Trau­er um Gre­tel Berg­mann

Gre­tel Berg­mann ist mit 103 Jah­ren in New York ge­stor­ben – Von den Na­zis ver­jagt, ver­söhn­te sich die Lauphei­me­rin spät mit ih­rer Hei­mat

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - ERSTE SEITE - Von Roland Ray

Ge­bo­ren wur­de sie 1914 in Laupheim. In den 1930er-Jah­ren war Gre­tel Berg­mann ei­ne der bes­ten Hoch­sprin­ge­rin­nen der Welt. Doch weil sie Jü­din war, schlos­sen die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die Aus­nah­me­sport­le­rin 1936 aus der deut­schen Olym­pia-Mann­schaft in Ber­lin aus. Ein Jahr spä­ter emi­grier­te Berg­mann in die USA. Dort, in ih­rer neu­en Hei­mat­stadt New York, ver­starb Gre­tel Berg­mann nun im Al­ter von 103 Jah­ren – zu Hau­se im Kreis ih­rer Fa­mi­lie. „Bis we­ni­ge Wo­chen vor dem En­de war sie ge­sund“, sag­te ihr Sohn Ga­ry Lam­bert am Mitt­woch.

Nur Se­kun­den brau­chen Hoch­sprin­ger, um die Lat­te zu über­que­ren, und ge­nau­so schnell, bis fast zu­letzt, hat Gre­tel Berg­mann er­fasst, wer sie an­rief aus der al­ten Hei­mat. „Kommt rü­ber auf ein Glas Cham­pa­gner“, er­mun­ter­te sie Gra­tu­lan­ten aus Laupheim zu ei­nem Be­such in Ame­ri­ka an­läss­lich ih­res 103. Ge­burts­tags am 12. April. Am Di­ens­tag ist die ehe­ma­li­ge Spit­zen­sport­le­rin in ih­rem Haus in New York ge­stor­ben. „Un­se­re Mut­ter ist fried­lich ein­ge­schla­fen“, be­rich­ten die Söh­ne Glenn und Ga­ry. Er­in­ne­run­gen an un­ge­wöhn­li­che Be­geg­nun­gen mit ei­ner au­ßer­ge­wöhn­li­chen Frau. Frank­furt am Main, im No­vem­ber ● 1999: Ein Rau­nen geht durch die Al­te Oper. Sie ist da! Leicht­fü­ßig eilt Gre­tel Berg­mann, 85 Jah­re alt, auf die Büh­ne. Der Flie­ger aus Ame­ri­ka ist ver­spä­tet ge­lan­det, die Ver­lei­hung der Ge­org-von-Opel-Prei­se an her­aus­ra­gen­de Sport­ler be­reits in vol­lem Gang. Doch bin­nen Se­kun­den müs­sen ein Franz Be­cken­bau­er, ein Micha­el Stich jetzt mit Ne­ben­rol­len vor­lieb neh­men. Fast ma­gisch zieht Berg­mann al­le Auf­merk­sam­keit auf sich, er­obert mit Hu­mor und Schlag­fer­tig­keit die Her­zen im Sturm. „Was war Ihr Er­folgs­re­zept als Hoch­sprin­ge­rin?“, will der Mo­de­ra­tor wis­sen. Gre­tel schaut schmun­zelnd an sich hin­un­ter: „Long legs – lan­ge Bei­ne.“

Un­ter Trä­nen schließt sie nach dem Fest­akt Burk­hard Volk­holz in die Ar­me, je­nen Stadt­rat und Sport­funk­tio­när aus Laupheim, der ihr hart­nä­ckig Brie­fe schrieb und ent­schei­dend da­zu bei­ge­tra­gen hat, den Pro­zess der Wie­der­an­nä­he­rung an Deutsch­land zu för­dern. „Nie wie­der wer­de ich dort­hin zu­rück­keh­ren“, hat­te Berg­mann sich 1937 ge­schwo­ren, als sie den Damp­fer nach New York be­stieg. Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten hat­ten sie lan­ge glau­ben las­sen, dass ein Start bei Olym­pia mög­lich wä­re, sie je­doch, wie sich her­aus­stell­te, nur als Ali­bi-Jü­din miss­braucht, um sich dem Aus­land ge­gen­über als welt­of­fen zu prä­sen­tie­ren und ei­nen Boy­kott vor al­lem der Ame­ri­ka­ner zu ver­mei­den. We­ni­ge Ta­ge vor dem Be­ginn der Spie­le warf der Reichs­sport­füh­rer die Me­dail­len­an­wär­te­rin, die so­eben mit ei­ner Hö­he von 1,60 Me­ter den deut­schen Re­kord ega­li­siert hat­te, aus der Mann­schaft. Laupheim, im No­vem­ber 1999: ●

