Er­do­gan pro­vo­ziert Eu­ro­pa

Tür­ki­scher Prä­si­dent for­ciert Ein­füh­rung der To­des­stra­fe

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - ERSTE SEITE - Von Su­san­ne Güsten

AN­KA­RA (dpa) - Ein Jahr nach dem Putsch­ver­such in der Tür­kei hat Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan ein gna­den­lo­ses Vor­ge­hen ge­gen Put­schis­ten an­ge­kün­digt und für die Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe plä­diert. Der deut­sche Au­ßen­amts­staats­mi­nis­ter Micha­el Roth (SPD) kri­ti­sier­te, Er­do­gan trei­be die Tür­kei so im­mer wei­ter in die Iso­la­ti­on.

Er­do­gan be­ton­te, ei­nem Ge­setz zur Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe wür­de er so­fort zu­stim­men. Ihm sei egal, was „Hans und Ge­or­ge“– Staa­ten wie Deutsch­land oder Groß­bri­tan­ni­en al­so – da­zu sag­ten. Au­ßen­amts­staats­mi­nis­ter Roth sag­te dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land: „Wenn er die To­des­stra­fe ein­führt, dann ist Schluss mit den EU-Bei­tritts­ver­hand­lun­gen und der tür­ki­schen Mit­glied­schaft im Eu­ro­pa­rat.“

Er­do­gan üb­te schar­fe Kritk an der EU. De­ren Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Juncker will die Tür für die Tür­kei den­noch of­fen hal­ten.

ISTAN­BUL - Egal, wen man am Sams­tag­abend in der Tür­kei per Han­dy an­rief – es mel­de­te sich im­mer Re­cep Tay­yip Er­do­gan. Al­le Mo­bil­funk­be­trei­ber spiel­ten bei je­dem An­ruf au­to­ma­tisch ei­ne Bot­schaft des Prä­si­den­ten zum Jah­res­tag des Putsch­ver­suchs ab. Er­do­gans All­ge­gen­wart war nie so über­wäl­ti­gend wie an die­sem Tag. Bei Mas­sen­kund­ge­bun­gen kün­dig­te Er­do­gan ei­ne un­barm­her­zi­ge Ver­fol­gung al­ler Geg­ner an, be­kräf­tig­te sei­ne Un­ter­stüt­zung für die To­des­stra­fe und be­schimpf­te die Op­po­si­ti­on als Kom­pli­zen der Put­schis­ten. Gleich­zei­tig at­ta­ckier­te er die west­li­chen Part­ner der Tür­kei.

In Istan­bul ver­sam­mel­ten sich hun­dert­tau­sen­de Men­schen an je­ner Bo­spo­rus­brü­cke, die am Abend des 15. Ju­li 2016 zu ei­nem Brenn­punkt der Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den Put­schis­ten und der Be­völ­ke­rung ge­wor­den war. Er­do­gan weih­te am asia­ti­schen Ufer der Brü­cke ein Denk­mal für die 250 To­des­op­fer des Auf­stan­des ein. Noch in der Nacht reis­te er nach An­ka­ra wei­ter, wo er an ei­ner wei­te­ren Ge­denk­ver­an­stal­tung mit vie­len Zu­schau­ern teil­nahm.

Ge­sän­ge aus 90 000 Mo­sche­en

Die Kund­ge­bun­gen wa­ren mit Lich­tern, Fah­nen und pa­trio­ti­schen Ge­sän­gen so auf­wen­dig in­sze­niert, dass Kri­ti­ker von Ver­an­stal­tun­gen ei­nes to­ta­li­tä­ren Re­gimes spra­chen. Aus den rund 90 000 Mo­sche­en im gan­zen Land er­klan­gen in der Nacht zum Sonn­tag gleich­zei­tig Ge­sän­ge zum Ge­den­ken an den Putsch.

