Bern­hard Sch­link: Die Frau auf der Trep­pe (3)

Schwabmuenchner Allgemeine - - Wetter | Roman - »4. Fort­set­zung folgt

IZwei Män­ner wol­len Ire­ne so­wie ein Ge­mäl­de, das Ire­ne nackt zeigt: der Un­ter­neh­mer Gund­lach und der Ma­ler Schwind. Ein An­walt soll ver­mit­teln; er lernt eben­falls, Ire­ne zu lie­ben… Aus: Bern­hard Sch­link Die Frau auf der Trep­pe

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ch ver­such­te, mir ei­nen Reim auf das zu ma­chen, was ich ge­ra­de ge­hört hat­te. Sie hat­te dem Ma­ler Mo­dell ge­stan­den und war mit ihm durch­ge­brannt? Hat­te den al­ten Mann ge­gen den jun­gen ge­tauscht? Hat­te bei der Schei­dung aus dem al­ten raus­ge­presst, was sich raus­pres­sen ließ?

Aber sie war nicht mei­ne Auf­ga­be, er war es. „Las­sen Sie ihn und das Bild. Recht­lich hat er nichts ge­gen Sie in der Hand, und die Dro­hung mit sei­nem Ein­fluss wür­de ich nicht ernst neh­men. Schrei­ben Sie das Bild ab, auch wenn es Sie schmerzt. Oder ma­len Sie es noch mal – ich hof­fe, das ist für ei­nen Ma­ler kein krän­ken­der Vor­schlag.“

„Es ist kein krän­ken­der Vor­schlag. Aber ich kann das Bild nicht ab­schrei­ben. Und viel­leicht…“Er saß still da, und der Aus­druck sei­nes Ge­sichts ver­än­der­te sich, ver­lor al­les Ver­zwei­fel­te, Em­pör­te und Ve­rächt­li­che, wur­de kind­lich, und der gro­ße Mann mit dem gro­ßen Ge­sicht und den gro­ßen Hän­den sah

uns zu­ver­sicht­lich an. „Wisst ihr, viel­leicht war der Scha­den am Bein wirk­lich ein Zu­fall. Als Gund­lach den Scha­den sah, hat er das be­schä­dig­te Bild zu­erst nicht mehr ge­mocht. Dann hat er ge­dacht, dass der Scha­den ihm die Er­in­ne­rung vom Leib hält und dass er oh­ne die Er­in­ne­rung leich­ter lebt. Des­halb hat er das Bild die nächs­ten Ma­le selbst be­schä­digt. Aber wenn er es wie­der in sei­ner ur­sprüng­li­chen Schön­heit sieht, liebt er es wie­der.“

„Mir macht Gund­lach nicht den Ein­druck, als las­se er sich von Kunst ver­füh­ren.“Ich sah fra­gend zu ihr, aber sie sag­te nichts, nick­te nicht, schüt­tel­te nicht den Kopf, son­dern sah ihn ver­wun­dert und ver­liebt an, als se­he sie be­glückt in sein kind­li­ches Ge­müt. Ich ver­such­te es noch mal. „Sie ge­ben sich in sei­ne Hand. Er kann das Bild wie­der und wie­der be­schä­di­gen. Sie kom­men gar nicht mehr zu Ih­ren ei­ge­nen Sa­chen.“

Er sah mich trau­rig an. „Ich ha­be im letz­ten hal­ben Jahr kein ein­zi­ges Bild ge­malt.“

Ein bis zwei Mo­na­te hat­te er für die Re­stau­rie­rung des Bil­des ver­an­schlagt, und ich war si­cher, dass ich ihn da­nach wie­der in mei­nem Bü­ro se­hen wür­de. Aber der Som­mer ging vor­bei, und er kam nicht. Im Ok­to­ber hat­te ich ei­nen gro­ßen Fall und dach­te nicht mehr an ihn.

Bis mir der Bü­ro­lei­ter ei­nes Mor­gens Ire­ne Gund­lach mel­de­te. Sie kam in Ja­cke, Top und Je­ans, und zu­erst dach­te ich, sie sei für den Herbst­tag zu leicht an­ge­zo­gen, aber dann sah ich aus dem Fens­ter, und der Mor­gen­ne­bel war ver­dampft, der Him­mel war blau, und die Blät­ter der Kas­ta­nie leuch­te­ten gol­den in der Son­ne.

Sie gab mir die Hand und setz­te sich. „Ich kom­me in Karls Auf­trag. Er wür­de Ih­nen ger­ne selbst dan­ken. Aber er ist in ei­ner Pha­se, in der er sich von nichts ab­len­ken las­sen will. Gund­lach war in den letz­ten Mo­na­ten in den USA, hat nicht ge­stört, und Karl hat nicht nur mein Bild re­stau­riert, son­dern auch ein neu­es an­ge­fan­gen.“Sie lach­te. „Sie wür­den ihn nicht wie­der­er­ken­nen. Nach­dem die Last mei­nes Bilds von ihm ge­fal­len ist, ist er ein neu­er Mensch.“

