Ran­da­le vor idyl­li­scher Ku­lis­se

Im schwä­bi­schen Schorn­dorf at­ta­ckie­ren Un­be­kann­te auf ei­nem Volks­fest die Po­li­zei – Un­ge­wiss­heit über Her­kunft der Tä­ter

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - SEITE DREI - Von Kat­ja Korf

SCHORN­DORF - Jür­gen Do­bler per­so­ni­fi­ziert an die­sem son­ni­gen Mon­tag das Di­lem­ma ei­ner gan­zen Stadt. Der Mann in Je­ans und brau­ner Wes­te ver­eint zwei Eh­ren­äm­ter: Er ist Chef je­nes Ver­eins, der seit 49 Jah­ren das Volks­fest „Schorn­dor­fer Wo­che“, kurz „Schowo“, ver­an­stal­tet. Und er lei­tet die In­itia­ti­ve „Schorn­dorf hilft“, die sich für Flücht­lin­ge en­ga­giert. Bun­des­wei­te Be­ach­tung hat die­se Ar­beit ge­fun­den, noch in den ver­gan­ge­nen Wo­chen durf­te Do­bler da­für Aus­zeich­nun­gen ab­ho­len. Nun hat ein Wo­che­n­en­de ge­reicht, um ihn sa­gen zu las­sen: „Da über­legt man schon, ob man das al­les wei­ter­macht.“Da­mit meint Do­bler nicht nur, was ge­sche­hen ist. Son­dern vor al­lem, was dar­aus ent­stan­den ist.

Ver­dacht se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung

Fest steht zu die­sem Zeit­punkt so viel: Die Po­li­zei er­mit­telt in zwei Fäl­len von se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung. Tat­ver­däch­tig sind ein Ira­ker und drei Af­gha­nen. In der Nacht zum Frei­tag soll der Ira­ker ei­ne jun­ge Frau be­grapscht ha­ben, die Af­gha­nen am Sams­tag ei­ne wei­te­re. Bei­de Ta­ten er­eig­ne­ten sich auf dem Volks­fest. Au­ßer­dem ge­rie­ten Prü­ge­lei­en un­ter Ju­gend­li­chen au­ßer Kon­trol­le. Rund 1000 vor al­lem jun­ge Fest­be­su­cher hat­ten sich in der Nacht zum Sonn­tag im Schloss­park ab­seits der Alt­stadt ver­sam­melt – tra­di­tio­nell ein Treff­punkt für Schü­ler. Aus der Men­ge her­aus wur­de die Po­li­zei at­ta­ckiert, es flo­gen Fla­schen.

„Wir hat­ten die La­ge nicht im­mer im Griff“, sagt der Aa­le­ner Po­li­zei­prä­si­dent Ro­land Ei­se­le. Erst, als die Po­li­zei Un­ter­stüt­zung aus der Um­ge­bung be­kam und dop­pelt so viel Ein­satz­kräf­te vor Ort wa­ren als zu­vor, be­ru­hig­te sich die Si­tua­ti­on. Wie vie­le Be­am­te im Ein­satz wa­ren, sagt die Po­li­zei wie üb­lich nicht – um sich nicht in die Kar­ten schau­en zu las­sen. Es gab meh­re­re Fäl­le von Kör­per­ver­let­zung, Po­li­zis­ten muss­ten sich ge­gen An­grei­fer weh­ren, als die ei­nen Ver­däch­ti­gen fest­neh­men woll­ten. Die Fra­ge, die an die­sem Mor­gen die Bür­ger be­wegt, lau­tet: Ha­ben Flücht­lin­ge und an­de­re Mi­gran­ten, auf de­ren In­te­gra­ti­on die Schorn­dor­fer so stolz sind, die Stadt und die „Schowo“zum un­si­che­ren Ort ge­macht? Wird ihr idyl­li­scher Ort wie Köln oder Ham­burg zum Syn­onym für Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten, für die Nai­vi­tät der Will­kom­mens­kul­tur?

Grund für die­se Fra­gen ist vor al­lem ei­ne Pres­se­mit­tei­lung der Po­li­zei vom Sonn­tag­nach­mit­tag. Dar­in heißt es über die Men­schen­men­ge im Schloss­park: „Bei ei­nem gro­ßen Teil han­del­te es sich wohl um Per­so­nen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund.“Am Mon­tag ru­dert die Pres­se­stel­le zu­rück. Nach neu­en Er­kennt­nis­sen ha­be der An­teil der Mi­gran­ten un­ter 50 Pro­zent ge­le­gen. Am Vor­mit­tag tre­ten Ober­bür­ger­meis­ter Mat­thi­as Klop­fer (SPD) und Po­li­zei­prä­si­dent Ei­se­le vor die Pres­se. An­ge­lockt von den Mel­dun­gen ver­sam­mel­ten sich Ka­me­ra­teams der gro­ßen Sen­der und Kol­le­gen re­gio­na­ler und über­re­gio­na­ler Zei­tun­gen. „Wir kön­nen nicht ge­nau sa­gen, wie vie­le Men­schen aus der Grup­pe Mi­gran­ten wa­ren“, sagt Po­li­zei­chef Ei­se­le. Das sei nicht fest­zu­stel­len. Noch ge­be es auch kei­ne kon­kre­ten Ver­däch­ti­gen für die Fla­schen­wür­fe und die Atta­cken auf Po­li­zis­ten. Die Ju­gend­li­chen, die die jun­gen Frau­en be­grapscht ha­ben sol­len, sind wie­der auf frei­em Fuß, der Staats­an­walt er­mit­telt ge­gen sie.

