Schwäbische Zeitung (Bad Waldsee / Aulendorf)

Scheidung im Haus der Superreich­en

Melinda und Bill Gates trennen sich – Die gemeinsame Tätigkeit in ihrer Stiftung wollen sie fortsetzen

- Von Frank●herrmann

- Es gab sie, die Signale, die Probleme vermuten ließen. Vor zwei Jahren, in einem Interview mit der Londoner „Sunday Times“, hat Melinda Gates mehr oder weniger dezent angedeutet, welchen Spannungen ihre Ehe mit Bill ausgesetzt war. Ihr Mann, blendete sie auf die Anfänge zurück, habe lange überlegt, ob er heiraten solle. Die Entscheidu­ng sei ihm schwergefa­llen, so schwer, dass er auf einer Tafel Punkt für Punkt Pro und Contra auflistete. Nur sei es dabei nicht um sie gegangen, sondern um seine Zweifel: „Kriege ich die Balance zwischen Arbeit und Familie hin?“Oft habe er dann 16 Stunden am Tag gearbeitet. Man könne ihr glauben, schob sie hinterher, es habe Tage gegeben, an denen die Ehe solchen Belastunge­n ausgesetzt war, dass sie sich gefragt habe: „Schaffe ich das?“

Natürlich wäre es albern, aus einem einzigen Interview zu viel abzuleiten. Über ihr Privatlebe­n haben Bill und Melinda Gates in der Öffentlich­keit so gut wie nie gesprochen. Gerade in Zeiten der Pandemie haben sie sich wiederum oft gemeinsam zu Wort gemeldet, um über die Entwicklun­g und die gerechte Verteilung von Impfstoffe­n zu reden, ein zentrales Anliegen ihrer Stiftung. Außenstehe­nde konnten nicht ahnen, dass diese Ehe vor dem Aus stand. In Wahrheit hat die Nachricht über die Trennung überrascht wie der sprichwört­liche Blitz aus heiterem Himmel.

Über die konkreten Gründe sagt das knappe Statement, das beide, er 65, sie 56 Jahre alt, parallel bei Twitter verbreitet­en, praktisch nichts. „Nach reiflicher Überlegung und viel Arbeit an unserer Beziehung haben wir die Entscheidu­ng getroffen, unsere Ehe zu beenden“, schreiben sie. Die gemeinsame Tätigkeit in der Stiftung wolle man fortsetzen, „wir glauben aber nicht mehr daran, dass wir als Paar in der nächsten Lebensphas­e gemeinsam wachsen können“. Im Scheidungs­antrag, eingereich­t in Seattle, ist von einem unwiderruf­lich gescheiter­ten Ehebund die Rede. Jennifer Gates, 25, das älteste der drei Kinder des Paars, bittet via Instagram darum, in dieser schwierige­n Zeit die Privatsphä­re der Familie zu respektier­en. Weiteres werde sie nicht kommentier­en. Phoebe Adele, die jüngste Tochter, ist seit September 18. Möglicherw­eise, spekuliere­n Amerikas bunte Blätter, haben ihre Eltern mit dem Vollzug der Trennung gewartet, bis sie volljährig war.

Wie es begann, auch darüber hat Melinda Gates ein paar Anekdoten zum Besten gegeben, in „The Moment of Lift“, einem Buch über ihr gemeinnütz­iges Engagement, ebenso wie in einem von Netflix produziert­en Dokumentar­film. 1987 fing Melinda French, aufgewachs­en in Texas, Absolventi­n der Duke University in North Carolina, bei Microsoft an. Vier Monate nach dem Start begleitete sie den Gründer der Firma auf einer Dienstreis­e nach New York. Zurück in Seattle, stellte Bill Gates bei einem Flirt auf dem Parkplatz die Frage, ob sie in zwei Wochen mit ihm ausgehen wolle. Sie lehnte ab: Das sei ihr nicht spontan genug, er solle sie kurz vor Ablauf der zwei Wochen noch einmal fragen. Eine Stunde später rief er an, um sie noch am selben Abend zum Dinner einzuladen. „Ist das spontan genug für dich?“, zitierte sie ihn bei Netflix. 1994 folgte die Hochzeit auf Lanai, einer der kleineren Inseln Hawaiis.

Nachdem Bill den Posten des Microsoft-chefs an seinen Mitstreite­r

Steve Ballmer übergeben hatte und im selben Jahr, 2000, die Bill & Melinda Gates Foundation entstanden war, trat seine Partnerin – von Jahr zu Jahr sichtbarer – aus seinem Schatten heraus. 2006 sprach sie im Weißen Haus über den Kampf gegen Malaria, 2010 während der Un-generaldeb­atte über den Kampf gegen Armut. Mit ihrem Schwiegerv­ater lenkte sie die Geschicke einer Stiftung, die mittlerwei­le die größte private der Welt ist, ein globales Schwergewi­cht in den Bereichen Gesundheit­sversorgun­g, Entwicklun­gszusammen­arbeit und Familienpl­anung.

Etwa 55 Milliarden Dollar sind bislang in Projekte rund um den Globus geflossen. Dass der Einsatz fürs Gemeinwohl unter der Trennung nicht leiden soll, haben beide, Bill wie Melinda, deutlich gemacht. Gleichwohl melden sich Skeptiker zu Wort. Zu ihnen gehört Robert Reich, Politikwis­senschaftl­er an der Universitä­t Stanford. Die Scheidung, orakelt er, könnte nicht zu unterschät­zende Folgen für die Stiftung haben. Vielleicht nicht sofort, wohl aber dann, wenn die nächsten Strategien zu formuliere­n und die nächsten Budgets zu beschließe­n sind. Falls die angepeilte Aufteilung des Privatbesi­tzes mit starken Reibungen einhergehe, dürfte dies auch die Arbeit der Organisati­on beeinträch­tigen. David Callahan, Gründer der Webseite „Inside Philanthro­py“, prophezeit wiederum, dass Melinda Gates – eigenständ­ig – eine herausrage­nde Rolle im karitative­n Sektor spielen wird. Dass sie womöglich noch viel mehr von ihrem Reichtum abgibt, als es bisher der Fall war. Das Vorbild, sagt Callahan, wäre Mackenzie Scott.

Scott, bis 2019 mit dem Amazongrün­der Jeff Bezos verheirate­t, spendete allein im vorigen Jahr sechs Milliarden Dollar für einen guten Zweck, das Gros für kleinere, wenig bekannte Hilfsorgan­isationen in den USA. Folgt man „Forbes“, handelte es sich dabei um rund ein Zehntel ihres Besitzes. Es dürften ungefähr die Größenordn­ungen sein, mit denen auch bei Melinda Gates zu rechnen ist. Das Vermögen des Ehepaars Gates wird auf 124 Milliarden Dollar geschätzt. Wird die Trennung nach den Gesetzen des Pazifiksta­ats Washington vollzogen, steht beiden davon exakt die Hälfte zu.

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FOTO: ELAINE THOMPSON/DPA Bill und Melinda Gates lächeln sich während eines Interviews an. Der Microsoft-gründer und seine Frau lassen sich nach 27 Jahren scheiden.
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FOTO: ZUMA PRESS/IMAGO IMAGES Oft 16 Stunden am Tag gearbeitet: Bill Gates.

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