Bern­hard Sch­link: Die Frau auf der Trep­pe (7)

Schwabmuenchner Allgemeine - - Wetter | Roman -

Hat­te Gund­lach ei­nen De­tek­tiv an­ge­stellt, der Schwinds We­gen folg­te und sein Be­tre­ten und Ver­las­sen der Kanz­lei ge­mel­det hat­te?

„Sie über­le­gen, was Sie auf­set­zen sol­len. Ich ha­be Ih­nen nicht ins Hand­werk zu pfu­schen. Aber er­lau­ben Sie mir ei­nen Hin­weis zur Ab­wick­lung. Am bes­ten kom­men Schwind und Ire­ne zu mir. Wir re­den ein biss­chen, Schwind bringt das Bild ins Au­to, um gleich wie­der­zu­kom­men und Ire­ne ab­zu­ho­len, fährt aber mit dem Bild da­von. Wenn ich Ire­ne dann er­klä­re, dass Schwind sie ge­gen das Bild ge­tauscht hat, weiß sie schon, zu wem sie ge­hört.“

„Was, wenn sie’s nicht weiß?“Er lach­te. „Las­sen Sie das mei­ne Sor­ge sein. Ich ken­ne sie. Als sie mich ver­ließ, hat­ten wir ei­ne schwie­ri­ge Zeit, und sie dach­te, sie fän­de die wah­re Lie­be nicht bei mir, son­dern bei ihm. Nach dem Tausch weiß sie es bes­ser.“Ich sag­te nichts. „Hal­lo? Sie glau­ben mir nicht und fra­gen sich, was pas­siert, wenn sie’s

nun doch nicht weiß? Kei­ne Angst, ich le­ge sie nicht in Ket­ten und sper­re sie nicht in den Kel­ler. Wenn sie ei­ne Ta­xe will, kriegt sie ei­ne Ta­xe.“Sein Ton wur­de her­risch. „Al­so ma­chen Sie den Ver­trag, las­sen Sie Schwind und mich un­ter­schrei­ben, und set­zen Sie das Tref­fen an.“Er leg­te auf.

In Ket­ten le­gen und in den Kel­ler sper­ren? Nein, so nicht. Aber was, wenn er sie ir­gend­wo­hin ent­führ­te? In sein Haus auf dem Land oder auf sei­ne In­sel in der Ägä­is? Er be­täubt sie, und sie wacht auf sei­ner Jacht oder in sei­nem Jet auf, und weil sie nur noch gu­te Mie­ne zum bö­sen Spiel ma­chen kann, schreibt sie mir ei­ne Post­kar­te, dass sie mit Gund­lach zwei­te Flit­ter­wo­chen ge­nießt?

Ich stell­te mir das Ge­spräch, das Ger­an­gel und die Be­täu­bung vor. Macht Gund­lach es al­lei­ne? Oder hält der But­ler sie fest, wäh­rend Gund­lach den Lap­pen mit dem Chlo­ro­form auf ihr Ge­sicht drückt? Tra­gen sie sie zu­sam­men in den Wa­gen? Fährt Gund­lach selbst? Dann kam mir ei­ne an­de­re Wen­dung des Ge­sche­hens in den Sinn. Wie, wenn Schwind Gund­lach be­trügt? Wenn er ihr al­les sagt? Wenn sie ihm hilft, das Bild zu krie­gen, um da­nach mit ihm zu flie­hen? Gund­lach lässt sich das nicht bie­ten und hat Leu­te, die die bei­den ja­gen und Schwind be­stra­fen und sie ent­füh­ren. Oder ist er so wü­tend auf sie, dass er sie nicht ent­füh­ren, son­dern auch be­stra­fen lässt? Ver­prü­geln, ver­ge­wal­ti­gen, ent­stel­len? Nein, Schwind muss­te wis­sen, dass er Gund­lach nicht be­trü­gen konn­te. Es wür­de zum Tausch kom­men.

Gund­lach hat sich erst vor we­ni­gen Jah­ren zur Ru­he ge­setzt und die Lei­tung des Un­ter­neh­mens sei­ner Toch­ter über­ge­ben. Er war ein be­gna­de­ter Un­ter­neh­mer, hat er­folg­reich nach Ost­eu­ro­pa, Ame­ri­ka und Chi­na ex­pan­diert, hat Kohl und Schrö­der in den Wirt­schafts­fra­gen der Wie­der­ver­ei­ni­gung be­ra­ten und hät­te, wenn er ge­wollt hät­te, Prä­si­dent des Bun­des­ver­bands der Deut­schen In­dus­trie wer­den kön­nen. Ge­le­gent­lich sind wir uns ge­sell­schaft­lich be­geg­net. Aus dem Ver­spre­chen, er wer­de, wenn ich ihn und Schwind mit­ein­an­der ins Ge­schäft bräch­te, an mich den­ken, wur­de nichts.

Ja, ich brach­te Gund­lach und Schwind so mit­ein­an­der ins Ge­schäft, wie sie es woll­ten. Ich setz­te den Ver­trag auf, leg­te dar­in die Über­ga­be ent­spre­chend Gund­lachs Vor­schlag fest und ließ den Ver­trag von bei­den un­ter­schrei­ben. Die Über­ga­be soll­te am Sonn­tag um 17 Uhr statt­fin­den.

