Das ge­ret­te­te Tal

Ost­ti­rol Über Jahr­zehn­te war in Kals am Groß­glock­ner ein gi­gan­ti­sches Stau­damm­pro­jekt im Ge­spräch. Es soll­te Ar­beits­plät­ze brin­gen. Aber vor der ho­hen Mau­er hat­ten die Bür­ger schlicht­weg Angst

Schwabmuenchner Allgemeine - - Reise-journal - / Von Richard Mayr

Groß­glock­ner­blick steht auf dem Stra­ßen­schild. Ja wo denn bit­te schön? Er ist nicht zu se­hen. Da­für aber be­fin­det sich das Au­to plötz­lich mit­ten auf der Fahr­bahn. Jetzt bloß kei­nen Un­fall bau­en und schön wie­der zu­rück auf die Spur. Nein, von den Ber­gen darf man sich nicht ab­len­ken las­sen un­ten im Tal, auch wenn sie noch so ver­füh­re­risch in Ost­ti­rol die Stra­ßen säu­men, hier im Herz der Ost­al­pen.

Es ist Hoch­som­mer, in der Nacht hat es ge­reg­net, das Ziel ist nicht der höchs­te Berg Ös­ter­reichs, son­dern das Tal an sei­ner Flan­ke. Ein ver­wun­sche­ner Ort, aus der Zeit ge­fal­len. Kei­ne Ski­lif­te an den Hän­gen, da­für das Vieh auf den Al­men. Und ganz am En­de war­tet ein See. Das Schöns­te: Im Ge­gen­satz zu man­chem Berg hier in Ost­ti­rol – die 3000er-Mar­ke wird ziem­lich oft ge­knackt – ist der Weg dort­hin nicht an­stren­gend; ein Spa­zier­gang al­so, aber was für ei­ner.

Los geht es hin­ter dem Dorf Kals am Wan­der­park­platz, los geht es erst mal mit ei­nem Na­del­öhr. Be­vor das wei­te Tal zu se­hen ist, geht es durch die Da­bak­lamm. Wild schäu­mend schießt das Was­ser hin­durch, der Weg führt eng am Fels durch die Schlucht. Er ist nass, weil das Was­ser von über­all­her kommt. Zwei Frau­en, die nur ein paar Mi­nu­ten frü­her ge­star­tet sind, kom­men schon wie­der ent­ge­gen. Was ist los? Das Fern­glas ver­ges­sen? „St­ein­schlag ein paar Me­ter wei­ter“, sa­gen sie. Ein gro­ßer Wa­cker­stein, nur zehn Me­ter von ih­nen ent­fernt sei er her­un­ter­ge­kom­men und ha­be das Holz­ge­län­der durch­schla­gen. Wer weiß, was her­un­ter­kommt, kein gu­tes Omen für ei­ne Tour.

Ja, die­ser Fla­schen­hals, der das Dor­fer Tal förm­lich ab­schnürt. Vor Jahr­zehn­ten hat er die Fan­ta­sie von In­ge­nieu­ren, Tech­ni­kern, Ener­gie­wirt­schaft­lern und auch Po­li­ti­kern in Be­geis­te­rung ver­setzt – als idea­ler Ort für ei­ne Stau­mau­er, für ei­nen ge­wal­ti­gen Stau­see, für ei­ne rie­si­ge An­la­ge, die Strom im gro­ßen Stil er­zeu­gen soll­te.

Jah­re, Jahr­zehn­te hat die­ses Pro­jekt das Dorf, aber auch ganz Ost­ti­rol ge­lähmt. Schon in den 1920er Jah­ren soll­te die­ser Stau­damm ge­baut wer­den, gleich nach dem Zwei­ten Welt­krieg ka­men die Ide­en wie­der auf. Die Al­men im Tal hät­ten wei­chen sol­len, ein paar Bau­ern hät­ten Ent­schä­di­gun­gen be­kom­men, die Glet­scher­bä­che wä­ren ge­bän­digt, die Na­tur um­ge­stal­tet wor­den.

Und dann ge­schah nichts. Weil die Fi­nan­zie­rung nicht stand, weil es Kom­pli­ka­tio­nen gab, weil die Plä­ne noch nicht aus­ge­reift ge­nug wa­ren. Ein paar Boh­run­gen hier, ein paar Boh­run­gen dort, Leit­ar­ti­kel in den

Ti­ro­ler Nach­rich­ten, das war es. Al­ler­dings war die­ser Dorn­rös­chen­schlaf nicht er­hol­sam, nein, das Ge­gen­teil war der Fall. Denn nie­mand in Ost­ti­rol, die­sem vom üb­ri­gen Ti­rol durch die Ho­hen Tau­ern ab­ge­schnit­te­ne Teil Ös­ter­reichs, wuss­te, wo­hin es mit der Re­gi­on ge­hen soll­te. Soll­te die gran­dio­se Na­tur zum Ener­gie­spei­cher fürs Land um­ge­baut wer­den? Soll­te sie stär­ker für den Tou­ris­mus er­schlos­sen wer­den? Die Al­men im Dor­fer Tal wur­den nicht mehr mo­der­ni­siert. In den 1950er Jah­ren wa­ren die Berg­bau­ern noch mehr­heit­lich ge­gen das Pro­jekt, ir­gend­wann in den 1970er Jah­ren glaub­ten die Kraft­werks­ma­cher, dass sich der Wind nun ge­dreht ha­be.

