Die Sei­te, auf der Vä­ter Hil­fe fin­den

Uwe Kars­ten aus Fried­richs­ha­fen be­treibt ei­ne der er­folg­reichs­ten Face­book-Grup­pen Deutsch­lands

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - SEITE DREI - Von Chris­toph Dier­king

FRIED­RICHS­HA­FEN – Müt­ter sind ver­bo­ten. „Des Va­ters Sei­te“ist ei­ne Face­book-Sei­te, auf der nur Vä­ter sich aus­tau­schen. Sie spre­chen über al­le Aspek­te des Va­ter­seins: über Aus­flugs­zie­le, Koch­re­zep­te und Spiel­ide­en. Aber auch über erns­te The­men wie Krank­hei­ten und Schei­dun­gen. Uwe Kars­ten ist der Mann, der die Grup­pe be­treibt. Und zwar so er­folg­reich, dass Face­book Kon­takt mit ihm auf­ge­nom­men hat.

Die Nach­richt kam un­er­war­tet. Kars­ten er­in­nert sich noch ge­nau: Am An­fang ha­be er sie nicht ernst ge­nom­men. Ei­ne un­be­kann­te Frau hat­te ge­schrie­ben, dass sie auf die Grup­pe auf­merk­sam ge­wor­den sei. We­gen der ho­hen Ak­ti­vi­tät. Was will die von mir? Wo­rum geht es? Das wa­ren die Fra­gen, die Kars­ten durch den Kopf gin­gen. Dann schau­te er ge­nau­er hin. Das Pro­fil der Frau er­schien glaub­wür­dig. Es ge­hör­te ei­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ma­na­ge­rin von Face­book. Sie lud Kars­ten ein, nach Ham­burg zu kom­men. In die Deutsch­land­zen­tra­le des so­zia­len Netz­wer­kes.

Al­les be­gann im Jahr 2011. „Im Netz gibt es vie­le Rat­ge­ber für Müt­ter“, er­zählt Kars­ten. Für Vä­ter ha­be er kei­ne An­ge­bo­te ge­fun­den. Dar­auf­hin grün­de­te er ei­nen Blog. Auch ei­ne ent­spre­chen­de Sei­te auf Face­book war schnell er­stellt. Hier fin­den Vä­ter auch die Grup­pe, in der sie sich aus­tau­schen kön­nen. Die­se hat Kars­ten al­ler­dings erst im ver­gan­ge­nen Fe­bru­ar hin­zu­ge­fügt. „Ich saß drau­ßen auf dem Bal­kon und ha­be lan­ge über­legt“, sagt er. „Machst du es oder machst du es nicht?“Er ent­schied sich da­für. Mitt­ler­wei­le ge­hö­ren über 13 000 Vä­ter der Grup­pe an. Je­de Wo­che kom­men zwi­schen 300 und 400 da­zu.

Tref­fen mit den Müt­tern

Bei Face­book in Ham­burg hat Kars­ten vie­le Men­schen ken­nen­ge­lernt. Ein­ge­la­den wa­ren die Be­trei­ber der 30 er­folg­reichs­ten Grup­pen in Deutsch­land. Dar­un­ter auch die Be­trei­ber ei­ner Grup­pe für Müt­ter. „Die kann­te ich schon aus dem Netz“, sagt der 46-Jäh­ri­ge und schmun­zelt. „Es war wit­zig, sie in der rea­len Welt zu tref­fen.“Auf der Ver­an­stal­tung über­leg­ten die Teil­neh­mer, wie sie die Be­die­nung der Grup­pen im so­zia­len Netz­werk ver­bes­sern kön­nen. Kars­ten wünscht sich ei­ne bes­se­re Un­ter­tei­lung: „Prak­tisch wä­re, wenn ich Un­ter­grup­pen er­stel­len könn­te“, meint er. Dann könn­ten bei­spiels­wei­se ge­schie­de­ne Vä­ter un­ter sich sein. Sie hät­ten oft an­de­re The­men als Vä­ter, die ver­hei­ra­tet sind.

