Der 500. Jah­res­tag der Re­for­ma­ti­on

Mann­hei­mer Aus­stel­lung weist auf die Viel­falt der Be­kennt­nis­se im Süd­wes­ten hin

Schwaebische Zeitung (Friedrichshafen) - - ERSTE SEITE - Von Bar­ba­ra Mil­ler

Die Fei­er­lich­kei­ten zum 500. Jah­res­tag der Re­for­ma­ti­on nä­hern sich ih­rem En­de. Den Ab­schluss bil­det am Re­for­ma­ti­ons­tag ein Fest­got­tes­dienst in der Wit­ten­ber­ger Schloss­kir­che. Mit dem An­schlag der 95 The­sen durch Martin Lu­ther – un­ser Fo­to zeigt den Re­for­ma­tor als Fens­ter­bild in der Evan­ge­li­schen Stadt­kir­che Ra­vens­burg – wur­de dort vor 500 Jah­ren die Spal­tung der christ­li­chen Kir­che ein­ge­lei­tet. War­um Mar­got Käß­mann, die Lu­ther-Be­auf­trag­te der Evan­ge­li­schen Kir­che, im Ge­gen­satz zum ka­tho­li­schen Kar­di­nal Rein­hard Marx an die­ser Tren­nung fest­hal­ten will, le­sen Sie in un­se­rem In­ter­view. Ob sich ein Be­such der Mann­hei­mer Aus­stel­lung „Re­for­ma­ti­on! Der Süd­wes­ten und Eu­ro­pa“lohnt, er­fah­ren Sie in der Kul­tur.

MANN­HEIM - Die Reiss-En­gel­hornMu­se­en sind für spek­ta­ku­lä­re Aus­stel­lun­gen be­kannt. Zur Zeit prä­sen­tie­ren sie (ver­län­gert bis 29. No­vem­ber) un­ter dem Ti­tel „Die Päps­te“1500 Jah­re eu­ro­päi­sche Ge­schich­te mit vie­len ex­qui­si­ten Ex­po­na­ten. Nun hän­gen sie noch ei­ne klei­ne Schau über die Re­for­ma­ti­on an. Die auf­trump­fen­de Ges­te des Ruf­zei­chens im Ti­tel „Re­for­ma­ti­on! Der Süd­wes­ten und Eu­ro­pa“deu­tet an, dass hier ei­ne Er­folgs­ge­schich­te er­zählt wer­den soll.

Die Mann­hei­mer Aus­stel­lung hat zwei Be­son­der­hei­ten: Sie rich­tet sich an Ju­gend­li­che, und sie wen­det sich dem Süd­wes­ten zu. Vom Pla­kat grü­ßen vier Her­ren in mit­tel­al­ter­li­cher Ge­lehr­ten­ro­be: Philipp Me­lan­chthon, Martin Bu­cer, Jo­han­nes Brenz und ganz hin­ten, klein, Jo­han­nes Cal­vin. Lu­ther fehlt. Das ist na­tür­lich Ab­sicht, er­klärt Mu­se­ums­di­rek­tor Al­fried Wiec­zo­rek. In den Mit­tel­punkt ge­stellt wer­den sol­len die Re­for­ma­to­ren, die im Süd­wes­ten ge­wirkt ha­ben. Die Aus­stel­lung um­fasst die Ge­bie­te des heu­ti­gen Ba­den-Würt­tem­berg, frei­lich oh­ne den Teil süd­lich der Do­nau. Sprich: Ober­schwa­ben fehlt. Da­bei hät­te es doch ge­ra­de aus dem habs­bur­gi­schen Vor­der­ös­ter­reich in­ter­es­san­te Aspek­te ge­ge­ben, wie sich re­for­ma­to­ri­sches Ge­dan­ken­gut in ei­nem ka­tho­li­schen Um­feld be­haup­ten kann oder eben nicht.

Be­leuch­tet wer­den die re­for­ma­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen in der Mark­graf­schaft Ba­den, im Her­zog­tum Würt­tem­berg und in der Kur­pfalz. Am 18. April 1518 kam Martin Lu­ther nach Hei­del­berg und stell­te in der Uni­ver­si­tät sei­ne Ide­en zur Re­for­mie­rung von Kir­che und Glau­ben vor. Zu­hö­rer die­ser als „Hei­del­ber­ger Dis­pu­ta­ti­on“be­kannt ge­wor­de­nen Vor­le­sung sol­len da­mals ei­ni­ge der jun­gen Theo­lo­gen ge­we­sen sein, die ih­rer­seits zu maß­geb­li­chen Re­for­ma­to­ren des Süd­wes­tens wur­den: Martin Bu­cer in Straß­burg, Jo­han­nes Brenz und Jo­hann Isen­mann in Schwä­bisch Hall, Er­hard Schnepf in Würt­tem­berg, Martin Frecht in Ulm, Theo­bald Bil­li­ca­nus in Nörd­lin­gen und Fran­cis­cus Ire­ni­cus in Ba­den.

In­spi­riert von Street Art

His­to­ri­ker und Kir­chen­ge­schicht­ler er­läu­tern im Ka­ta­log die re­for­ma­to­ri­schen Pro­zes­se und spü­ren dem Ein­fluss Lu­thers, Zwing­lis und Cal­vins nach. Volker Lep­pin er­ör­tert aus­führ­lich die Hei­del­ber­ger Dis­pu­ta­ti­on; Chris­toph Strohm schil­dert die kom­pli­zier­te Si­tua­ti­on in der Kur­pfalz; Jo­han­nes Eh­mann ana­ly­siert die Kon­flik­te zwi­schen lu­the­ri­schem, re­for­mier­tem und ka­tho­li­schem Be­kennt­nis in der Mark­graf­schaft Ba­den.