Und dann be­gann das vier­te Jahr­zehnt Still­stand in die­ser Si­tua­ti­on. Die Jung­bau­ern woll­ten ih­re Hö­fe nicht mehr ab­ge­ben. Und plötz­lich war da noch ei­ne neue Grup­pie­rung, die sich ve­he­ment ge­gen den Stau­see und das Kraft­werk wand­te – die Kal­ser Frau­en. Ei­ne von ih­nen ist The­re­sia Har­tig, die al­le nur Tresl nen­nen. Sie wohnt in Le­sach, ei­ner klei­nen Ort­schaft, die zur Ge­mein­de Kals am Groß­glock­ner ge­hört, im Christ­ner­hof, der schon ih­ren El­tern ge­hört hat. Sie, ihr Mann Ferdl (ei­gent­lich Ferdinand) und Pe­ter Gru­ber, ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter des Na­tio­nal­parks Ho­he Tau­ern, er­zäh­len, wie es zu die­sem un­ge­wöhn­li­chen Pro­test kam.

Am An­fang stand ein In­ter­view des zu­stän­di­gen Tou­ris­mus-Ob­manns, er­zählt Gru­ber. „Bei ei­ner Tou­ris­mus-Mes­se in Ber­lin hat er ei­nem Ra­dio­sen­der ein In­ter­view ge­ge­ben, in dem er gesagt hat: Ganz Kals ste­he hin­ter dem Stau­damm.“Ei­ne Kal­se­rin hat das zu­fäl­lig im Ra­dio ge­hört, sich ge­wun­dert, bei Gru­ber an­ge­ru­fen. Da­nach wur­de ein Tref­fen im Dorf ein­be­ru­fen. Und, das er­staun­te Gru­ber: Haupt­säch­lich Frau­en aus Kals nah­men dar­an teil. Und die­se Frau­en or­ga­ni­sier­ten in der Fol­ge den Wi­der­stand ge­gen das Stau­damm­pro­jekt. „Ich hat­te Angst“, sagt Tresl Har­tig. Schlicht und ein­fach Angst. Sie woll­te nicht hin­ter ei­ner 200 Me­ter ho­hen Stau- mau­er le­ben, nicht stän­dig dar­an denken, was für ein Un­glück da pas­sie­ren kann.

Der gi­gan­ti­sche Stau­damm im Dor­fer Tal wä­re nur ein Teil des Pro­jekts ge­we­sen. Der Was­ser­spei­cher dort wä­re so groß ge­we­sen, dass die Glet­scher­bä­che, die ins Dor­fer Tal flie­ßen, nie aus­ge­reicht hät­ten, den Stau­damm wirt­schaft­lich zu be­trei­ben. Al­so sah der Plan vor, auch vie­le wei­te­re Glet­scher­bä­che ein­zu­fas­sen und mit ei­nem ki­lo­me­ter­lan­gen Rohr­sys­tem in den Stau­see ein­zu­lei­ten. In vie­len Tä­lern Ost­ti­rols hät­te das Was­ser ge­fehlt, hät­te sich die in­tak­te und un­ver­bau­te Hoch­ge­birgs­land­schaft dra­ma­tisch ver­än­dert.

Weil nie klar war, ob und wie und wann die­ser Stau­damm nun ge­baut wür­de und wie er die Land­schaft ver­än­dern wür­de, war auch nie klar, ob und wie und in wel­chem Um­fang die­se Hoch­ge­birgs­land­schaft in den Na­tio­nal­park Ho­he Tau­ern auf­ge­nom­men wird. Das war die an­de­re Idee, der an­de­re Plan für Ost­ti­rol: Die wil­de Berg­welt zwi­schen Groß­ve­ne­di­ger und dem Groß­glock­ner mit ih­ren vie­len Glet­schern zu be­wah­ren. Die Plä­ne da­zu rei­chen noch wei­ter zu­rück als die Idee des Kraft­werks, bis in die 1910er Jah­re. Bis zur Grün­dung hat es auch da lan­ge ge­dau­ert. Das be­nach­bar­te Kärnten er­klär­te 1981 Teil­ge­bie­te der Ho­hen Tau­ern zum Na­tio­nal­park, 1983 folg­te Salz­burg, nur der Ost­ti­ro­ler Teil, das Herz­stück des Na­tio­nal­parks, war um­strit­ten.

In ih­rer Kü­che er­zäh­len Tresl und Ferdl Har­tig, wie das war, als Tresl in ers­ter Rei­he ge­gen das Stau­damm­pro­jekt ge­kämpft hat, wäh­rend Ferdl das Fa­mi­li­en­le­ben am Lau­fen ge­hal­ten hat. Die Kal­ser Frau­en und die Jung­bau­ern brach­ten ei­ne Bür­ger­ab­stim­mung in Kals auf den Weg. Die Be­für­wor­ter des Pro­jekts, die mög­li­che Ar­beits­plät­ze sa­hen, und die Geg­ner ge­hör­ten teil­wei­se zu den glei­chen Fa­mi­li­en. Das The­ma po­la­ri­sier­te die Be­völ­ke­rung stark.