Ob­wohl die Re­gie­rung ein Jahr nach dem Auf­stand die Ein­heit der Na­ti­on be­schwor, war von ei­ner Ver­stän­di­gung über die Par­tei­gren­zen hin­weg nichts zu se­hen. Die größ­ten Op­po­si­ti­ons­par­tei­en – die sä­ku­la­ris­ti­sche CHP und die pro­kur­di­sche HDP – boy­kot­tier­ten ei­ne Ge­denk­ver­an­stal­tung vor dem Par­la­ments­ge­bäu­de in An­ka­ra. CHP-Chef Ki­li­cdarog­lu, des­sen Pro­test­marsch ge­gen die Re­gie­rung kürz­lich viel Zu­lauf er­hal­ten hat­te, sprach von ei­nem „kon­trol­lier­ten Putsch“und warf der Re­gie­rung vor, die Ge­walt als Vor­wand für ein un­de­mo­kra­ti­sches Vor­ge­hen ge­gen ih­re Geg­ner zu be­nut­zen.

Er­do­gan wies dies zu­rück und be­schul­dig­te Ki­li­cdarog­lu, sich in der Nacht des Put­sches von den Auf­rüh­rern be­schüt­zen las­sen, statt ge­gen sie zu kämp­fen. Der Prä­si­dent kün­dig­te die er­neu­te Ver­län­ge­rung des seit dem ver­gan­ge­nen Jahr gel­ten­den Aus­nah­me­zu­stan­des an. In ei­ner Re­de ver­sprach Er­do­gan, den An­hän­gern des Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len, den kur­di­schen PKK-Ex­tre­mis­ten und an­de­ren Staats­fein­den „die Köp­fe ab­zu­schla­gen“und die Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe nach ei­nem ent­spre­chen­den Par­la­ments­vo­tum in Kraft zu set­zen. Mut­maß­li­che An­hän­ger der Put­schis­ten sol­len künf­tig vor Ge­richt in oran­ge­far­be­nen Häft­lings­an­zü­gen er­schei­nen – „wie in Guan­ta­na­mo“.

Zu den an­geb­li­chen Fein­den der Tür­kei zählt die Re­gie­rung of­fen­bar auch west­li­che Staa­ten. Mi­nis­ter­prä­si­dent Bi­na­li Yil­di­rim deu­te­te an, die USA sei­en mög­li­cher­wei­se am Putsch­ver­such be­tei­ligt ge­we­sen. Washington wer­de dies aber nie zu­ge­ben. Er­do­gan be­ton­te, im Aus­land lä­gen „so vie­le Fein­de im Hin­ter­halt“ge­gen sein Land, dass er ei­ne in­ter­na­tio­na­le Kri­se aus­lö­sen wür­de, wenn er je­den Ak­teur nen­nen wür­de. Die Tür­kei war­te seit mehr als 50 Jah­ren auf die EU-Mit­glied­schaft: „Aber sie hal­ten uns im­mer noch zum Nar­ren.“

Kurz vor dem Jah­res­tag hat­te die Re­gie­rung mit der Ent­las­sung von mehr als 7000 wei­te­ren Men­schen aus dem Staats­dienst si­gna­li­siert, dass die Säu­be­run­gen in der Bü­ro­kra­tie wei­ter­ge­hen wer­den. Ins­ge­samt sind seit dem Putsch­ver­such nun fast 160 000 Men­schen ent­las­sen und rund 50 000 in­haf­tiert wor­den.

Schon klei­ne Ab­wei­chun­gen von der of­fi­zi­el­len Li­nie kön­nen in der Po­li­zei­haft en­den. So wur­de Ye­liz Kor­ay, Ko­lum­nis­tin ei­ner Pro­vinz­zei­tung, fest­ge­nom­men, weil sie die bom­bas­ti­schen Fei­ern zum Put­schJah­res­tag hin­ter­fragt hat­te: Ihr Bei­trag war nach An­ga­ben ih­rer Zei­tung von rund ei­ner Mil­li­on Men­schen ge­le­sen wor­den. Noch am Tag der Ver­öf­fent­li­chung des Bei­trags wur­de Kor­ay von der Po­li­zei ab­ge­holt.

FO­TO: DPA

Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan er­öff­net das Denk­mal zum Ge­den­ken an die Op­fer des ge­schei­ter­ten Putsch­ver­suchs in An­ka­ra.

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