Zum ers­ten Mal nach 62 Jah­ren be­sucht Berg­mann Laupheim, wo sie ei­ne un­be­schwer­te Kind­heit ge­noss – „Nie­man­den hat es ge­küm­mert, ob ei­ner Ju­de war oder Nicht-Ju­de, Ka­tho­lik oder was auch im­mer.“Jetzt sind die Schat­ten der Ver­gan­gen­heit im Ge­päck, wäh­rend des mehr­tä­gi­gen Auf­ent­halts wa­ckelt die emo­tio­na­le Lat­te mehr­fach be­denk­lich. Ein Be­such in der Haar­fa­brik, die einst von ih­rer Fa­mi­lie ge­grün­det und 1939 „ari­siert“wur­de, nimmt sie sicht­lich mit. Als ein Ka­me­ra­team sie auf dem Ul­mer Haupt­bahn­hof bei Mi­nus­gra­den in­ter­view­en will, just dort, wo sie 1937 von ih­ren El­tern Ab­schied nahm und nach Ame­ri­ka auf­brach,

da sucht sie in­ner­lich und äu­ßer­lich frie­rend das Wei­te. Bei ei­nem Emp­fang im Lauphei­mer Rat­haus legt sie ih­re see­li­schen Wun­den of­fen: „Als das Land, das ich von gan­zem Her­zen ge­liebt hat­te, mei­ne Lie­be mit Hass auf mich und al­le jü­di­schen Men­schen er­wi­der­te, war ich ge­zwun­gen zu ge­hen. Und mei­ner­seits war ich nun er­füllt mit Hass auf al­les Deut­sche, ein Ge­fühl, das mich jah­re­lang nicht mehr ver­ließ.“

No­vem­ber 2000: Ein Jahr nach ● ih­rem Be­such sagt Gre­tel Berg­mann der „Schwä­bi­schen Zei­tung“, die Rück­kehr zu den Wur­zeln ha­be ei­nen in­ne­ren Hei­lungs­pro­zess ge­för­dert: „Ich ha­be mei­nen Frie­den ge­fun­den, da­für bin ich sehr dank­bar.“Es sei tö­richt ge­we­sen, sich so lan­ge vor Hass zu ver­zeh­ren. „Die jun­gen Leu­te in Deutsch­land ha­ben nichts da­mit zu tun, man darf sie nicht für die Ver­bre­chen frü­he­rer Ge­ne­ra­tio­nen ver­ant­wort­lich ma­chen.“

Sep­tem­ber 2003: Berg­mann ● kommt noch ein­mal nach Laupheim, ganz ent­spannt, mit ei­nem Film­team, das ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über ihr Le­ben dreht. An ei­nem schö­nen Spät­som­mer­tag sitzt sie auf der Hoch­sprung­mat­te in dem nach ihr be­nann­ten Sta­di­on, reckt den Arm und be­rührt die Lat­te, die sym­bol­träch­tig auf 1,60 Me­ter liegt, ih­re Re­kord­hö­he von 1936, von den Na­zis aus den An­na­len ge­tilgt. Erst 2009 er­kennt der Deut­sche Leichtathletik-Ver­band die Best­mar­ke von da­mals of­fi­zi­ell an.

Fra­ge an die 89-Jäh­ri­ge: „Wann kom­men Sie das nächs­te Mal nach Laupheim?“Ver­mut­lich gar nicht mehr, sagt Berg­mann. Sie kön­ne ih­ren Mann nicht mehr al­lein las­sen. Bru­no Lam­bert, Jahr­gang 1910, auch jü­di­scher Her­kunft, war von Be­ruf Arzt. Die Na­zis ha­ben sei­ne Fa­mi­lie aus­ge­löscht. Er starb im No­vem­ber 2013, eben­falls mit 103 Jah­ren.