Mit und oh­ne deut­schem Pass

Ober­bür­ger­meis­ter Klop­fer ist vor lau­fen­den Mi­kro­fo­nen sicht­lich be­müht, den Schul­ter­schluss mit der Po­li­zei zu üben. Er wie­der­holt aber mehr­fach Sät­ze wie die­sen: „Im Schloss­park wa­ren vie­le Ju­gend­li­che aus Schorn­dorf, mit und oh­ne deut­schem Pass.“Sei­ne Bot­schaft: Ob nun in Schorn­dorf als Kind von Mi­gran­ten ge­bo­ren, ob als Flücht­ling oder als Kind ei­ner seit Jahr­zehn­ten an­säs­si­gen Fa­mi­lie, man kön­ne da nicht per Au­gen­schein dif­fe­ren­zie­ren. Spä­ter sagt Klop­fer: „Ich hät­te mir schon ge­wünscht, dass die Po­li­zei nur be­kannt gibt, was sie si­cher weiß.“

Das Er­geb­nis die­ser Kom­mu­ni­ka­ti­on er­le­ben Stadt­ober­haupt Klop­fer und Eh­ren­amt­ler Do­bler seit Sonn­tag­abend. Bei­de be­rich­ten von „Hass­kam­pa­gnen“in den so­zia­len Netz­wer­ken. „Wir Flücht­lings­hel­fer sol­len lie­ber nachts auf die Stra­ßen ge­hen, um die Bür­ger zu schüt­zen“, zi­tiert Do­bler Kom­men­ta­re und Mails. In der städ­ti­schen Pres­se­stel­le ar­bei­ten drei Mit­ar­bei­ter dar­an, ras­sis­ti­sche Kom­men­ta­re von den Face­book-Sei­ten der Stadt zu lö­schen. Zu die­sem Lehr­stück über Nach­rich­ten und ih­re Ver­brei­tung ge­hört ein wei­te­rer Aspekt: Je­ne Flücht­lings­hel­fer, die nun in den so­zia­len Netz­wer­ken be­schimpft wer­den, pro­fi­tie­ren von ih­nen. „Schorn­dorf hilft“mo­bi­li­siert vor al­lem über Face­book und or­ga­ni­siert die Ver­tei­lung von Hilfs­gü­tern un­ter an­de­rem über ei­ne aus­ge­klü­gel­te Web­sei­te. Als die Schorn­dor­fer Ta­fel vor Kur­zem lee­re Re­ga­le mel­de­te, brauch­te Do­bler via Face­book nur zwei Ta­ge, um den La­den wie­der mit Wa­ren zu fül­len.

Un­ab­hän­gig da­von, wel­chen Pass oder wel­che Wur­zeln die Ran­da­lie­rer nun hat­ten: Stadt, Po­li­zei und die eh­ren­amt­li­chen Ver­an­stal­ter sind scho­ckiert von dem, was ge­sche­hen ist. „Mit so et­was muss­te bis­her nie­mand rech­nen, der zu un­se­rem Fest ge­kom­men ist, we­der Be­su­cher noch Po­li­zis­ten“, sagt Ober­bür­ger­meis­ter Klop­fer. „Die­se Es­ka­la­ti­on und Ge­walt war für uns so nicht vor­her­seh­bar“, er­gänzt Po­li­zei­chef Ei­se­le. Seit Jah­ren ge­be es zwar im­mer wie­der klei­ne­re Zwi­schen­fäl­le und Ran­ge­lei­en beim Stadt­fest, aber nichts Schwer­wie­gen­des. Dar­auf­hin hat­te die Po­li­zei ih­re Stra­te­gie ge­än­dert. Nor­ma­ler­wei­se be­gan­nen Po­li­zei­be­am­te ab 23 Uhr, die Men­ge jun­ger Er­wach­se­ner vor dem Schloss auf­zu­lö­sen und das Trin­ken von Al­ko­hol zu ver­bie­ten. In die­sem Jahr hat­te man da­mit spä­ter be­gin­nen wol­len. „Das wer­den wir über­den­ken“, so Ei­se­le. Na­tür­lich müs­se man die Vor­komm­nis­se ana­ly­sie­ren und re­agie­ren, be­tont auch der Ober­bür­ger­meis­ter.

