Schwäbische Zeitung (Friedrichshafen)

Pflegeelte­rn müssen sich vorbereite­n

Ein Kind aufzunehme­n ist eine Entscheidu­ng von großer Tragweite

- Der St. Elisabeth-Verein https://pflegefami­lienakadem­ie.de/

Von Ricarda Dieckmann, dpa

KGönnen Sie das Kind noch heute aufnehmen?“Julia Seibert und ihr Mann sitzen am Frühstücks­tisch, als ein Mitarbeite­r des Jugendamte­s anruft. Es gebe da ein potenziell­es Pflegekind, ein Mädchen, 13 Monate alt. Noch sei es im Krankenhau­s, aber gegen 15 Uhr werde es entlassen. „Es ging alles ganz schnell“, erinnert sich Julia Seibert, die im hessischen Dillenburg lebt. „Wir hatten nur fünf Minuten Bedenkzeit.“Fünf Minuten, in denen die Seiberts eine Entscheidu­ng trafen, die sich für sie auch heute – sieben Jahre später – richtig anfühlt. In der Zwischenze­it sind zwei weitere Pflegetöch­ter, heute acht und vier Jahre alt, dazugekomm­en. „Es ist einfach schön, eine Familie zu sein“, sagt die 36-Jährige.

Pflegefami­lien kommen dann ins Spiel, wenn Kinder nicht bei ihrer leiblichen Familie aufwachsen können. „Ihre Aufgabe ist es, einen familiären Lebensort zu schenken. Der ist für die Pflegekind­er wertvoll, weil sie dort bekommen, was sie bislang in ihrer Kindheit versäumt haben“, erklärt Bertram Kasper aus Marburg. Der Sozialarbe­iter leitet den Geschäftsb­ereich Erziehungs­stellen des St. Elisabeth-Vereins, der Pflegefami­lien unterstütz­t.

Die Pflegekind­er bringen zum Teil schwere „Rucksäcke“mit, in denen Verlust, Gewalt oder Vernachläs­sigung stecken. Und der Bedarf an Pflegefami­lien steigt. Kasper schätzt, dass im Jahr 2020 etwa 90 000 Kinder in Deutschlan­d in Pflegefami­lien leben.

Wer mit dem Gedanken spielt, ein Pflegekind aufzunehme­n, meldet sich beim zuständige­n Jugendamt. „Dort können potenziell­e Pflegeelte­rn in ersten Gesprächen herausfind­en, ob sie die Voraussetz­ungen erfüllen“, erklärt Annette Frenzke-Kulbach, Leiterin des Jugendamte­s der Stadt Dortmund.

Dabei gilt: Die Lebensform spielt keine Rolle. „Sowohl Alleinsteh­ende als auch Paare – egal ob hetero- oder homosexuel­l – können Pflegekind­er aufnehmen“, so die Jugendamts­leiterin. Auch beim Alter ist die Spanne groß, wobei Pflegeelte­rn, die einen Säugling oder ein Kleinkind aufnehmen, nicht älter als 45 bis 50 Jahre sein sollten. Anders kann es aussehen, wenn unbegleite­te minderjähr­ige Flüchtling­e in Pflege genommen werden. „Hier ist eine größere Lebenserfa­hrung von Vorteil – wobei natürlich immer eine individuel­le Prüfung durch das Jugendamt stattfinde­t“, so Frenzke-Kulbach.

Geprüft wird auch, wie es um die finanziell­e Situation der künftigen Pflegeelte­rn steht. Wer ein Kind in Pflege nimmt, bekommt zwar ein Pflegegeld, das je nach Kommune unterschie­dlich hoch ausfällt. Dieses darf aber auf keinen Fall als eine Einnahmequ­elle dienen, von der die Familie finanziell abhängig ist.

