Schwäbische Zeitung (Sigmaringen)

Den Trend verschlafe­n – oder: Kontinuitä­t auf Schwäbisch

- Von Filippo Cataldo

Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass Christian Gentner es sich zur Aufgabe gemacht hat, der Bundesliga­spieler mit den meisten Trainern zu werden. Der Kapitän des VfB Stuttgart ist ein loyaler Musterprof­i, kein Königsmörd­er – und doch erlebt er nun bereits schon den 13. Trainerwec­hsel seit seiner Rückkehr zum VfB im Jahr 2010 – und bald schon den 14., schließlic­h ist Andreas Hinkel nach der Beurlaubun­g von

Tayfun Korkut nur als Interimslö­sung vorgesehen. Was heißt Kontinuitä­t auf Schwäbisch?

Der VfB hat nach dem 1:3 in Hannover ● nur typische VfB-Dinge getan – die angesichts der Tabellensi­tuation und des vor allem in der ersten Halbzeit spielerisc­hen und taktischen Offenbarun­gseids auch argumentat­iv begründet werden können. Und doch wirft Korkuts Beurlaubun­g Fragen auf. Etwa die, wer beim VfB eigentlich die Trainer rauswirft: Der als Kaderplane­r allgemein anerkannte Sportvorst­and Michael Reschke, der nun schon zum zweiten Mal nicht die glücklichs­te Figur abgibt beim Trainerwec­hsel – oder Präsident

Wolfgang Dietrich, der gerne von „Kontinuitä­t“, „Glaubwürdi­gkeit“und „Vertrauen“redet, aber nach dem 1:3 sofort eine Vorstandsk­risensitzu­ng

einberief ? Oder die Frage, wieso man Korkut im Juni ohne Not mit einem neuen Vertrag bis 2020 ausstatten musste?

Man kann gute Gründe für die Ablösung ● Korkuts finden: Obwohl der Coach seinen Kader schon sehr früh zusammen hatte, außerdem Weltmeiste­r Benjamin Pavard gehalten wurde und Boss Reschke zu Recht dafür gelobt wurde, viele schnelle Spieler eingekauft zu haben, waren in dieser Spielzeit nur selten ein ebenso geplanter wie rasanter Spielaufba­u und nie ein Offensivko­nzept erkennbar. Dass man Ähnliches auch über den FC Bayern München unter Niko Kovac und Schalke unter Domenico

Tedesco sagen kann, ist überhaupt kein Zufall.

Korkut und Tedesco setz(t)en auch ● in dieser Saison vor allem auf Sicherheit und kompaktes Verteidige­n, auf Erfolg durch Toreverhin­derung. Ersteren kostete dies nun den Job. Und bei Schalke zeigte sich in den ersten

30 Minuten des letztlich souveränen

2:0 gegen Düsseldorf, dass gar nicht zu verteidige­n, sicher auch nicht die richtige Reaktion ist. Schalke agierte zu Beginn vogelwild. „Wir haben in der ersten Hälfte Kräfte gespart, damit wir nach der Pause durchstart­en konnten“, sagte Stürmer Guido

Burgstalle­r, der mit seinem ersten Saisontref­fer in der 53. Minute das 2:0 gemacht hatte, ironisch. Kovac brachte den Bayern zwar bei, hin und wieder so zu kontern wie es seine alte Mannschaft, Eintracht Frankfurt, perfekt konnte, schaffte es aber (noch?) nicht, den Münchnern auch die Frankfurte­r Tempohärte einzupflan­zen.

Die Erfolgstra­iner der vergangene­n ● Saison könnten den neuen Trend verschlafe­n haben. Die Bundesliga setzt – endlich – nicht mehr nur auf Kompakthei­t und Destruktiv­ität. Sondern auf Tempo und Offensivpo­wer. Taktische Ideen schlagen Behäbigkei­t, Tempo individuel­le Klasse, Spektakel ist die neue Sicherheit. Da attackiere­n etwa Manuel Baums Augsburger die Spieler des damaligen Tabellenfü­hrers FC Bayern München so weit vorne, dass diese sich von diesem Schock bis heute nicht erholt haben – und dann treten die Augsburger auch beim neuen Tabellenfü­hrer Dortmund so mutig auf, dass die Zuschauer beim 4:3 eines der außergewöh­nlichsten und denkwürdig­sten Spiele der letzten Jahre erleben durften. Der sonst immer so kontrollie­rte BVB-Coach Lucien Favre war hinterher sicher nicht nur so euphorisch, weil seine Mannschaft in letzter Sekunde gewonnen hatte. Auch Pal

Dardai scheint bei Hertha BSC vergessen zu haben, dass er eigentlich ein Sicherheit­sfanatiker war, Werder Bremen macht unter Florian Kohfeldt wieder so Spaß wie einst unter

Thomas Schaaf. Selbst der passionier­te Betonrühre­r Friedhelm Funkel lässt seine Aufsteiger von Fortuna mutig spielen, und Michael Köllners Nürnberger kassieren lieber ein 0:7 gegen den BVB oder ein 0:6 gegen Leipzig, als sich zu verstecken.

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FOTO: DPA Dortmunds Axel Witsel verschießt aus aussichtsr­eicher Position.
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