All das sind aber The­men des Ka­ta­logs. Denn Ide­en las­sen sich be­schrei­ben, ih­re Darstel­lung in ei­ner Aus­stel­lung ist schwie­rig. Und ge­gen die prunk­vol­len Schät­ze der Re­nais­sance­päps­te, die zwei Stock­wer­ke tie­fer in­sze­niert wer­den, tut sich die kar­ge Re­for­ma­ti­ons-Schau schwer. Sie folgt auch ei­nem ganz an­de­ren Kon­zept. Ziel der Ku­ra­to­rin­nen ist es, die Re­for­ma­ti­on als „jun­ge Be­we­gung“für ein jun­ges Pu­bli­kum „jung“dar­zu­stel­len.

So lie­ßen sie sich von Street Art in­spi­rie­ren. Graf­fi­ti an den Wän­den mit spär­li­chen Tex­ten und je­weils ein paar aus­ge­wähl­te Ex­po­na­te sol­len zum Bei­spiel Fröm­mig­keit an der Schwel­le zur Neu­zeit, den Über­gang vom Lu­ther­tum zum Cal­vi­nis­mus oder die würt­tem­ber­gi­sche Kir­chen­ord­nung il­lus­trie­ren. So weist auf der ei­nen Sei­te ein And­achts­bild aus dem Jahr 1500 mit Chris­tus als Schmer­zens­mann auf den Ablass hin, den die Be­ten­den er­wer­ben konn­ten, wenn sie da­vor nie­der­knie­ten. Ne­ben­an kommt aus dem Ko­pie­rer ein Ablass­blatt. Da­mit kann man ein ak­tua­li­sier­tes Sün­den­re­gis­ter ab­ar­bei­ten. Zum Bei­spiel: „Im Ge­schäft pro­biert, aber on­line be­stellt“, „beim Shits­torm mit­ge­macht“, „im Dis­coun­ter statt im La­den um die Ecke ein­ge­kauft“.

Un­kri­ti­scher Blick auf Lu­ther

Die Re­duk­ti­on von Kom­ple­xi­tät hat ih­re Gren­zen. Im Bei­trag über den pro­tes­tan­ti­schen Bil­der­sturm wird der Be­griff der „Rei­ni­gung der Kir­che“über­nom­men. Beim The­ma „Bau­ern­krieg“fehlt der Hin­weis, dass Lu­ther den Wi­der­stand der Bau­ern schroff zu­rück­wies. Die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on von Klos­ter­und Kir­chen­gut durch die pro­tes­tan­ti­schen Her­ren klingt ganz harm­los: „Non­nen und Mön­chen geht es doch nur um das ei­ge­ne See­len­heil. Kann Gott das wol­len?“, heißt es in dem be­tref­fen­den Wand­text. Die Ant­wort wird in ei­ne rhe­to­ri­sche Fra­ge ver­packt: „Darf der Her­zog nicht als Lan­des­va­ter das All­ge­mein­gut ver­wal­ten und zum Wohl al­ler ein­set­zen?“

Re­for­ma­ti­on in ein­fa­cher Spra­che. Aber auch in ein­fa­chen Ge­dan­ken? Die Aus­stel­lung hin­ter­lässt ei­nen am­bi­va­len­ten Ein­druck. Ei­ner­seits ist man dank­bar für die rei­che Dif­fe­ren­zie­rung im Re­gio­na­len und da­mit auch für die Ab­gren­zung von der im­mer noch no­to­ri­schen preu­ßi­schen Lu­ther-Per­spek­ti­ve an­de­rer Aus­stel­lun­gen in die­sem Jahr. An­de­rer­seits er­staunt dann doch, wie dis­tanz­los und un­kri­tisch der Blick auf Lu­ther aus­fällt. Im letz­ten Raum lie­gen gro­ße Wür­fel am Bo­den. Auf ih­nen ste­hen Be­grif­fe, die die Ku­ra­to­rin­nen für „die Früch­te der Re­for­ma­ti­on“hal­ten: „Dis­kurs“, „Auf­wer­tung“, „Ent­wick­lung“, „Dy­na­mik“oder „Selbst“. Ord­net man sie kor­rekt an, er­ge­ben sie ein Bild – es ist das Por­trät Martin Lu­thers.

Re­for­ma­ti­on! Der Süd­wes­ten und Eu­ro­pa. Bis 2. April in den Reis­sEn­gel­horn-Mu­se­en in Mann­heim. Di-So 11 - 18 Uhr, Te­le­fon (0621) 293 3771. www.rem-mann­heim.de Der Ka­ta­log ist im Ver­lag Schnell und Steiner er­schie­nen, 256 Sei­ten, im Buch­han­del 24,95 Eu­ro.

FO­TO: JÜR­GEN WELLER/MU­SE­UM

Die­se Ge­sprä­che wur­den als Hei­del­ber­ger Dis­pu­ta­ti­on be­kannt: „Isen­mann und Brenz im Ge­spräch mit Lu­ther in Hei­del­berg“, ein Ge­mäl­de von Gus­tav Bau­mann (1854).

Se­rie 500 Jah­re Re­for­ma­ti­on

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