Ge­walt ge­gen Po­li­zei nimmt zu

Bei­de spre­chen oft von „ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Pro­ble­men“und „der Bun­des­po­li­tik“. Schorn­dorf, stol­ze Hei­mat­stadt von Gott­lieb Daim­ler, Fair­tra­de-Kom­mu­ne, Wein­an­bau-Ort, ist zum Schau­platz ei­ner Ent­wick­lung ge­wor­den, die man zwi­schen re­stau­rier­tem Fach­werk und wohl­ha­ben­der Bür­ger­ge­sell­schaft nicht ver­mu­tet hat­te.

In Zah­len sieht die­ser Trend so aus: Die Ge­walt ge­gen Po­li­zis­ten nimmt zu. In Ba­den-Würt­tem­berg gab es 2016 fast zwölf Pro­zent mehr Straf­ta­ten ge­gen Be­am­te als im Jahr zu­vor. Das In­nen­mi­nis­te­ri­um zähl­te 4394 Fäl­le – ein Fünf­jah­res­hoch. Dar­un­ter wa­ren 2591 Kör­per­ver­let­zungs­de­lik­te ge­gen Schutz- und Kri­mi­nal­po­li­zei­be­am­te. 2030 Po­li­zis­tin­nen und Po­li­zis­ten wur­den ver­letzt, das sind 8,8 Pro­zent mehr als im Vor­jahr. Bun­des­weit wur­den 71 000 Po­li­zis­ten Op­fer von Ge­walt­ta­ten. Das wa­ren 11,2 Pro­zent mehr als 2015. Schär­fe­re Ge­set­ze sol­len Po­li­zis­ten bes­ser schüt­zen, zu­letzt be­schloss der Bun­des­tag ei­nen neu­en Straf­tat­be­stand für sol­che Atta­cken. Bis zu fünf Jah­ren dro­hen je­nen, die Po­li­zis­ten oder Hel­fer an­grei­fen. Zu­ge­nom­men hat auch die Zahl der tat­ver­däch­ti­gen Asyl­be­wer­ber und Flücht­lin­ge bei den Straf­ta­ten ge­gen die se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung. Sie hat sich in Ba­den-Würt­tem­berg von 236 im Jahr 2015 auf 480 na­he­zu ver­dop­pelt.

Die Schorn­dor­fer wir­ken eher nach­denk­lich als ge­schockt. Vie­le ha­ben erst aus den Me­di­en von den Kra­wal­len er­fah­ren. „Ich war das gan­ze Wo­che­n­en­de in der Alt­stadt, hier hat man nichts mit­be­kom­men“, be­rich­tet To­bi­as Mora­wi­etz, der an ei­nem der zahl­rei­chen Ver­eins­stän­de mit­ar­bei­tet. Meh­re­re jun­ge Frau­en be­to­nen, sie hät­ten sich nie un­si­cher ge­fühlt – auch, als 2015 rund 1000 Flücht­lin­ge in der Stadt leb­ten. Der­zeit sind es 700. Die Zahl der Ge­walt­de­lik­te ist seit 2015 nicht ge­stie­gen, wohl aber die Zahl der La­den­dieb­stäh­le und Schwarz­fahr­ten.

Der Ober­bür­ger­meis­ter ahnt, was ihm noch be­vor­steht. „Wir müs­sen ver­hin­dern, dass dar­aus ei­ne gro­ße, emo­tio­na­le Kam­pa­gne im Jahr der Bun­des­tags­wahl wird“. Er will ver­mei­den, dass aus den Kra­wal­len po­li­ti­sches Ka­pi­tal ge­schla­gen wird. Das wird ihm nicht ge­lin­gen. Die AfD im Land­tag hat für Don­ners­tag ei­ne De­bat­te an­set­zen las­sen: Das The­ma: „Schorn­dor­fer Stadt­fest: Die ,Köl­ner Sil­ves­ter­nacht’ ist in der schwä­bi­schen Pro­vinz an­ge­kom­men“.

FO­TO: GA­B­RI­EL HA­BER­MANN

Die Po­li­zei zeig­te am Sonn­tag­abend im Be­reich des Schorn­dor­fer Burg­schlos­ses mas­siv Prä­senz, da­mit sich die Er­eig­nis­se der Nacht zu­vor nicht wie­der­ho­len.

„Die­se Es­ka­la­ti­on und Ge­walt war für uns so nicht vor­her­seh­bar“, sag­te Aa­lens Po­li­zei­prä­si­dent Ro­land Ei­se­le (rechts) auf ei­ner Pres­se­kon­fe­renz mit dem Ober­bür­ger­meis­ter von Schorn­dorf Mat­thi­as Klop­fer (SPD).

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