Au­ßer­dem be­schloss ich, Ire­ne Gund­lach zu war­nen. Soll­te ich sie in die Kanz­lei be­stel­len? Sie auf­for­dern, al­lei­ne zu kom­men? Aber wenn Schwind sie doch be­glei­ten wür­de? Oder wenn sie mei­ne Auf­for­de­rung selt­sam fän­de und nicht kä­me? Ich wuss­te, wo sie und Schwind wohn­ten, nahm den Tag frei und park­te das Au­to so, dass ich den Ein­gang des mehr­stö­cki­gen al­ten Miets­hau­ses im Au­ge hat­te. Ich muss­te nicht lan­ge war­ten; um 9 Uhr trat sie aus der Tür, ging die Stra­ße ent­lang, und ich folg­te ihr auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te. Wir nah­men die U-Bahn in die In­nen­stadt, und im Ge­tüm­mel des Aus­stei­gens er­gab sich ei­ne hin­rei­chend zu­fäl­lig wir­ken­de Be­geg­nung.

„Wie schön, dass wir uns tref­fen. Der Fall nimmt ei­ne Wen­dung, über die ich mit Ih­nen re­den woll­te. Ha­ben Sie ei­nen Mo­ment?“

War sie über­rascht? Sie re­agier­te ge­las­sen, lä­chel­te und sag­te: „Ich muss über den Fluss. Be­glei­ten Sie mich?“

Wir gin­gen durch die Alt­stadt und über die Brü­cke und re­de­ten von der Ve­rän­de­rung des Stadt­bilds, den be­vor­ste­hen­den Wah­len und dem schö­nen Herbst. Über dem Fluss hing noch der Mor­gen­ne­bel, aber die bun­ten Blät­ter der Bäu­me leuch­te­ten schon in der Son­ne. Ich er­in­ner­te sie dar­an, dass auch bei ih­rem Be­such in der Kanz­lei die Son­ne ge­schie­nen und die Blät­ter ge­leuch­tet hat­ten.

Wir setz­ten uns auf ei­ne Bank, und ich er­zähl­te ihr von mei­nem Be­such bei Gund­lach, von Schwinds Be­such in mei­ner Kanz­lei und von dem Ver­trag, den ich auf­ge­setzt und den bei­de un­ter­schrie­ben hat­ten. Ich er­zähl­te ihr auch von mei­ner Angst, was Gund­lach ihr an­tun könn­te, wenn sie nicht mit­spiel­te. Ich wuss­te nicht, wie sie, was ich ihr er­zähl­te, auf­nahm. Ich sah sie nicht an.

Ich sah über den Fluss auf die Stadt, sah den Ne­bel dün­ner wer­den, sich in Schwa­den zer­tei­len und auf­lö­sen. Als ich zu re­den an­fing, war die Stadt vom Ne­bel ver­hüllt, als ich fer­tig war, lag sie in der Son­ne.

Als ich sie schließ­lich an­sah, hat­te sie Trä­nen in den Au­gen, und ich sah rasch wie­der weg. „Ist schon gut“, sag­te sie mit ei­ner Stim­me, der die Trä­nen nicht an­zu­mer­ken wa­ren, „sind nur ein paar Trä­nen.“Dann frag­te sie: „War­um der Ver­trag? Was bringt er den bei­den?“

„Ich den­ke, Gund­lach woll­te der Ab­spra­che Förm­lich­keit und Ver­bind­lich­keit ge­ben, auch wenn es kei­ne recht­li­che sein kann. Frü­her hät­te er Schwind zum Du­ell ge­for­dert.“

„Und Sie? Was bringt der Ver­trag Ih­nen?“

„Wenn ich ihn nicht auf­ge­setzt hät­te, hät­te Gund­lach ei­nen an­de­ren An­walt ge­fun­den. Und ich wüss­te nicht, was er und Schwind mit Ih­nen vor­ha­ben.“

„Dür­fen Sie das als An­walt ei­gent­lich? Zu­erst den ei­nen mei­ner bei­den Män­ner ver­tre­ten, dann mit dem an­de­ren pak­tie­ren und dann mir al­les er­zäh­len?“

„Das ist mir egal.“

Sie nick­te. „Am Sonn­tag al­so… Nein, ei­ne Jacht oder ei­nen Jet hat mein Mann nicht und auch kei­ne In­sel. Aber er hat ein Land­haus. Bräch­te er fer­tig, mich zu be­täu­ben und zu ver­schlep­pen? Ich weiß es nicht.“

„Ihr Mann? Sind Sie nicht ge­schie­den?“

„Er will nicht, und sei­ne An­wäl­te ver­zö­gern die Schei­dung.“Ih­re Stim­me be­kam ei­nen ge­reiz­ten Ton, ich wuss­te nicht, ob we­gen mei­ner Neu­gier oder we­gen Gund­lachs Wi­der­stands.

„Es tut mir leid …“

„Sie müs­sen sich nicht stän­dig ent­schul­di­gen.“»8. Fort­set­zung folgt

Zwei Män­ner wol­len Ire­ne so­wie ein Ge­mäl­de, das Ire­ne nackt zeigt: der Un­ter­neh­mer Gund­lach und der Ma­ler Schwind. Ein An­walt soll ver­mit­teln; er lernt eben­falls, Ire­ne zu lie­ben… Aus: Bern­hard Sch­link Die Frau auf der Trep­pe

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