Schwaebische Zeitung (Tettnang)

Das Schwei­gen der Män­ner

Nüch­tern und doch span­nend ist der ARD-Drei­tei­ler „Das Ge­heim­nis des To­ten­wal­des“

- Von Kat­ha­ri­na Zeckau ARD (broadcaster) · Lower Saxony · Nicholas Ofczarek · Matthias Brandt · Hanno Koffler

KÖLN/MÜNCHEN (KNA) - Zwei Dop­pel­mor­de – von de­nen der zwei­te ge­schieht, wäh­rend die Po­li­zei nur 800 Me­ter ent­fernt das ers­te er­schos­se­ne Pär­chen un­ter­sucht. Ei­ne spur­los ver­schwun­de­ne Frau, de­ren Bru­der der mäch­ti­ge Ham­bur­ger LKA-Chef ist. Ein in ei­nem Pri­vat­gar­ten ver­gra­be­nes Au­to. Ein Ver­däch­ti­ger, der sich ei­ne pri­va­te, mit Na­ziDe­vo­tio­na­li­en voll­ge­stell­te Sa­do­Ma­so-Höl­le ein­ge­rich­tet hat – und der wo­mög­lich ei­ner der größ­ten deut­schen Se­ri­en­tä­ter der Nach­kriegs­ge­schich­te war. Wä­re das al­les aus­ge­dacht – es wür­de ein we­nig „over the top“wir­ken. Tat­säch­lich aber er­zählt der ARD-Drei­tei­ler „Das Ge­heim­nis des To­ten­wal­des“, des­sen ers­ten Teil das Ers­te am 2. De­zem­ber von 20.15 bis 21.45 Uhr aus­strahlt, frei nach ei­ner wah­ren Be­ge­ben­heit.

Der Sto­ry zu­grun­de lie­gen die so­ge­nann­ten Göhr­de-Mor­de: Zwei er­schos­se­ne Pär­chen in ei­nem Wald­stück im nie­der­säch­si­schen Zo­nen­rand­ge­biet, die im Som­mer 1989 West­deutsch­land er­schüt­ter­ten. Kurz da­nach ver­schwand ganz in der Nä­he Bir­git Mei­er (die hier Bar­ba­ra

Ne­der heißt und von Sil­ke Bo­den­be­n­der ge­spielt wird). Mei­ers Bru­der ist der frü­he­re Ham­bur­ger LKA-Chef Wolf­gang Siel­aff: Er roll­te den Fall nach sei­ner Pen­sio­nie­rung neu auf und konn­te ihn 2017 end­lich auf­klä­ren.

Im Drei­tei­ler heißt die­se Fi­gur Tho­mas Be­th­ge und wird von Mat­thi­as Brandt prä­zi­se ge­spielt: als in­te­grer Staats­die­ner, der stets die Re­geln be­folgt. Und die be­sa­gen, dass ein Ham­bur­ger Po­li­zist nicht in Nie­der­sach­sen er­mit­teln darf. So hält sich der Er­mitt­ler zu­rück, ver­sorgt die Kol­le­gen aus der Pro­vinz le­dig­lich mit Hin­wei­sen. Und ist zu­neh­mend em­pört über de­ren Nach­läs­sig­keit.

Nur An­ne Bach (Ka­ro­li­ne Schuch), ei­ne auf­stre­ben­de jun­ge Po­li­zis­tin, bleibt hart­nä­ckig. Sie ist da­von über­zeugt, dass Fried­hofs­gärt­ner Jür­gen Becker (Han­no Koff­ler) hin­ter Bar­ba­ras Ver­schwin­den steckt. Doch ihr Vor­ge­setz­ter so­wie der zu­stän­di­ge Staats­an­walt blo­cken ab, ha­ben längst schon „ih­ren“Schul­di­gen aus­ge­macht: Bar­ba­ras Ehe­mann Ro­bert (Ni­cho­las Ofc­zarek), ei­nen er­folg­rei­chen Un­ter­neh­mer, der sie kurz zu­vor für ei­ne Jün­ge­re ver­ließ. Bald glau­ben der gan­ze Ort und auch Ro­berts und Bar­ba­ras Toch­ter Te­re­sa an die­se Theo­rie, oh­ne dass es ir­gend­wel­che Be­wei­se gä­be.