Wer heu­te mit Tresl und Ferdl Har­tig und Pe­ter Gru­ber spricht, kann das kaum glau­ben. Die drei wir­ken zu­tiefst ge­er­det. Wenn sie von Ost­ti­rol er­zäh­len, geht es nicht um das Gip­fel­sam­meln und Hö­hen­me­ter-Re­kor­de, son­dern um das Le­ben im Ein­klang mit der fas­zi­nie­ren­den Na­tur. Tresl Har­tig er­zählt ne­ben­bei, dass sie oben auf der Alm, die sie ver­mie­ten, im­mer auch fes­te Grup­pen ha­ben, die dort Yo­ga üben. „Oben kom­men al­le Ele­men­te zu­sam­men, die Bäu­me, das Was­ser, die St­ei­ne, dort kann man still wer­den“, sagt sie. An­ge­zo­gen wer­den die Men­schen hier aber auch vom höchs­ten Berg Ös­ter­reichs. „Wir ha­ben vie­le Stamm­gäs­te, sie kom­men im­mer wie­der. Der Groß­glock­ner zieht sie an“, sagt Tresl Har­tig.

Heu­te liegt das al­les in­ner­halb des Na­tio­nal­parks Ho­he Tau­ern, ist die­se Land­schaft ge­schützt, im größ­ten Na­tio­nal­park der Al­pen. Es gibt nur re­la­tiv we­nig Ski­ge­bie­te, da­für aber die Big Fi­ve der Ti­ro­ler Tier­welt zu ent­de­cken: Mur­mel­tie­re, Gäm­sen, St­ein­bö­cke und in der Luft St­ein­ad­ler und Bart­gei­er. Nir­gend­wo in den Ost­al­pen gibt es so vie­le Glet­scher­ge­bie­te – und für Berg­stei­ger ist der Na­tio­nal­park auch durch vie­le We­ge er­schlos­sen.

Ei­ne der schöns­ten Tal­wan­de­run­gen in Ost­ti­rol ist die ins Dor­fer Tal, wenn sich nach der Da­bak­lamm al­les wei­tet, das Vieh auf den Al­men grast, sich die ge­sam­te Ve­ge­ta­ti­on än­dert, je wei­ter man läuft. Tresl Har­tig weiß gar nicht, wie oft sie dort hin­ter ge­lau­fen ist, als sie noch pro­tes­tiert ha­ben. „Jetzt war ich schon lan­ge nicht mehr dort.“

Ihr Pro­test und der der Jung­bau­ern hat­te Er­folg: In Kals kam es im Sep­tem­ber 1987 zu ei­ner Bür­ger­ab­stim­mung, die über­ra­schend ein­deu­tig aus­fiel. Knapp zwei Drit­tel stimm­ten ge­gen die Stau­mau­er. Es dau­er­te noch zwei wei­te­re Jah­re, bis auch die Re­gie­rung in Wi­en ein­sah, die­ses Me­ga-Pro­jekt nicht ge­gen den Wil­len der Be­völ­ke­rung wei­ter vor­an­zu­trei­ben. Sie ver­kün­de­te das Aus. Da­mit war der Weg für den Na­tio­nal­park Ho­he Tau­ern frei. 1992 ka­men die Ost­ti­ro­ler-Ge­bie­te hin­zu. In die­sem Jahr fei­ert die Ost­ti­ro­ler Sei­te ihr ers­tes Jubiläum – 25 Jah­re Na­tio­nal­park.

Die Geg­ner des Pro­jekts füh­len sich heu­te be­stä­tigt. „Ich glau­be nicht, dass der Stau­damm vie­le Ar­beits­plät­ze hier in der Re­gi­on ge­bracht hät­te“, sagt Gru­ber. Heu­te wer­den die Kraft­wer­ke zen­tral via Com­pu­ter ge­steu­ert, da braucht es nicht vie­le Men­schen, die tat­säch­lich am Stau­damm sind. Die Na­tur al­ler­dings, die hät­te durch die­sen Damm un­wie­der­bring­li­chen Scha­den ge­nom­men. So ist Ost­ti­rol und vor al­lem das Dor­fer Tal ei­ne wun­der­ba­re Ge­gend für Berg­stei­ger ge­blie­ben.

Die Kal­ser Frau­en schlos­sen sich zu­sam­men

Fotos: Richard Mayr

Links ei­ne Ani­ma­ti­on, wie das Dor­fer Tal hät­te aus­se­hen sol­len. Statt Al­men und Wan­der­we­gen hät­te es ei­nen Stau­see ge­ge­ben. Rechts sind Tresl Har­tig und Pe­ter Gru­ber zu se­hen.

Die Da­bak­lamm, ei­ne Alm und das Alm­vieh – die Wan­de­rung ins Dor­fer Tal ge­hört zu den schöns­ten in Ost­ti­rol.

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