Ös­ter­reich droht der EU

Wi­en kün­digt Grenz­kon­trol­len am Brenner an

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - ERSTE SEITE - Von Uwe Jauß, Bre­genz

WI­EN (dpa) - Vor dem Tref­fen der EU-In­nen­mi­nis­ter am Don­ners­tag ver­schärft Ös­ter­reich den Druck in der Flücht­lings­fra­ge: Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Hans Pe­ter Do­sko­zil (SPÖ) rech­net mit ei­nem zeit­na­hen Be­ginn von Grenz­kon­trol­len am Brenner. „An­ge­sichts der Mi­gra­ti­ons­ent­wick­lung in Ita­li­en müs­sen wir uns vor­be­rei­ten“, sag­te Do­sko­zil der „Kro­nen Zei­tung“(Di­ens­tag). Ein Ein­satz des Mi­li­tärs an dem ös­ter­rei­chi­schi­ta­lie­ni­schen Al­pen­pass sei un­ab­ding­bar, wenn der Zustrom nicht ge­rin­ger wer­de. Für den Ein­satz am Brenner sei­en ins­ge­samt 750 Sol­da­ten und vier Pan­zer ver­füg­bar. Im Fal­le ei­ner Alar­mie­rung soll die Trup­pe bin­nen drei Ta­gen voll ein­satz­fä­hig sein.

Die An­kün­di­gung aus Wi­en kommt kurz vor dem zwei­tä­gi­gen Tref­fen der eu­ro­päi­schen In­nen­und Jus­tiz­mi­nis­ter in Tal­linn über die Mi­gra­ti­on und Mög­lich­kei­ten zur Ent­las­tung Ita­li­ens.

Spe­zi­ell für Ti­ro­ler ist der Brenner nicht ir­gend­ein Al­pen­pass. Er gilt als schmer­zen­des Sym­bol für die Ab­tren­nung Süd­ti­rols nach dem Ers­ten Welt­krieg. Um­so mehr wur­de nach dem ös­ter­rei­chi­schen EU-Bei­tritt 1995 beid­sei­tig des Pas­ses ge­fei­ert. Die Eu­ro­pa-Idee soll­te die Tren­nung ka­schie­ren. Ös­ter­reich als an­er­kann­te Schutz­macht der Süd­ti­ro­ler sah fast schon die Ge­schich­te als fried­voll re­vi­diert an. Um­so mehr er­staunt, dass dies plötz­lich al­les kei­ne Rol­le mehr spielt. Durch Schüt­zen­pan­zer ver­stärk­tes Mi­li­tär soll im Zwei­fels­fall die Stel­lung am Brenner hal­ten. Wer von Sü­den nach Nor­den will, darf sich demnächst wo­mög­lich in ei­ne War­te­schlan­ge ein­rei­hen, die bis hin­un­ter in die Süd­ti­ro­ler Haupt­stadt Bo­zen reicht.

So soll ein ver­meint­li­cher An­sturm auf­ge­hal­ten wer­den, von dem nicht ein­mal klar ist, ob er über­haupt kommt. Es geht da­bei um Flücht­lin­ge – na­tür­lich. Nur sie kön­nen ge­gen­wär­tig ent­spre­chend dras­ti­sche Maß­nah­men aus­lö­sen. Und in Wi­en zeigt sich die Re­gie­rung we­gen des an­ge­droh­ten ita­lie­ni­schen Ver­hal­tens alar­miert. Der von den Ös­ter­rei­chern we­nig ge­schätz­te süd­li­che Nach­bar hat näm­lich ein­mal mehr dar­auf ver­wie­sen, dass er die Fol­gen ei­ner Zu­wan­de­rung übers Mit­tel­meer nicht im gro­ßen Maß­stab al­lei­ne schul­tern kann. Dies dürf­te zu­tref­fen. Be­reits En­de 2015 hat Ita­li­en Flücht­lin­ge ent­ge­gen der EU-Re­geln nach Nor­den wei­ter­ge­schickt.

Heu­er sieht es nun so aus, dass das Stie­fel­land wie­der ver­mehrt Erst­ziel je­ner ist, die übers Mit­tel­meer kom­men. Das UN-Flücht­lings­werk UNHCR hat am Mon­tag ver­laut­bart, es hät­ten seit Jah­res­an­fang 85 000 Flücht­lin­ge von Li­by­en aus Ita­li­en er­reicht – ei­ne 19-pro­zen­ti­ge Zu­nah­me im Ver­gleich zum Vor­jah­res­zeit­raum. Ob man des­halb aber gleich nörd­lich des Bren­ners an den Rand der Pa­nik ge­ra­ten muss, ist ei­ne gu­te Fra­ge. Sie lässt sich auch nicht di­rekt be­ant­wor­ten. Gut vor­stell­bar, dass die Wiener Re­gie­rung eher ei­ne an­de­re Furcht plagt: nach den Wah­len im Ok­to­ber ei­ne über­star­ke rechts­ge­rich­te­te FPÖ im Lan­de zu ha­ben.

Wi­en steht nicht al­lein da

Ge­gen­wär­tig kämp­fen die bei­den Ko­ali­ti­ons­part­ner in Wi­en um ihr po­li­ti­sches Ge­wicht. Die SPÖ hat durch Kanz­ler Chris­ti­an Kern wie­der an Pro­fil ge­won­nen. Ihr Part­ner ÖVP konn­te sich die­ser Ta­ge so­gar neu er­fin­den. Die Kon­ser­va­ti­ven wol­len nun ge­hor­samst ih­rem Jung-Mes­si­as Sebastian Kurz fol­gen. Die­ser ver­ficht zwar in der Flücht­lings­po­li­tik auch rech­te Po­si­tio­nen. Soll­te sie aber zen­tra­les Wahl­kampf­the­ma wer­den, könn­ten die Wäh­ler doch eher dem FPÖ-Ori­gi­nal zu nei­gen. Wes­halb SPÖ wie ÖVP Ak­tio­nis­mus an der Gren­ze als wahl­kämp­fe­ri­sche Vor­sor­ge­maß­nah­me be­trach­ten dürf­ten.

Ei­nes muss in die­sem Zu­sam­men­hang aber noch er­wähnt wer­den. Beim Um­gang mit Gren­zen zu Ita­li­en steht Wi­en nicht al­lei­ne da: Frank­reich kon­trol­liert schon. Die Deut­schen tun dies seit fast zwei Jah­ren in der zwei­ten Li­nie in Süd­bay­ern. Wes­halb es un­fair ist, das Kon­troll­the­ma nur an den Ös­ter­rei­chern fest­zu­ma­chen. Be­trach­tet man die Ent­wick­lung aus ei­ner über­ge­ord­ne­ten War­te, wä­ren ih­re am Brenner auf­mar­schier­ten Sol­da­ten letzt­lich nur ein wei­te­rer Hin­weis für das Ver­sa­gen der EU in der Flücht­lings­po­li­tik.

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