Jetzt erst recht

Beim South­si­de Fes­ti­val ist die Fei­er­lau­ne nach dem Wet­ter­cha­os 2016 ex­trem gut

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - JOURNAL - Von Da­ni­el Drescher

NEU­HAU­SEN OB ECK - Dun­kel­heit und Stil­le: nicht gera­de das, was man mit dem South­si­de Fes­ti­val ver­bin­det. Doch der Auf­tritt der ame­ri­ka­ni­schen Punk­ro­cker Gre­en Day am Sams­tag­abend wird ge­nau da­von be­en­det – 45 Mi­nu­ten zu früh. Strom­aus­fall. Da­für hat­ten die rund 60 000 Be­su­cher Glück mit dem Wet­ter: viel Son­ne und kei­ne Ge­wit­ter. 2016 war das South­si­de we­gen hef­ti­ger Un­wet­ter schon nach we­ni­gen St­un­den ab­ge­bro­chen wor­den.

Gre­en-Day-Front­mann Bil­lie Joe Arm­strong kann sei­ne Fans mit der Was­ser­sprit­ze nass ma­chen – und sie ju­beln wei­ter. Er kann Mit­sing- und Mit­klatsch­spiel­chen in die Län­ge zie­hen wie Kau­gum­mi – und das Pu­bli­kum lang­weilt sich nicht. Er kann den Sa­xo­fo­nis­ten die Schmon­zet­te „Ca­re­less Whi­s­per“des ver­stor­be­nen Ge­or­ge Micha­el an­stim­men las­sen – und die Fes­ti­val­meu­te singt mit. Der Sän­ger und Gi­tar­rist des ame­ri­ka­ni­schen Punk­rock-Tri­os zeig­te am zwei­ten Fes­ti­val­tag auf ein­drucks­vol­le Wei­se, war­um man von der Haupt­band des Ta­ges mehr er­war­ten darf als nur so­li­de vor­ge­tra­ge­ne Mu­sik.

Es ist ei­ne aus­ge­las­se­ne Show, die vor al­lem Bil­lie Joe Arm­strong als Di­ri­gent der South­si­de-Mas­sen ab­zieht – und die man­chem ei­ne Spur zu über­dreht ist. Mit ei­ner Ka­no­ne schießt der alt-ge­dien­te Punk­ro­cker T-Shirts in die Men­ge, rennt wie ein Ber­ser­ker über die Büh­ne und ze­le­briert mit den Kon­zert­gän­gern das, wo­für Fes­ti­vals ste­hen: ein paar Ta­ge lang Ab­schal­ten von der Welt da drau­ßen. Doch igno­rie­ren las­sen sich die un­ru­hi­gen Zei­ten na­tür­lich nicht, und er­war­tungs­ge­mäß äu­ßert sich Arm­strong auch po­li­tisch. So brät er Do­nald Trump ver­bal eins über und Po­li­ti­kern all­ge­mein gleich mit.

Strom­spa­ren­de Ver­si­on

Aus­ge­rech­net das Pro­test­lied „Ame­ri­can Idi­ot“, mit dem die 1989 ge­grün­de­te Band aus Ka­li­for­ni­en 2004 ih­ren zwei­ten Früh­ling ein­läu­te­te, spielt Arm­strong dann aber trot­zig al­lei­ne und mit dem biss­chen Strom, das es zwi­schen­durch für sei­ne Gi­tar­re gibt, be­vor der Saft end­gül­tig weg ist. Grund für den Strom­aus­fall war ein De­fekt am Strom­ag­gre­gat: Ein Sen­sor hat­te ei­ne ver­meint­li­che Über­hit­zung ge­mel­det und da­bei ein zwei­tes Ag­gre­gat in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen.

Po­li­tisch zeigt sich auch Frank Tur­ner. Der bri­ti­sche La­ger­feu­erPunk-Po­et mit der Wes­tern­gi­tar­re sagt, die Welt sei ein „ab­ge­fuck­ter Ort“. Sei­ne Show will er als Zei­chen ver­stan­den wis­sen, dass al­le Men­schen gleich sind und auf dem Fes­ti­val dem Grau­en der Welt für kur­ze Zeit ent­flie­hen kön­nen. Tur­ner hat sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mit Hun­der­ten Kon­zer­ten ei­ne rie­si­ge Fan­ba­sis er­spielt. Sein bis­lang größ­ter Auf­tritt war 2012 bei der Er­öff­nungs­fei­er der Olym­pi­schen Spie­le in Lon­don. Der 36-Jäh­ri­ge ver­sprüht ei­ne un­bän­di­ge Ener­gie, ob er mit dem Mi­kro ein Bad in der Men­ge nimmt oder mit sei­ner Gi­tar­re über die Büh­ne rockt, bis das wei­ße Hemd schweiß­nass ist. Es ist ei­ne der mit­rei­ßends­ten Shows des Fes­ti­vals.

