„Müs­sen mehr in Prä­ven­ti­on in­ves­tie­ren“

Miss­brauchs­be­auf­trag­ter Jo­han­nes-Wil­helm Rö­rig zum Skan­dal von Re­gens­burg

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - JOURNAL -

BERLIN - Mit der Prä­sen­ta­ti­on des Ab­schluss­be­richts zum Miss­brauchsskan­dal bei den Re­gens­bur­ger Dom­spat­zen ist die Auf­klä­rung ab­ge­schlos­sen – die Au­f­ar­bei­tung hin­ge­gen wird noch lan­ge dau­ern. Was die ka­tho­li­sche Kir­che im Um­gang mit dem Skan­dal ver­passt hat und wie man die Tä­ter trotz Ver­jäh­rung be­lan­gen könn­te, er­klärt Jo­han­nes-Wil­helm Rö­rig, Miss­brauchs­be­auf­trag­ter der Bun­des­re­gie­rung im In­ter­view mit Andre­as Her­holz.

547 Re­gens­bur­ger Dom­spat­zen sind miss­han­delt und se­xu­ell miss­braucht wor­den – der Ab­schluss­be­richt zeigt ein er­schre­cken­des Aus­maß der Ge­walt. Wie be­wer­ten Sie die Au­f­ar­bei­tung des Bis­tums?

Die­ser Be­richt macht un­fass­bar trau­rig. Den Kin­dern sind über Jahr­zehn­te un­er­mess­li­ches Leid und schreck­li­che Qua­len zu­ge­fügt wor­den. Das ging von den fünf­zi­ger bis in die neun­zi­ger Jah­re hin­ein. Be­trof­fe­ne spre­chen von Ge­fäng­nis, Höl­le und Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Das tut in der See­le wahn­sin­nig weh. Man muss sich das vor Au­gen füh­ren: Die Dom­spat­zen soll­ten bes­te Ge­s­an­gleis­tun­gen brin­gen und welt­klas­se Kir­chen­mu­sik ma­chen, wäh­rend sie im Hin­ter­grund ge­de­mü­tigt, ge­schla­gen und miss­braucht wur­den. Es darf sich aber nie­mand zu­rück­leh­nen und mei­nen, das sei nur ei­ne An­ge­le­gen­heit der ka­tho­li­schen Kir­che. Die Fall­zah­len bei Miss­brauch sind seit Jah­ren un­ge­bro­chen hoch. Se­xu­el­le Ge­walt an Kin­dern fin­det nach wie vor über­all und mit­ten un­ter uns statt: in der Fa­mi­lie, in Ein­rich­tun­gen, durch an­de­re Ju­gend­li­che und Kin­der und zu­neh­mend durch die di­gi­ta­len Me­di­en.

Die Miss­brauchs­auf­ar­bei­tung hat lan­ge Zeit auf sich war­ten las­sen. Kommt der Be­richt nicht zu spät?

Un­ter dem da­ma­li­gen Bi­schof Mül­ler wur­de ei­ne um­fas­sen­de, pro­ak­ti­ve Au­f­ar­bei­tung un­ter Ein­be­zie­hung von Be­trof­fe­nen lei­der ver­säumt. Mül­ler hat stets von Ein­zel­fäl­len ge­spro­chen, aber die struk­tu­rel­len Ver­säum­nis­se nicht un­ter­sucht. Es wä­re den Be­trof­fe­nen zu wün­schen, dass er sich we­nigs­tens jetzt für die ver­schlepp­te Au­f­ar­bei­tung ent­schul­di­gen wür­de. Ab­weh­ren­de Recht­fer­ti­gungs­ver­su­che, wie er sie in ei­nem lan­gen per­sön­li­chen Brief En­de 2016 an mich for­mu­liert hat, soll­te er sich künf­tig selbst er­spa­ren. Das Re­gens­bur­ger Vier-Säu­len-Kon­zept ist ein gu­ter Weg der Au­f­ar­bei­tung. Da­zu ge­hö­ren die Auf­klä­rung wie jetzt der Be­richt von Rechts­an­walt We­ber, aber auch Hil­fen, An­er­ken­nung und die wis­sen­schaft­li­che Au­f­ar­bei­tung. Be­son­ders wich­tig ist, dass in al­le Pro­zes­se der Au­f­ar­bei­tung Be­trof­fe­ne ein­be­zo­gen wer­den. Es kann in Re­gens­burg aber noch kein Schluss­strich ge­zo­gen wer­den. Das wird noch Jah­re dau­ern. Aber sie sind auf dem rich­ti­gen Weg. Die Be­harr­lich­keit der Be­trof­fe­nen, den jetzt am­tie­ren­den Bi­schof zur um­fas­sen­den Au­f­ar­bei­tung zu be­we­gen, hat sich ge­lohnt. Der Au­f­ar­bei­tungs­pro­zess in Re­gens­burg soll­te jetzt Vor­bild für den christ­li­chen Be­reich sein, aber auch für al­le an­de­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen, de­nen Kin­der und Ju­gend­li­che an­ver­traut sind. In Be­zug auf fi­nan­zi­el­le Leis­tun­gen kön­nen 5000 bis 20 000 Eu­ro für je­des Op­fer na­tür­lich ei­ne wich­ti­ge An­er­ken­nung sein, aber das schlim­me Leid nicht un­ge­sche­hen ma­chen. Wir müs­sen mehr in gu­te Prä­ven­ti­on in­ves­tie­ren. Man kann Kin­der bes­ser schüt­zen.

