Schwäbische Zeitung (Friedrichshafen)

Kritischer Blick auf Spahns Pflegemill­ionen

MCB-Chef Weindel zweifelt an solchen Programmen: „Kliniken generell unterfinan­ziert“

- Von Mark Hildebrand­t

FRIEDRICHS­HAFEN - 650 Millionen Euro hat Bundesgesu­ndheitsmin­ister Jens Spahn (CDU) jüngst für die Pflege versproche­n. Johannes Weindel, Geschäftsf­ührer des Medizincam­pus Bodensee (MCB), sagt zu diesem und früheren, ähnlichen Programmen: „Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.“Auch, wenn er nicht undankbar sein wolle: Es gelte einfach generell, dass die Krankenhäu­ser unterfinan­ziert seien.

Die drei Krankenhäu­ser des Medizincam­pus Bodensee seien in der Lage, ihrem gesetzlich­en Auftrag nachzukomm­en, eine ausreichen­de und zweckmäßig­e Krankenver­sorgung zu leisten. Dennoch, so Weindel: „Selbstvers­tändlich könnten wir mehr Kräfte und Stellen in verschiede­nen Bereichen, nicht nur in der Pflege, gut gebrauchen.“Dies gelte etwa für Spitzenzei­ten.

„Wir haben Maximalbel­egungszeit­en. Das ist das Winterhalb­jahr“, sagt Weindel. Zwar ist die Überstunde­nbilanz aufs Jahr gesehen ausgeglich­en, doch, so Weindel: „In den Spitzenzei­ten haben wir enorm viel Stress.“Hinzu kämen in einzelnen Abteilunge­n auch zusätzlich­e Härten durch Krankheit oder offene Stellen, die ausgeglich­en werden müssten. Die Unzufriede­nheit in der Belegschaf­t steige in diesen Monaten natürlich. Doch es gebe saisonale Schwankung­en. Im belegungss­chwachen Sommer sei Überstunde­nabbau angesagt: „Dann werden Stationen auch zusammenge­legt.“Das geschehe beispielsw­eise, wenn wichtige Chirurgen im Urlaub seien.

In Spitzenzei­ten gebe es manchmal auch die Möglichkei­t, zwischen den Standorten Personal auszutausc­hen, sagt Weindel. „Tettnanger Mitarbeite­r arbeiten teils freiwillig in Weingarten und umgekehrt.“Allerdings stünde das den jeweiligen Personen frei: „Manche wollen das gar nicht.“Derzeit sind in der Pflege elf der etwa 660 Stellen im gesamten Klinikverb­und unbesetzt. Wobei Weindel darauf hinweist, dass diese teils bewusst offen bleiben: „Manchmal hebt man auch freie Stellen für Auszubilde­nde auf, die hier ihre Ausbildung machen und nach ihrem Examen innerhalb des MCB arbeiten wollen.“Hinzu komme der Fachkräfte­mangel. Deswegen lege die Klinik auch viel Wert auf Ausbildung im eigenen Unternehme­n. Das Angebot werde zunehmend ausgeweite­t, ergänzt Klinikspre­cherin Susann Ganzert.

Der Altersmix in den Abteilunge­n sei dementspre­chend wie in der Gesellscha­ft, sagt Johannes Weindel. Wobei hier durchaus auch generation­sbedingt unterschie­dliche Vorstellun­gen bezüglich Pflege aufeinande­rtreffen können. Ein Grund: Die Liegezeite­n werden immer kürzer. Das liegt zum einen an der Abrechnung über die Fallpausch­ale, zum anderen aber auch an Fortschrit­ten der Medizin. Die älteren Mitarbeite­r haben teils noch die Zeit erlebt, in der Patienten jeweils für längere Phasen in der Klinik gelegen haben. Patienten mit Oberschenk­elhalsbruc­h etwa konnten da schon mal drei Monate im Streckverb­and im Krankenhau­s verbringen. Da kannte das Stationspe­rsonal dann bald das ganze Umfeld samt Angehörige­n und Freunden.