„Das Ge­heim­nis des To­ten­wal­des“ist – ent­ge­gen der An­kün­di­gung als „Event-Drei­tei­ler“– ei­ne eher nüch­tern da­her­kom­men­de Pro­duk­ti­on, die glück­li­cher­wei­se kaum auf Ef­fekt und Spek­ta­kel setzt. Die ins­ge­samt 270 Mi­nu­ten zei­gen po­li­zei­li­che Er­mitt­lungs­ar­beit über knapp 30 Jah­re hin­weg, und zwar in all ih­rer Müh­se­lig­keit und Ak­ten­wäl­ze­rei, ih­rer (schein­ba­ren) Aus­sichts­lo­sig­keit.

Er­zählt wird dies je­doch mit ei­ner enor­men in­ne­ren Span­nung, die nicht nur aus den er­wähn­ten un­fass­ba­ren De­tails die­ses Kri­mi­nal­falls re­sul­tiert. Ge­fes­selt wird der Zu­schau­er durch ei­ne stim­mi­ge Dra­ma­tur­gie, klu­ge Dia­lo­ge, star­ke Bil­der und ei­ne ef­fi­zi­en­te, el­lip­ti­sche Er­zähl­wei­se: Dreh­buch­au­tor Ste­fan Kol­ditz und Re­gis­seur Sven Boh­se ha­ben das kom­ple­xe Ge­sche­hen be­mer­kens­wert gut im Griff.

Da­bei set­zen die Fil­me­ma­cher auf span­nen­de, durch­weg toll ge­spiel­te Fi­gu­ren und de­ren in­ter­es­san­te Kon­stel­la­tio­nen un­ter­ein­an­der. Be­th­ge et­wa, der so­wohl als ein­fluss­rei­cher

LKA-Chef als auch als ohn­mäch­ti­ger An­ge­hö­ri­ger auf­tritt. Der als Po­li­zist da­mit le­ben muss, der ei­ge­nen Mut­ter kei­ne Ge­wiss­heit über den Ver­bleib ih­rer Toch­ter ge­ben zu kön­nen. Der nicht hin­weg­kommt über den Ver­lust der Schwes­ter – auch, weil er kaum dar­über spricht: Das Schwei­gen, es ist ein zen­tra­les Merk­mal der meis­ten Män­ner in die­sem Drei­tei­ler.

Die Ver­fil­mung ist auch ein Sit­ten­ge­mäl­de je­ner Jah­re, das die to­xisch-pa­tri­ar­cha­le Kul­tur in all ih­ren Aus­for­mun­gen – vom na­tio­nal­so­zia­lis­tisch ge­präg­ten Ex­trem ei­ner „har­ten“Männ­lich­keit hin zur man­geln­den Em­pa­thie und Feh­ler­kul­tur im Pro­vinz-Kom­mis­sa­ri­at – zum Aus­gangs­punkt sei­ner Er­zäh­lung macht. So ist „Das Ge­heim­nis des To­ten­wal­des“nicht nur atem­rau­bend span­nend, son­dern zu­dem ein klu­ger Kom­men­tar zu über­hol­ten Ge­schlech­ter­rol­len.

„Das Ge­heim­nis des To­ten­wal­des“, Re­gie: Sven Boh­se. Das Ers­te, Mi 2., Sa 5. und 9.12., je­weils 20.15 bis 21.45 Uhr.

 ?? FO­TO: NDR/CONRADFILM, BA­VA­RIA FIC­TION /CHRIS­TIA­NE PAUSCH ?? Prä­zi­se zeich­net Mat­thi­as Brandt die Fi­gur des Tho­mas Be­th­ge, der nach 30 Jah­ren den Tod sei­ner Schwes­ter auf­klärt.
FO­TO: NDR/CONRADFILM, BA­VA­RIA FIC­TION /CHRIS­TIA­NE PAUSCH Prä­zi­se zeich­net Mat­thi­as Brandt die Fi­gur des Tho­mas Be­th­ge, der nach 30 Jah­ren den Tod sei­ner Schwes­ter auf­klärt.

Newspapers in German

Newspapers from Germany