Die Ar­beit macht den Ge­sel­len

Kri­tisch wird der Fach­kräf­te­man­gel in ei­ni­gen Jah­ren – so lan­ge will das Hand­werk nicht war­ten

Schwaebische Zeitung (Biberach) - - WIRT­SCHAFT - Von Mo­ritz Schild­gen

Fak­to­ren ei­ne Rol­le. Die Agen­tur für Ar­beit nennt zu­al­ler­erst die de­mo­gra­fi­sche Ent­wick­lung – seit 1972 ist die Ster­be­ra­te hö­her als die Ge­bur­ten­ra­te; zu­sam­men mit ei­ner hö­he­ren Le­bens­er­war­tung steigt so­mit der An­teil äl­te­rer Men­schen ge­gen­über dem An­teil jün­ge­rer. Die Un­ter­neh­men wol­len aber im Ver­gleich zu frü­her mehr Men­schen ein­stel­len. Hin­zu kommt, dass die An­for­de­run­gen in vie­len Be­rufs­fel­dern durch die vor­an­schrei­ten­de Di­gi­ta­li­sie­rung hö­her wer­den. Ar­beit­ge­ber­ver­tre­ter kri­ti­sie­ren die Früh­ren­te als ver­schär­fen­den Grund, Ge­werk­schaf­ten und Hand­wer­ker ge­ben der sich er­hö­hen­den Aka­de­mi­ker­quo­te die Schuld.

Ver­häng­nis­vol­le OECD-Stu­die

Die Hand­werks­kam­mer Kon­stanz kon­kre­ti­siert auf An­fra­ge der „Schwä­bi­schen Zei­tung“die­se Fak­to­ren wei­ter: So sei lan­ge Zeit die ge­rin­ge Aka­de­mi­ker­quo­te in Deutsch­land im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich als pro­ble­ma­tisch an­ge­se­hen wor­den – un­ter an­de­rem von der Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD). Ei­ne fal­sche Ein­schät­zung, kri­ti­siert das Hand­werk, denn die zu­grun­de­lie­gen­de OECD-Stu­die ha­be die dua­le Aus­bil­dung in Deutsch­land nicht rich­tig be­wer­tet. Die Or­ga­ni­sa­ti­on kri­ti­sier­te vor al­lem die ge­rin­ge Quo­te von Hoch­schul­ab­sol­ven­ten in Deutsch­land im Ver­gleich zu an­de­ren In­dus­trie­staa­ten – ließ aber au­ßer Acht, dass in an­de­ren Län­dern Be­ru­fe, die in Deutsch­land in der be­ruf­li­chen Aus­bil­dung ver­mit­telt wer­den, in die aka­de­mi­sche Bil­dung fal­len.

Deutsch­land ha­be des­halb als Fol­ge der ver­häng­nis­vol­len Stu­die die aka­de­mi­sche Bil­dung viel stär­ker ge­för­dert als die be­ruf­li­che. „Heu­te be­gin­nen rund 60 Pro­zent ei­nes Jahr­gangs ein Stu­di­um, noch vor zehn Jah­ren star­te­ten so vie­le ei­ne dua­le Aus­bil­dung“, be­schreibt Hans Pe­ter Woll­sei­fer, Prä­si­dent des Zen­tral­ver­bands des Deut­schen Hand­werks, im Ge­spräch mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“die La­ge. Zu­dem sin­ken die Schul­ab­gän­ger­zah­len als Fol­ge des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels. Die an­hal­tend gu­te Kon­junk­tur las­se selbst bei Bran­chen mit gu­ten Aus­bil­dungs­zah­len den Be­darf stei­gen.

Zu we­ni­ge ken­nen das Hand­werk

Doch was ma­chen die Be­trie­be ge­gen die Eng­päs­se, was ma­chen die In­ter­es­sen­ver­tre­ter des Hand­werks? Ge­org Hilt­ner, Haupt­ge­schäfts­füh­rer der HWK Kon­stanz gibt Aus­kunft: „Es fängt ganz früh an, bei der be­ruf­li­chen Ori­en­tie­rung an Schu­len.“Auch die Wahl der El­tern spie­le ei­ne Rol­le, er­klärt Hilt­ner. Die meis­ten wünsch­ten sich, dass ihr Kind aufs Gym­na­si­um geht und stu­diert, „da­bei sind ei­ni­ge da­von in ei­nem prak­ti­schen Be­ruf bes­ser auf­ge­ho­ben“. Bil­dungs­part­ner­schaf­ten und Aus­bil­dungs­bot­schaf­ter, Prak­ti­ka und Fe­ri­en­pro­gram­me sol­len das Hand­werk zu­rück in die Köp­fe brin­gen. Denn oft­mals feh­le der Ju­gend Wis­sen über die Be­ru­fe und de­ren An­for­de­run­gen, vor al­lem bei Be­ru­fen oh­ne di­rek­ten Kun­den­kon­takt. Zu dem Schluss kommt ei­ne Stu­die der Hand­werks­kam­mer Reut­lin­gen.

