St­ein­mei­er übt schar­fe Kri­tik an Er­do­gan

Der Bun­des­prä­si­dent spricht sich für „deut­li­che Hal­te­si­gna­le“aus

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Sa­scha Mey­er und Ul­rich St­ein­kohl

BER­LIN (dpa) - Im Streit zwi­schen Ber­lin und An­ka­ra hat Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er den tür­ki­schen Staats­chef Re­cep Tay­yip Er­do­gan un­ge­wöhn­lich hart kri­ti­siert. Zu­gleich stell­te er sich hin­ter den schär­fe­ren Tür­kei-Kurs der Bun­des­re­gie­rung. Die letz­ten Res­te an Kri­tik und Op­po­si­ti­on in der Tür­kei „wer­den jetzt ver­folgt, wer­den ins Ge­fäng­nis ge­steckt, wer­den mund­tot ge­macht“, sag­te St­ein­mei­er im ZDFSom­mer­inter­view. „Das kön­nen wir nicht hin­neh­men.“CSU-Chef Horst See­ho­fer und SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz mach­ten sich für fi­nan­zi­el­len Druck auf An­ka­ra stark. Er­do­gan ver­bat sich je­de Ein­mi­schung in die in­ne­ren An­ge­le­gen­hei­ten sei­nes Lan­des, das „ein de­mo­kra­ti­scher, so­zia­ler Rechts­staat“sei.

Als Re­ak­ti­on auf die Ver­haf­tung des Men­schen­recht­lers Pe­ter Steudt­ner und an­de­rer Deut­scher hat­te das Aus­wär­ti­ge Amt sei­ne Rei­se­hin­wei­se für die Tür­kei ver­schärft. Zu­dem stellt Deutsch­land die Ab­si­che­rung von Tür­kei-Ge­schäf­ten der deut­schen Wirt­schaft durch Her­mesBürg­schaf­ten auf den Prüf­stand. Über­dacht wer­den sol­len auch In­ves­ti­ti­ons­kre­di­te, Wirt­schafts­hil­fen und EU-Vor­bei­tritts­hil­fen.

Schäu­b­le: „Nicht er­pres­sen las­sen“

St­ein­mei­er nann­te es rich­tig, dass die Bun­des­re­gie­rung jetzt kla­re Wor­te fin­de. „Das ist auch ei­ne Fra­ge der Selbst­ach­tung un­se­res Lan­des, fin­de ich, hier deut­li­che Hal­te­si­gna­le zu sen­den.“CSU-Chef See­ho­fer ver­lang­te bei ei­ner Par­tei­ver­an­stal­tung, die EU sol­le bis 2020 vor­ge­se­he­ne Zah­lun­gen von gut vier Mil­li­ar­den Eu­ro an die Tür­kei als EU-Bei­tritts­kan­di­dat stop­pen. SPD-Chef Schulz for­der­te im Deutsch­land­funk eben­falls ein Ein­frie­ren die­ser Mit­tel: „Das sind kon­kre­te Maß­nah­men, die man so­fort er­grei­fen kann.“

Ob der Tür­kei die­se Hil­fen ge­stri­chen wer­den kön­nen, ist laut „Süd­deut­scher Zei­tung“frag­lich. Im Pro­gramm IPA II ge­be es ei­ne frü­he­re Klau­sel nicht mehr, dass die Wah­rung de­mo­kra­ti­scher und rechts­staat­li­cher Grund­sät­ze ei­ne Vor­aus­set­zung für die Hil­fen sei. Nach ei­nem Gut­ach­ten der Wis­sen­schaft­li­chen Di­ens­te des Bun­des­tags sei „ei­ne Su­s­pen­die­rung der Hil­fe nicht mög­lich, so­lan­ge das Bei­tritts­ver­fah­ren der Tür­kei an­dau­ert“. Der Bun­des­ge­schäfts­füh­rer der Link­s­par­tei, Mat­thi­as Höhn, for­der­te in der Zei­tung „Neu­es Deutsch­land“ei­ne Aus­set­zung der Na­to-Mit­glied­schaft des Lan­des. Der Vor­sit­zen­de der Links­frak­ti­on im Bun­des­tag, Diet­mar Bartsch, ver­lang­te, deut­sche Waf­fen­ex­por­te in die Tür­kei zu be­en­den und die Bun­des­wehr aus dem Na­toStütz­punkt Konya ab­zu­zie­hen.

Fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le warf Er­do­gan in der „Bild“-Zei­tung vor, „die jahr­hun­der­te­lan­ge Part­ner­schaft zwi­schen der Tür­kei und Deutsch­land aufs Spiel“zu set­zen. „Es ist schon dra­ma­tisch, ei­gent­lich ver­bin­det uns so viel. Aber wir kön­nen uns nicht er­pres­sen las­sen.“ Kanz­ler­amts­chef Pe­ter Alt­mai­er (CDU) nann­te das Ver­hal­ten An­ka­ras in der „Bild am Sonn­tag“„in­ak­zep­ta­bel“und die Maß­nah­men der Bun­des­re­gie­rung „ab­so­lut not­wen­dig“. Er gab aber zu be­den­ken, dass es beim Na­to-Mit­glied Tür­kei auch um geo­stra­te­gi­sche Fra­gen ge­he: „In der Re­gi­on ist die Tür­kei ei­nes der de­mo­kra­tischs­ten Län­der. Und da­mit mei­ne ich gar nicht Herrn Er­do­gan, son­dern das Land und die tür­ki­sche Ge­sell­schaft ins­ge­samt.“

Der Chef des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung (DIW), Mar­cel Fratz­scher, warn­te vor ei­nem Al­lein­gang. Der schär­fe­re Kurs sei rich­tig. „Es soll­te aber eu­ro­päi­sche Lö­sun­gen ge­ben“, sag­te Fratz­scher.

FO­TO: KARS­TEN SOCHER/ZDF/DPA

Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er stellt sich hin­ter die Bun­des­re­gie­rung.

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