach­druck hin­zu: „Wir le­ben das.“Wol­len Oma oder Opa fei­ern, er­kun­di­gen sie sich schon mal im Vor­feld, ob die Wes­sigs über­haupt Zeit ha­ben. Bri­git­te Wes­sig fügt lä­chelnd hin­zu, sie hät­te ge­wusst, auf was sie sich ein­lässt, als sie Mann Andre­as in der Aus­bil­dung ken­nen­ge­lernt hat.

Andre­as Wes­sig hat selbst hö­her­klas­sig ge­spielt, heu­te trai­niert er den Be­zirks­li­gis­ten TG Vik­to­ria Augs­burg. Ist der 43-Jäh­ri­ge nicht mit sei­ner ei­ge­nen Mann­schaft un­ter­wegs, reist er mit sei­nem Sohn und dem Nach­wuchs des FCA durch Deutsch­land, teils so­gar Eu­ro­pa. Oh­ne die För­de­rung der El­tern blie­be Fa­bi­ans Ta­lent wohl auf der Stre­cke. Wes­sig be­müht sich, Va­ter und nicht Trai­ner zu sein. Er übt kei­nen Druck aus, mischt sich nicht ein. Sein Sohn müs­se nicht schaf­fen, was er einst nicht ge­schafft hat, be­teu­ert Wes­sig. „Wenn er das nicht ma­chen wol­len wür­de, müss­te er das nicht ma­chen.“

Den Weg end­gül­tig ein­ge­schla­gen hat Fa­mi­lie Wes­sig, als Fa­bi­an aufs Gym­na­si­um wech­sel­te. Nicht auf das nächst­ge­le­ge­ne, son­dern auf ei­nes, das mit dem FCA ko­ope­riert. Fa­bi­an be­sucht die ach­te Klas­se des Paul-Klee-Gym­na­si­ums in Gerst­ho­fen. Leis­tungs­sport und Schu­le wer­den dort mit­ein­an­der ver­zahnt.

Fa­bi­an trai­niert zwei­mal in der Wo­che schon vor der ers­ten Un­ter­richts­stun­de, au­ßer­dem wird mit Schul­auf­ga­ben, Prü­fun­gen und Be­frei­un­gen Rück­sicht ge­nom­men. Ma­ma Wes­sig über­nimmt den Fahr­dienst, er­klärt: „Das ist mein Job.“Mor­gens kut­schiert sie Fa­bi­an nach Gerst­ho­fen, abends nach dem Trai­ning holt sie ihn wie­der ab. Ge­gen sie­ben Uhr ver­lässt der Bub das Haus, manch­mal kehrt er erst ge­gen 20 Uhr zu­rück. An den Wo­che­n­en­den ste­hen Spie­le, Tur­nie­re und Aus­wahl­lehr­gän­ge an. Auf 15 bis 20 000 Ki­lo­me­ter pro Jahr schätzt Andre­as Wes­sig die Stre­cken, die die Fa­mi­lie für Fa­bi­an zu­rück­legt.

Or­ga­ni­sa­to­risch lässt sich das re­geln, weil Wes­sig Gleit­zeit hat. In der Sa­ni­täts­aka­de­mie der Bun­des­wehr be­treut er Stu­den­ten. Sei­ne Ka­ser­ne in Mün­chen liegt un­mit­tel­bar ne­ben dem Are­al, auf dem der FC Bay­ern der­zeit für rund 70 Mil­lio­nen Eu­ro sei­ne neue Nach­wuchs­aka­de­mie baut. Auch am Ar­beits­platz lässt Wes­sig das The­ma nicht

Ma­ma fährt ihn rum: „Das ist mein Job“

Die Ur­laubs­zie­le wer­den nach Tur­nie­ren aus­ge­wählt

los. Bri­git­te Wes­sig ist bei der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung tä­tig.

Wäh­rend im Ten­nis, Se­geln oder Mo­tor­sport El­tern mit­un­ter viel ei­ge­nes Geld in die För­de­rung ih­rer Kin­der ste­cken, ist im Pro­fi­fuß­ball das Geld da. Die Wes­sigs in­ves­tie­ren vor al­lem Zeit. Die­se ver­brin­gen sie oft im Au­to, auf Sport­plät­zen und in Ho­tels. Zehn bis 15 Wo­che­n­en­den sei­en das pro Jahr, schätzt Wes­sig. Statt aus­ge­dehn­ter Ur­lau­be reist Fa­mi­lie Wes­sig in Städ­te, ver­bringt Ta­ge in Ita­li­en, der Tür­kei oder der Nie­der­lan­de, wenn Fa­bi­an ge­gen den Nach­wuchs von Ju­ven­tus Tu­rin, des FC Chel­sea oder Ajax Ams­ter­dams spielt. „Die­se Er­leb­nis­se kann ihm nie­mand mehr neh­men“, meint Andre­as Wes­sig.

Auch dann nicht, soll­te der Pro­fi­fuß­ball­traum ein­mal jäh plat­zen.

Fo­to: Ul­rich Wa­gner

Ein Tor, ein Ball, ei­ne Lei­den­schaft. Bei Bri­git­te, Fa­bi­an und Andre­as Wes­sig dreht sich al­les um Fuß­ball. Der Sport tak­tet den Fa­mi­li­en­all­tag.

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