Die Pfle­ge der Sei­te kos­tet viel Zeit. Kars­ten schal­tet je­den Bei­trag der Grup­pen­mit­glie­der frei. Mo­de­riert Dis­kus­sio­nen. Und er­stellt Bei­trä­ge. Un­ter­stüt­zung be­kommt er von 13 Vä­tern, die er im Netz ken­nen­ge­lernt hat. „Trotz­dem in­ves­tie­re ich je­de Wo­che un­ge­fähr 50 St­un­den“, schätzt der 46-Jäh­ri­ge, der für den VfB Fried­richs­ha­fen als Platz­wart ar­bei­tet. Da bleibt nicht viel Zeit üb­rig. „Na­tür­lich wä­re es schön, wenn wir mehr ge­mein­sam un­ter­neh­men könn­ten“, sagt An­ge­li­ka Baur, Kars­tens Freun­din. „Aber ich freue mich auch, dass ich in Ham­burg da­bei sein konn­te. Das war ein ganz be­son­de­res Er­leb­nis.“

Sei­ne Mo­ti­va­ti­on schöpft Kars­ten aus den Be­geg­nun­gen mit an­de­ren Vä­tern. Er selbst hat ei­ne Toch­ter und kann sich noch gut er­in­nern, mit wel­chen Pro­ble­men er sich aus­ein­an­der­set­zen muss­te, als er sich von sei­ner Frau trenn­te. Die­se Er­fah­run­gen möch­te er tei­len. Und manch­mal sind es schwe­re Schick­sa­le, mit de­nen er sich be­schäf­tigt. Ein­mal ha­be sich ein jun­ger Va­ter ge­mel­det, des­sen Le­bens­ge­fähr­tin bei der Ge­burt ge­stor­ben sei. Das Kind ha­be ge­lebt. „Das ist mir sehr na­he ge­gan­gen“, er­zählt Kars­ten. Der jun­ge Mann ha­be das schreck­li­che Er­leb­nis ver­ar­bei­ten kön­nen. Es ge­he ihm bes­ser.

Auch ein an­de­rer Fall ist Kars­ten in Er­in­ne­rung ge­blie­ben: Im April ha­be ein Va­ter ein Fo­to sei­ner Toch­ter ge­teilt. Das Mäd­chen sitzt auf dem lee­ren Fuß­bo­den. Es hat nichts zum Spie­len.

Der Va­ter war nach der Tren­nung aus­ge­zo­gen. Und die Mut­ter wei­ger­te sich, Spiel­sa­chen mit­zu­ge­ben. Die Ge­mein­schaft re­agier­te: Der Va­ter er­hielt zahl­rei­che Pa­ke­te. In­ner­halb von drei Ta­gen hat­te das Mäd­chen vie­le neue Spiel­sa­chen. Es sind auch Ge­schich­ten wie die­se, die Kars­ten an­trei­ben, je­den Tag vie­le St­un­den zu in­ves­tie­ren. Geld ver­dient er da­bei nicht.

„Hoch die Hän­de, Wo­che­n­en­de! Jetzt ist wie­der Pa­pa­zeit!“So lau­tet ei­ner der vie­len Sprü­che, die Kars­ten re­gel­mä­ßig auf der Sei­te ver­öf­fent­licht. Ei­ni­ge ste­hen mit wei­ßer Schrift auf schwar­zem Hin­ter­grund. An­de­re auf Bil­dern, die ihm Vä­ter zu­ge­schickt ha­ben. Er hat im­mer ei­nen Block zur Hand, da­mit er neue Ein­fäl­le so­fort auf­schrei­ben kann. „Manch­mal kommt der ent­schei­den­de Ge­dan­ke um 5 Uhr mor­gens“, meint Kars­ten. „Die Sprü­che spie­geln wi­der, was mich be­wegt.“Es ge­be auch Ta­ge, an de­nen ihm nichts ein­fal­le. Weil ihm der Kopf rau­che.

Kars­ten spielt mit dem Ge­dan­ken, ei­nen Li­ve-Chat an­zu­bie­ten. Dann könn­te er Fra­gen noch schnel­ler be­ant­wor­ten. Die Um­set­zung ist al­ler­dings schwie­rig, lässt Kars­ten wis­sen. Für die Be­treu­ung sei­en vie­le Eh­ren­amt­li­che er­for­der­lich. Auch Pro­fis wür­de er ger­ne ein­be­zie­hen. Au­ßer­dem steht der 46-Jäh­ri­ge mit ei­ner Face­book-Ma­na­ge­rin aus Ham­burg in Kon­takt. Sie möch­te ihm zei­gen, wie er mit sei­ner Sei­te Geld ver­die­nen kann. „Es wä­re schon nett, wenn et­was da­bei her­aus­springt,“sagt er. Aber klar sei auch: „Kom­mer­zi­ell soll die Sei­te auf kei­nem Fall sein. Das Mit­ein­an­der wird im­mer im Vor­der­grund ste­hen.“

FO­TO: CHRIS­TOPH DIER­KING

Uwe Kars­ten schätzt, dass er wö­chent­lich 50 St­un­den in die Be­treu­ung der Sei­te in­ves­tiert. Sei­ne Mo­ti­va­ti­on: Die Be­geg­nung mit an­de­ren Vä­tern.

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