„Das freut mich.“

Sie stand nicht auf, son­dern schlug die Bei­ne über­ein­an­der. „Schi­cken Sie die Rech­nung bit­te mir. Karl hat kein Geld, er müss­te sie mir oh­ne­hin ge­ben.“Sie sah die Fra­ge in mei­nem Ge­sicht, noch ehe ich sie ge­dacht hat­te. „Es ist nicht Gund­lachs Geld. Es ist mein ei­ge­nes.“Sie lä­chel­te. „Wie mag un­se­re Ge­schich­te auf Sie wir­ken? Rei­cher al­ter Mann lässt sei­ne jun­ge Frau von ei­nem jun­gen Ma­ler ma­len, und die bei­den ver­lie­ben sich und bren­nen durch. Ein Kli­schee, nicht wahr?“Sie lä­chel­te wei­ter. „Wir lie­ben die Kli­schees, weil sie stim­men. Ob­wohl?… Ist Gund­lach schon ein al­ter Mann? Ist Karl noch ein jun­ger Ma­ler?“Sie lach­te, und wie­der wun­der­te ich mich über das dunk­le La­chen der Frau mit dem blon­den Haar und der blas­sen Haut und dem hel­len Blick. Sie kniff beim La­chen die Au­gen zu­sam­men. „Manch­mal fra­ge ich mich, ob ich noch ei­ne jun­ge Frau bin.“

Ich lach­te mit. „Was sonst?“Sie wur­de ernst. „Zum Jung­sein ge­hört das Ge­fühl, al­les kön­ne wie­der gut wer­den, al­les, was schief­ge­lau­fen ist, was wir ver­säumt, was wir ver­bro­chen ha­ben. Wenn wir das Ge­fühl nicht mehr ha­ben, wenn Er­eig­nis­se und Er­fah­run­gen un­wie­der­bring­lich wer­den, sind wir alt. Ich ha­be das Ge­fühl nicht mehr.“

„Dann war ich nie jung. Mei­ne Mut­ter starb, als ich vier war – wie soll­te das wie­der gut wer­den? Mei­ne Groß­mut­ter hat die Mut­ter nicht wie­der­ge­bracht.“Sie sah mich mit ih­rem hel­len Blick di­rekt an. „Sie ha­ben noch nie ge­liebt, nicht wahr? Viel­leicht müs­sen Sie äl­ter wer­den, um jung zu wer­den. Um in ei­ner Frau al­les zu fin­den, al­les wie­der­zu­fin­den: die Mut­ter, die Sie ver­lo­ren ha­ben, die Schwes­ter, die Sie ver­misst ha­ben, die Toch­ter, von der Sie träu­men.“Sie lä­chel­te. „Das al­les sind wir, wenn wir rich­tig ge­liebt wer­den.“Sie stand auf. „Se­hen wir uns wie­der? Ich hof­fe es nicht – ver­ste­hen Sie mich nicht falsch, bit­te nicht.

Wenn wir uns wie­der­se­hen, ist al­les aus den Fu­gen. Den­ken Sie auch manch­mal, dass Gott uns un­ser Glück nei­det und es da­her zer­stö­ren muss?“Ich woll­te, was sie sag­te, als Ge­schwätz und sie als Schwät­ze­rin ab­tun. Ob Gund­lachs Geld oder ih­res – sie schien ge­nug da­von zu ha­ben und nichts ver­die­nen, nichts ar­bei­ten zu müs­sen. Ein Nichts­nutz. Aber sie ließ sich nicht ab­tun. Sie saß in mei­nem Kopf – mit über­ein­an­der­ge­schla­ge­nen Bei­nen, en­gen Je­ans und en­gem Top, hel­lem Blick und dunk­lem La­chen, ge­las­sen, her­aus­for­dernd, ver­wir­rend. Ich war schon ver­wirrt, wäh­rend wir uns ge­gen­über­sa­ßen. Ich war es voll­ends, als ich am nächs­ten Tag in Gund­lachs Haus kam und das Bild sah. Nein, dach­te ich, als Gund­lach mir ent­ge­gen­kam und mich be­grüß­te, das ist kein al­ter Mann. Er moch­te vier­zig sein, war schlank, hat­te vol­les schwar­zes Haar und graue Schlä­fen, be­weg­te sich en­er­gisch und re­de­te en­er­gisch. „Ich dan­ke Ih­nen für Ihr Kom­men. Ihr Man­dant und ich tun uns schwer mit­ein­an­der, und ich bin si­cher, wir bei­de tun uns leich­ter.“

Von mir aus wä­re ich nicht zu Gund­lach in den Tau­nus ge­fah­ren. Ich hät­te dar­auf be­stan­den, dass er, der et­was von mir woll­te, zu mir kä­me. Aber Gund­lach hat­te beim Bü­ro­lei­ter an­ge­ru­fen, und der Bü­ro­lei­ter hat­te mei­nen Be­such zu­ge­sagt. „Gund­lach ei­nen Be­such ab­schla­gen? Sie müs­sen noch viel ler­nen.“Er er­zähl­te mir von Gund­lachs Un­ter­neh­men, Ver­mö­gen und Ein­fluss. Al­so fuhr ich hin, wur­de vom But­ler emp­fan­gen, muss­te im Foy­er war­ten und rang mit mei­nem Stolz.

Auch dass Gund­lach mich beim Arm nahm, ver­letz­te mei­nen Stolz. Er führ­te mich in den Sa­lon. Rechts ei­ne Fens­ter­front mit Blick in die Ebe­ne, links ei­ne Bü­cher­wand, vor mir auf wei­ßer Wand das Bild. Ich blieb ste­hen, ich konn­te nicht an­ders, und Gund­lach ließ mei­nen Arm los. Sie ha­ben noch nicht ge­liebt… wenn wir rich­tig ge­liebt wer­den… das Glück, das Gott uns nei­det – al­les, was sie am Tag da­vor ge­sagt hat­te, ver­sprach sie, in­dem sie nackt die Trep­pe her­ab­kam.

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