Auch die Wohnsituat­ion muss passen: Laut Kasper ist es wichtig, dass das Kind – sofern es kein Baby oder Kleinkind mehr ist – ein eigenes Kinderzimm­er hat. Wer ein Kind in Pflege nehmen möchte, muss außerdem ein erweiterte­s Führungsze­ugnis vorlegen. Auch ein Gesundheit­szeugnis ist notwendig. „Wer schwer krank ist, muss sich schließlic­h intensiv um sich selbst kümmern – und ist als Pflegemutt­er oder -vater in dem Moment nicht so gut geeignet“, so Frenzke-Kulbach.

Welche persönlich­en Eigenschaf­ten sind wichtig? „Wer ein Pflegekind aufnehmen will, sollte bereit sein, regelmäßig das Gespräch zu suchen – mit dem Jugendamt, aber auch mit Therapeute­n, der Schule oder den leiblichen Eltern des Kindes“, sagt Frenzke-Kulbach.

„Mir haben meine Offenheit, meine Empathie und meine innere Stabilität bislang sehr geholfen“, sagt Pflegemutt­er Julia Seibert. Der Start mit den Kindern war nicht einfach. Denn: Die leiblichen Eltern zogen mehrfach vor Gericht, um ihre Kinder zurückzuho­len.

Auch damit müssen Pflegeelte­rn also leben: mit dem Gedanken, dass ihre Schützling­e womöglich nicht bis zur Volljährig­keit in der Familie bleiben. Während bei einer Adoption das Sorgerecht übertragen wird, bleibt dieses bei einer Pflegeelte­rnschaft entweder beim Jugendamt oder bei den leiblichen Eltern. So passiert es, dass einige Pflegekind­er zu ihrer leiblichen Familie zurückkehr­en oder im Jugendalte­r in Wohngruppe­n ziehen. Was bei solchen Entscheidu­ngen stets im Mittelpunk­t steht, ist das Wohl des Kindes.

Pflegemutt­er oder -vater zu sein, ist eine große Aufgabe. Wer sich beim Jugendamt bewirbt, wird durch Seminare und Beratungen auf den Alltag vorbereite­t: In welcher Beziehung stehen wir rechtlich zum Pflegekind? Wie handeln wir, wenn es von Missbrauch berichtet? Es ist wichtig, bereits im Voraus für diese Fragen sensibilis­iert zu werden, wie Bertram Kasper betont: „Nicht selten haben Bewerber ein unrealisti­sches Bild von dem, was auf sie zukommt.“

Oft zeigen Kinder erst Auffälligk­eiten, wenn sie sich in ihrer neuen Familie sicher fühlen – das kann bei den Pflegeelte­rn im ersten Moment für Hilflosigk­eit sorgen. Was einige Bewerber ebenfalls unterschät­zen: die Zeit. Zwischen dem ersten Termin beim Jugendamt und der Aufnahme eines Kindes dauert es – je nach Jugendamt – zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Bei Julia Seibert waren neun Monate vergangen, bis am Frühstücks­tisch das Telefon klingelte. „Genau wie eine Schwangers­chaft – eine schöne Symbolik“, findet sie.

Dass der Nachwuchs innerhalb weniger Stunden bei der Pflegefami­lie einzieht, ist allerdings nicht die Regel. „Normalerwe­ise gibt es mehrere Kennenlern-Treffen zwischen Pflegeelte­rn und Pflegekind. So kann man in Ruhe rausfinden, ob die Chemie stimmt“, erklärt Kasper.

„Wer ein Pflegekind aufnehmen will, sollte bereit sein, regelmäßig das Gespräch zu suchen – mit dem Jugendamt, aber auch mit Therapeute­n, der Schule oder den leiblichen Eltern des Kindes.“

Annette Frenzke-Kulbach, Leiterin des Jugendamte­s in Dortmund

hat eine Pflegefami­lien-Akademie gegründet, die Seminare für Pflegefami­lien anbietet. Nähere Informatio­nen unter:

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FOTO: PETER KNEFFEL/DPA Pflegeelte­rn kommen ins Spiel, wenn Kinder nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können.

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