Früh­jahr 2010: Das Carl-Laemm­le-Gym­na­si­um ● Laupheim möch­te dem Netz­werk „Schu­le oh­ne Ras­sis­mus – Schu­le mit Cou­ra­ge“bei­tre­ten. An­ruf in New York: „Frau Berg­mann, möch­ten Sie un­se­re Pa­tin sein?“Freu­dig er­klärt sich die 96-Jäh­ri­ge da­zu be­reit und schreibt den Schü­lern ei­ne be­rüh­ren­de Gruß­adres­se: „Nicht sehr vie­le von uns, die vor so vie­len Jah­ren Ras­sis­mus in sei­ner übels­ten Form er­lebt ha­ben, le­ben heu­te noch. Ge­ra­de für uns ist eu­er Be­stre­ben, aus die­ser Welt ei­ne bes­se­re zu ma­chen, be­son­ders wich­tig. Ich ha­be gro­ßes Ver­trau­en in euch.“

New York, im Fe­bru­ar 2014: Zu ● Hau­se, im Stadt­teil Ja­mai­ca, emp­fängt Gre­tel Berg­mann we­ni­ge Wo­chen vor ih­rem 100. Ge­burts­tag den Re­por­ter der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Der Geist der Jahr­hun­dert­zeu­gin ist wach, ihr Hu­mor un­ver­wüst­lich wie eh und je, das In­ter­es­se am Sport und an al­lem, was in Laupheim pas­siert, enorm. Drei Nach­mit­ta­ge lang er­zählt sie aus ih­rem Le­ben. Wie es war, nach Hit­lers Macht­er­grei­fung 1933 über Nacht von ih­rem da­ma­li­gen Ver­ein, dem Ul­mer FV, ver­sto­ßen zu wer­den – Ju­den un­er­wünscht. Wie sie als Olym­pia-Kan­di­da­tin den „ari­schen“Kon­kur­ren­tin­nen zei­gen woll­te, wo­zu ei­ne Jü­din im­stan­de ist. Wie be­stürzt sie war zu er­le­ben, dass Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung auch in den USA all­ge­gen­wär­tig ist. „Ei­nes Ta­ges in den 1950er-Jah­ren“, be­rich­tet sie, „zog ein paar Häu­ser wei­ter ein schwar­zer, hoch­ge­bil­de­ter Mann ein. Die Nach­barn ha­ben sich das Maul zer­ris­sen. Das kön­ne ja wohl nicht an­ge­hen, sag­ten sie. Da ha­ben Bru­no und ich ei­ne Par­ty für die Nach­barn ge­ge­ben, mit un­se­rem neu­en Freund als Über­ra­schungs­gast. Die ha­ben viel­leicht ein Ge­sicht ge­macht!“Laupheim, 12. April 2014: 300 Men­schen sto­ßen bei ei­ner Fei­er auf die Hun­dert­jäh­ri­ge an. Bür­ger­meis­ter Rai­ner Ka­pel­len gibt be­kannt, dass der Ge­mein­de­rat der Ju­bi­la­rin die Bür­ger­me­dail­le der Stadt Laupheim zu­er­kannt hat. Er wird sie ihr per­sön­lich in New York über­rei­chen. Die Eh­rung kön­ne er­lit­te­nes Un­recht nicht un­ge­sche­hen ma­chen, sagt Ka­pel­len. Ge­wür­digt wer­den sol­le aber Gre­tel Berg­manns Be­reit­schaft, sich den Ängs­ten der Ver­gan­gen­heit zu stel­len und sich zu ver­söh­nen. „Auf die­sem Weg soll­ten wir al­le ge­mein­sam in die Zu­kunft ge­hen und In­to­le­ranz und Dis­kri­mi­nie­run­gen zur Sei­te fe­gen.“

Be­kannt wird am sel­ben Tag, dass im Ber­li­ner Olym­pia­park ei­ne bis­her na­men­lo­se Stra­ße nach Gre­tel Berg­mann be­nannt wird. An die­ser Stra­ße liegt die Vil­la, in wel­cher der Reichs­sport­füh­rer von Tscham­mer und Os­ten re­si­dier­te, der die Sport­le­rin 1936 aus­ge­boo­tet hat. Ei­ne spä­te Ge­nug­tu­ung.

An­ruf bei der Ju­bi­la­rin. Sie er­hält Kör­be vol­ler Post aus al­ler Welt und hat ei­ne Bit­te: „Sag al­len in Laupheim: Ich lie­be euch.“

FO­TOS: MGTJ/AR­CHIV LAM­BERT/ROLAND RAY

Ei­ne un­ge­wöhn­li­che Frau: Gre­tel Berg­mann um 1937/38 (oben), als Welt­klas­se­hoch­sprin­ge­rin in den 1930erJah­ren und 2014 in ih­rem Haus in New York.

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