Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (55)

Schwabmuenchner Allgemeine - - Wetter | Roman -

„W enn du es gesehen hast, hät­test du es mir sa­gen sol­len, Lu­cy. Wir hät­ten das Mäd­chen fan­gen und ins Ge­fäng­nis brin­gen kön­nen. Und wenn die Män­ner in der Werk­statt gleich ge­wusst hät­ten, wo das Pro­blem zu su­chen war, hät­ten sie das Au­to viel schnel­ler re­pa­rie­ren kön­nen.“

„Ich hat­te Angst“, sagt sie und senkt den Kopf, weil sie mir nicht in die Au­gen se­hen kann. Die Trä­nen lau­fen ihr jetzt in Strö­men über die Wan­gen, und ich se­he sie un­ten auf den Bo­den trop­fen – sal­zi­ge Ver­gäng­lich­kei­ten, glit­zern­de Kü­gel­chen, die im Au­gen­blick dun­kel wer­den und im Staub ver­schwin­den.

„Angst? Wo­vor soll­test du Angst ha­ben?“Statt auf mei­ne Fra­ge zu ant­wor­ten, schlingt sie ih­ren rech­ten Arm um mich und birgt ihr Ge­sicht an mei­nen Rip­pen. Ich strei­che ihr übers Haar, und als ich ih­ren Kör­per an mei­nem be­ben spü­re, be­grei­fe ich plötz­lich, was sie mir zu sa­gen ver­sucht hat. Ein Schock durch­zuckt mich, Zorn steigt sie­dend in mir auf, ver­ebbt aber wie­der und legt sich ganz. Der Zorn weicht Mit­leid, und ich weiß, wenn ich jetzt zu schimp­fen an­fan­ge, ver­lie­re ich sie vi­el­leicht für im­mer.

„War­um hast du das ge­tan?“, fra­ge ich.

„Es tut mir so Leid“, sagt sie, um­klam­mert mich noch fes­ter und heult in mein Hemd. „Es tut mir so furcht­bar Leid. Aber ich bin ir­gend­wie durch­ge­dreht, On­kel Nat, ich hab kaum ge­wusst, was ich tue, und dann war’s auch schon pas­siert. Ma­ma hat mir von Pa­me­la er­zählt. Sie ist ein schlech­ter Mensch, und ich woll­te da nicht hin.“

„Ich weiß nicht, ob sie schlecht ist oder was, aber es ist ja noch­mal gut aus­ge­gan­gen. Was du ge­tan hast, war falsch, Lu­cy. Das war sehr schlimm, und ich möch­te, dass du so et­was nie wie­der tust. Aber die­ses Mal – die­ses ei­ne Mal - hat sich das Fal­sche als das Rich­ti­ge her­aus­ge­stellt.“

„Wie kann was Fal­sches et­was Rich­ti­ges sein? Da könn­te man auch sa­gen, ein Hund ist ei­ne Kat­ze, oder ei­ne Maus ist ein Ele­fant.“

„Hast du schon ver­ges­sen, was Al Ju­ni­or uns von den Brem­sen er­zählt hat?“

„Nein, das weiß ich doch. Ich ha­be dir das Le­ben ge­ret­tet, oder?“

„Und dir selbst. Und On­kel Tom.“

End­lich löst sie sich von mei­nem Hemd, wischt sich die Trä­nen aus den Au­gen und sieht mich lan­ge und nach­denk­lich an. „Sag On­kel Tom bit­te nichts da­von, ja?“„War­um nicht?“

„Weil er mich dann nicht mehr gern hat.“

„Aber nein.“

„Doch, be­stimmt. Und ich will, dass er mich gern hat.“

„Ich hab dich doch auch noch gern.“

„Du bist an­ders.“„In­wie­fern?“

„Ich weiß nicht. Du nimmst nicht al­les so ernst wie On­kel Tom. Du bist nicht so streng.“

„Das ist nur so, weil ich äl­ter bin.“

„Sag es ihm bit­te nicht. Schwör mir, dass du es ihm nicht sagst.“„Na schön, Lu­cy. Ich schwör’s.“Jetzt lä­chelt sie, und zum ers­ten Mal, seit sie am Sonn­tag­mor­gen auf­ge­taucht ist, se­he ich ih­re Mut­ter als jun­ges Mäd­chen vor mir. Au­ro­ra. Die ab­we­sen­de Au­ro­ra, ver­schol­len im my­thi­schen Land Ca­ro­li­na Ca­ro­li­na, ei­ne Schat­ten­frau au­ßer Reich­wei­te der Le­ben­den. Wenn sie jetzt über­haupt ir­gend­wo ist, dann im Ge­sicht ih­rer Toch­ter, in der Treue die­ses Mäd­chens, in Lu­cys un­ge­bro­che­nem Ver­spre­chen, uns nicht zu sa­gen, wo sie sich auf­hält.