Mut­ma­cher: Ima­gi­ne Dra­gons

Die US-Ame­ri­ka­ner von Ima­gi­ne Dra­gons auf der Blau­en Büh­ne ma­chen un­ter dem Ein­druck des Ter­rors von Man­ches­ter ei­ne kla­re An­sa­ge: „Sie wol­len Angst in un­se­re Her­zen brin­gen. Aber wir ste­hen eng zu­sam­men und las­sen das nicht zu.“Rock am Ring, das größ­te deut­sche Rock­fes­ti­val, war vor we­ni­gen Wo­chen we­gen ei­ner Ter­ror­war­nung un­ter­bro­chen wor­den. Ra­dio­hits wie „Ra­dioac­tive“oder „De­mons“wer­den vom Pu­bli­kum eu­pho­risch mit­ge­sun­gen. Zu­vor hat­te das Pop­duo Mil­ky Chan­ce mit Songs wie dem Chart-Hit „Sto­len Dan­ce“ge­zeigt, war­um sie zu den in­ter­na­tio­nal er­folg­reichs­ten Ex­port­gü­tern der deut­schen Mu­sik­sze­ne zäh­len. Am Frei­tag hat­ten be­reits zwei an­de­re deut­sche Künst­ler mit­rei­ßen­de Shows ab­ge­lie­fert. Der Rap­per Cas­per mach­te mit sei­nem en­thu­si­as­ti­schen Auf­tritt Lust auf sein neu­es Al­bum „Lang le­be der Tod“, das nun im Sep­tem­ber er­schei­nen soll, nach­dem der In­die-Po­et mit der Ras­pel­stim­me sei­nen Songs noch­mals mehr Zeit zum Rei­fen ein­räu­men woll­te. Der Ber­li­ner DJ Fritz Kalk­bren­ner zeig­te, dass er nicht nur an den Plat­ten­tel­lern über­zeugt, son­dern auch als Sän­ger. Die Licht­show in­klu­si­ve Feu­er­werk mach­te den nächt­li­chen Auf­tritt be­son­ders opu­lent.

Auch ab­seits der gro­ßen Büh­nen spie­len sich auf den Fes­ti­vals Mo­men­te ab, über die Mu­sik­fans Jah­re spä­ter re­den. So dürf­ten die Kon­zert­gän­ger sich noch lan­ge an den frei­täg­li­chen Auf­tritt der Kas­sie­rer aus Wat­ten­scheid er­in­nern: Die Punk­rock-Pro­le­ten sorg­ten im über­ra­schend rap­pel­vol­len Ro­ten Zelt mit Songs wie „Das Schlimms­te ist, wenn das Bier al­le ist“fast schon für Bal­ler­mann-Stim­mung. Tags drauf gab es im Ro­ten Zelt mit der An­ti­lo­pen Gang und ih­rem po­li­ti­schen An­ar­cho-Deut­schrap das Kon­trast­pro­gramm.

Noch­mal zu­rück zu Gre­en Day: Er glau­be wirk­lich dar­an, ruft Arm­strong ein­mal ins Pu­bli­kum, dass Rock’n’Roll die Welt ret­ten kön­ne. Das mag na­iv sein – aber es be­steht kein Zwei­fel dar­an, dass man von die­sem Wo­che­n­en­de viel In­spi­ra­ti­on mit­neh­men kann, um die Welt im Klei­nen ein Stück bes­ser zu ma­chen.

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FO­TOS: THOMASMELCHER.DE

Die ganz gro­ße Show: Bil­lie Joe Arm­strong zeigt mit Gre­en Day, dass zwi­schen zwei Songs im­mer noch et­was Be­spa­ßung Platz hat.

Trom­meln ge­gen den Ter­ror: Ima­gi­ne Dra­gons ma­chen Mut.

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