Die Ta­ten sind ver­jährt. Kom­men die noch le­ben­den Tä­ter straf­los da­von?

Straf­recht­lich sind die Ta­ten wohl ver­jährt. Ge­gen die Be­schul­dig­ten, so­weit sie noch le­ben, könn­te nach dem Kir­chen­recht ein Straf­ver­fah­ren durch­ge­führt wer­den. Die Ver­ant­wort­li­chen soll­ten, so­fern noch nicht ge­sche­hen, auf die­sem Weg Sank­tio­nen prü­fen, et­wa die Kür­zung von Pen­sio­nen.

Brau­chen wir här­te­re Stra­fen und län­ge­re Ver­jäh­rungs­fris­ten?

2014 ist im Rah­men der Eda­thy-Ge­setz­ge­bung vie­les ver­bes­sert wor­den. Die straf­recht­li­che Ver­folg­bar­keit des Miss­brauchs ist deut­lich ver­län­gert wor­den. Bei schwe­rem se­xu­el­lem Kin­des­miss­brauch kön­nen die Op­fer auch im Al­ter von 50 Jah­ren noch ei­nen Straf­an­trag stel­len. Die Be­hör­den müs­sen aber drin­gend mit aus­rei­chend Per­so­nal und Mit­teln aus­ge­stat­tet sein, da­mit um­fas­send er­mit­telt wer­den kann. Der Min­dest­straf­rah­men von drei Mo­na­ten für se­xu­el­len Miss­brauch von Kin­dern ist zu ge­ring be­mes­sen. Hier muss die Bun­des­re­gie­rung in der nächs­ten Wahl­pe­ri­ode drin­gend han­deln. Für schwe­re Fäl­le müs­sen hö­he­re Min­dest­stra­fen ge­prüft wer­den.

In der Ver­gan­gen­heit ha­ben sich nur we­ni­ge Bun­des­län­der am Fonds für Miss­brauchsop­fer be­tei­ligt …

Wenn al­le der in­zwi­schen 9000 An­trä­ge von Op­fern be­ar­bei­tet sind, wird der Fonds aus­ge­schöpft sein. Nur drei von 16 Bun­des­län­dern zah­len aber bis­her in den Fonds ein. Das ist ein Skan­dal. Wenn der Bund die Län­der nicht da­für ge­win­nen kann, brau­chen wir ab 2018 ein neu­es Sys­tem der er­gän­zen­den Hil­fen. Lei­der ist die Re­form des Op­fer­ent­schä­di­gungs­ge­set­zes von der gro­ßen Ko­ali­ti­on ver­tagt wor­den.

FO­TO: IM­A­GO

Bei den Re­gens­bur­ger Dom­spat­zen (hier ei­ne Auf­nah­me aus den 1970er-Jah­ren) sang man ge­mein­sam, die Kin­der gin­gen ins In­ter­nat und ver­brach­ten ih­re Frei­zeit zu­sam­men. Doch hin­ter der ta­del­lo­sen Fas­sa­de wur­den vie­le Op­fer von Ge­walt und se­xu­el­lem Miss­brauch.

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