Hilt­ner ver­weist au­ßer­dem auf die Image-Kam­pa­gne des deut­schen Hand­werks, die seit 2010 ver­sucht, „das Hand­werk stär­ker in den Fo­kus der öf­fent­li­chen Auf­merk­sam­keit zu rü­cken so­wie ein zeit­ge­mä­ßes und mo­der­nes Bild des Hand­werks zu ver­mit­teln – vor al­lem auch bei jun­gen Men­schen“, wie der Zen­tral­ver­band des deut­schen Hand­werks die Mo­ti­ve be­schreibt. Laut Hilt­ner sind be­reits po­si­ti­ve Ef­fek­te der Kam­pa­gne zu spü­ren, mehr jun­ge Men­schen mit Abitur fän­den be­reits den Weg ins Hand­werk.

Vor ei­nem wei­te­ren sehr drän­gen­den Pro­blem steht das Hand­werk in Ba­den-Würt­tem­berg, wo das Hand­werk mit an­de­ren flo­rie­ren­den Bran­chen um Ar­beits­kräf­te kon­kur­riert: Rund zwei Drit­tel der Ge­sel­len wan­dern in an­de­re Wirt­schafts­be­rei­che ab – haupt­säch­lich in die In­dus­trie, aber auch in den Han­del und in den Di­enst­leis­tungs­be­reich. Die­se Fach­kräf­te zu hal­ten, ist, ne­ben neu­en zu ge­win­nen, ei­ne Her­aus­for­de­rung für die Be­trie­be. Des­we­gen ver­stär­ken laut der Kam­mer-Um­fra­ge von 2015 die Hand­werks­be­trie­be im Süd­wes­ten ih­re Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­te (57 Pro­zent) und zah­len über­ta­rif­lich (54 Pro­zent). Doch die Ar­beits­zei­ten und die Ver­dienst­mög­lich­kei­ten in der In­dus­trie sei­en in vie­len Be­rei­chen bes­ser, be­kla­gen zahl­rei­che Hand­werks­un­ter­neh­men.

Selbst ver­ord­ne­te Fle­xi­bi­li­tät

Des­halb spricht Hilt­ner von ei­nem „gro­ßen Auf­wand“, die Eng­päs­se und den teil­wei­sen Man­gel an Fach­kräf­ten zu über­win­den. Das Po­ten­zi­al sei da und das ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Hand­werk ha­be die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen, dies zu schaf­fen, ist Hilt­ner zu­ver­sicht­lich. Man müs­se sich den ver­än­der­ten Ver­hal­tens­wei­sen und den hö­he­ren An­sprü­chen der Ju­gend­li­chen an­pas­sen, ih­nen Raum zur Ent­fal­tung ge­ben. Es gel­te die At­trak­ti­vi­tät und die Vor­tei­le des Hand­werks, wie fla­che Hier­ar­chi­en und ho­he Ei­gen­ver­ant­wor­tung wirk­sam dar­zu­stel­len“, be­schreibt die Reut­lin­ger Stu­die die Auf­ga­ben, die das Hand­werk an­ge­hen muss. Die Po­li­tik kön­ne da­bei güns­ti­ge Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen, Hand­werks­kam­mern mit Rat und Tat zur Sei­te ste­hen.

Die Be­wer­ber vor Ort über­zeu­gen müs­sen al­ler­dings die Be­trie­be. Ei­ne Auf­ga­be, von der die Zu­kunft des ge­sam­ten deut­schen Hand­werks ab­hängt. Das weiß auch Deutsch­lands obers­ter Hand­wer­ker. „Die Ver­sor­gung ist ge­währ­leis­tet“, er­klärt ZDHPrä­si­dent Hans Pe­ter Woll­sei­fer be­ru­hi­gend. „Die Ver­brau­cher fin­den zur­zeit noch ge­nü­gend Be­trie­be in al­len Re­gio­nen, um Ar­bei­ten in Auf­trag zu ge­ben.“Die Be­to­nung liegt al­ler­dings auf dem Wort „noch“. Denn nur wenn die Be­trie­be bei ih­rer Su­che nach den Kräf­ten, die Bag­gern, Be­ton mi­schen und Brot­ba­cken kön­nen, in Zu­kunft er­folg­reich sein wer­den, wird aus dem Eng­pass kei­ne die Volks­wirt­schaft be­dro­hen­de Kri­se.

Hand­wer­ker

Im Sü­den ge­hö­ren mit ih­rem Kön­nen und ih­ren Fer­tig­kei­ten zu den

tra­gen­den Säu­len der Wirt­schaft.

Doch die Be­trie­be ste­hen vor gro­ßen Um­brü­chen: Nicht nur die Di­gi­ta­li­sie­rung auch die Ener­gie­wen­de und die Su­che nach Fach­kräf­ten stellt vie­le Hand­wer­ker vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Wie Bä­cker, Mau­rer, Zim­me­rer, Dach­de­cker, Metz­ger und Schrei­ner mit die­sen Ve­rän­de­run­gen um­ge­hen, zeigt die Se­rie „Un­ser Hand­werk“in der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. In der nächs­ten Fol­ge geht es am Sams­tag um

Die Se­rie läuft bis En­de Ju­ni und ist on­line zu fin­den un­ter

sel­te­ne Aus­bil­dungs­be­ru­fe. schwa­ebi­sche.de/un­ser-hand­werk.

FO­TO: IG BAU

Ein Ei­sen­flech­ter auf ei­ner gro­ßen Bau­stel­le: Nicht nur die Ge­werk­schaft IG Bau macht ei­ne zu­neh­men­de Aka­de­mi­sie­rung für den Rück­gang an Ge­sel­len im Hand­werk ver­ant­wort­lich.

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