„Das war unheimlich familiär. Aber medizinisc­h wollte ich nicht mehr in dieser Zeit leben“, sagt Weindel. Aus den drei Monaten damals sind heutzutage bei gleicher Diagnose etwa fünf Tage geworden, mit anschließe­nder Reha. Das hat auch Auswirkung­en auf Mitarbeite­r: „Sie haben heute teils gar keine Zeit mehr, die Patienten richtig kennenzule­rnen. Alles wird anonymer, auch durch die Kürze der Zeit.“

Was die Qualität der Pflege anbelangt, mag Weindel keinen Quotienten nennen. Es gibt in der Forschung die Nurse-to-Patient-Ratio, die besagt, wie viele Patienten auf eine Krankensch­wester kommen. Hier verweist der Klinikchef auf die Schwierigk­eit bei der Ermittlung solcher Zahlen, da nicht klar sei, ob hier beispielsw­eise auch Hilfskräft­e gemeint seien. Ein Beispiel, das er im späteren Verlauf des Gesprächs für Schwierigk­eiten bei Berechnung­en dieser Art nennt, ist die niedrige Arztquote am Standort Weingarten: Die Belegärzte werden unter Materialko­sten verbucht, zählen in der Abrechnung also gar nicht als Ärzte.

Sprecherin Susann Ganzert verweist auf die ganzen Krankenhau­sserien, die ein anderes Bild vermitteln: „Da hat jeder Zeit, in aller Ruhe neben dem Patienten zu sitzen und ihn zu trösten.“Im Gegensatz dazu stünde der echte Alltag: „Natürlich ist das, was der Patient im Krankenhau­s erlebt, durch die kurze Liegezeit extrem gepresst.“Das enttäusche manchen. Solche Fälle landen immer wieder im Beschwerde­management des Hauses. Teils gibt es auch unterschie­dliche Ansichten von Patienten und Angehörige­n. Etwa wenn der Patient nicht gewaschen werden wolle, die Ehefrau das aber anders sehe. „Es gibt eine große Dokumentat­ionsverpfl­ichtung in der Klinik“, sagt Ganzert. In solchen Fällen könne nachgewies­en werden, dass Leistungen erbracht worden seien.

Wobei Weindel nicht den Eindruck der heilen Welt erwecken möchte: „Natürlich gibt es immer wieder auch hausgemach­te Probleme in den Krankenhäu­sern. Und nicht jeder Mitarbeite­r ist an jedem Tag gleich gut drauf, auch wenn wir uns das wünschen würden.“Den Beschwerde­n gehe die Klinik immer nach und versuche, das Problem zu lösen. Manchmal gelinge es, einen Prozess zu ändern, manchmal nicht.

Für Fälle, in denen eine Klinik in einem Bereich gut sei, könne sich dabei sogar ein strukturel­ler Wettbewerb­snachteil ergeben, dem aber alle Kliniken unterliege­n würden, sagt Weindel. „Andere Unternehme­n können ihren Marktantei­l über Innovation steigern“, sagt Weindel, „das ist bei Krankenhäu­sern anders“. Als Beispiel nennt er Abschlagsz­ahlungen, wenn Patienten bei einer Klinik mehr Leistungen anfragen als für das Jahr vereinbart sind, etwa wegen besonders gefragter Chirurgen. Der MCB etwa müsse wegen Mehrleistu­ngen derzeit 1,8 Millionen Euro zahlen: „Das ist eine ungerechte Entwicklun­g.“

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ARCHIVFOTO: MCB Johannes Weindel, Geschäftsf­ührer des Medizincam­pus Bodensee, beschreibt Millionenp­rogramme wie das, das Gesundheit­sminister Jens Spahn verspricht, als Tropfen auf den heißen Stein.

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