End­lich ist Tom auf­ge­stan­den. Sei­ne Ver­fas­sung ist für mich schwer zu deu­ten, sie schwankt zwi­schen düs­te­rer Zuf­rie­den­heit und ner­vö­ser, un­be­hag­li­cher Be­fan­gen­heit. Beim Mit­tag­es­sen er­wähnt er die Er­eig­nis­se der ver­gan­ge­nen Nacht mit kei­nem Wort, und so neu­gie­rig ich bin, von ihm et­was Ge­naue­res zu er­fah­ren, se­he ich da­von ab, ir­gend­wel­che Fra­gen zu stel­len. Hat er sich ernst­haft in die über­schwäng­li­che Miss C. ver­liebt, fra­ge ich mich, oder ist sie für ihn nur ein flüch­ti­ges Aben­teu­er? Geht es um Sex und nichts als Sex, oder sind da auch Ge­füh­le im Spiel? Nach dem Es­sen zieht Lu­cy mit St­an­ley los, um mit ihm Trak­tor zu fah­ren und ihm beim Ra­sen­mä­hen zu hel­fen. Tom geht zum Rau­chen auf die Veran­da, und ich set­ze mich auf den Stuhl ne­ben ihm.

„Wie hast du ge­schla­fen, Nat­han?“, fragt er.

„Ganz gut“, ant­wor­te ich. „Wenn man be­denkt, wie dünn die Wän­de sind, hät­te es sehr viel schlim­mer sein kön­nen.“ „Das ha­be ich be­fürch­tet.“„Ist doch nicht dei­ne Schuld. Du hast das Haus nicht ge­baut.“

„Ich hab ihr im­mer wie­der gesagt, sie soll lei­ser sein, aber du weißt ja, wie das ist. Wenn je­mand erst mal in Fahrt ist, kann man nichts mehr da­ge­gen ma­chen.“

„Halb so wild. Ehr­lich gesagt war ich so­gar froh. Ich hab mich für dich ge­freut.“

„Ich mich auch. We­nigs­tens mal für ei­ne Nacht war ich glück­lich.“

„Es kom­men noch mehr Näch­te, Al­ter. Das war erst der An­fang.“

„Meinst du? Sie ist heu­te Mor­gen sehr früh ge­gan­gen, und als sie hier war, ha­ben wir auch nicht gra­de viel mit­ein­an­der ge­spro­chen. Ich ha­be kei­ne Ah­nung, was sie wirk­lich will.“

„Wich­ti­ger wä­re zu wissen: Was willst du?“

„Da­für ist es noch zu früh. Das ist al­les so schnell pas­siert, dass ich noch gar nicht dar­über nach­den­ken konn­te.“

„Du hast mich zwar nicht ge­fragt, aber mei­ner Mei­nung nach passt ihr zwei sehr gut zu­sam­men.“

„Ja. Zwei Mop­pel beim nächt­li­chen Dop­pel. Ich stau­ne selbst, dass das Bett nicht zu­sam­men­ge­bro­chen ist.“

„Ho­ney ist nicht dick. Sie ist das, was man ,statt­lich› nennt.‘“

„Sie ist nicht mein Typ, Nat­han. Zu grob. Zu selbst­si­cher. Zu al­lem ei­ne Mei­nung. Sol­che Frau­en ha­ben mich noch nie an­ge­zo­gen.“

„Ge­ra­de des­we­gen wä­re sie gut für dich. Sie wür­de dich auf Tr­ab hal­ten.“

Tom schüt­telt seuf­zend den Kopf. „Das kann nie­mals gut ge­hen. Nach spä­tes­tens ei­nem Mo­nat wä­re ich fix und fer­tig.“

„Du willst al­so schon nach ei­ner Nacht auf­ge­ben.“

„Dar­an ist doch nichts Schlim­mes. Ei­ne gu­te Nacht, und das war’s.“

„Und was, wenn sie wie­der zu dir ins Bett kriecht? Schmeißt du sie dann raus?“

Tom hält ein Streich­holz an sei­ne zwei­te Zi­ga­ret­te und denkt gründ­lich nach. „Ich weiß nicht“, sagt er schließ­lich. „War­ten wir’s ab.“

Lei­der be­kommt we­der Tom noch sonst je­mand die Chan­ce, ir­gend­et­was ab­zu­war­ten.

Denn ei­ne letz­te Über­ra­schung er­war­tet uns, und die­se er­weist sich als so ge­wal­tig, so schmerz­lich, so un­ge­heu­er in ih­ren Kon­se­quen­zen, dass uns nichts an­de­res üb­rig bleibt, als noch an die­sem Nach­mit­tag das Wei­te zu su­chen. Un­se­re Fe­ri­en im Chow­der Inn neh­men ein jä­hes und ver­wir­ren­des En­de.

Adieu, Hü­gel. Adieu, Ra­sen.

»56. Fort­set­zung folgt

Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben...

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