Kon­stanz trägt ei­nen Hel­den zu Gr­a­be

800 Gäs­te trau­ern um er­schos­se­nen Tür­ste­her – Wei­ter of­fe­ne Fra­gen zu Ta­ther­gang und Po­li­zei­ein­satz

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - SEITE DREI - Von Kers­tin Conz

- Dra­ma­ti­sche Sze­nen am Kon­stan­zer Haupt­fried­hof. Laut hal­len die Kla­ge­lie­der der Frau­en über den Fried­hof. Das grü­ne Samt­tuch über dem Holz­sarg ist gold­be­stickt. Rund 800 Trau­er­gäs­te er­wei­sen Ra­ma­zan Ö. am Don­ners­tag un­ter gro­ßem Po­li­zei- und Me­di­en­auf­ge­bot die letz­te Eh­re. Er war am Sonn­tag­mor­gen er­schos­sen wor­den, als er ei­nem 34-jäh­ri­gen Mann mit Sturm­ge­wehr den Zu­tritt in die Dis­ko­thek Grey ver­wehr­te.

Als er am hin­te­ren En­de des Fried­hofs nach is­la­mi­schem Brauch ein­ge­wi­ckelt in ei­nem Tuch der Er­de über­ge­ben wird, wird es zwei Frau­en zu viel. Sie kol­la­bie­ren auf dem Grä­ber­feld und müs­sen ärzt­lich ver­sorgt wer­den. Zwei Ret­tungs­wa­gen fah­ren auf das Ge­län­de. Auch Freun­de und Kol­le­gen kämp­fen mit den Trä­nen.

„Es ist schön zu se­hen, dass so ein Held in sei­nem Le­ben so vie­le Freund­schaf­ten knüp­fen konn­te“, sag­te ein An­ge­hö­ri­ger nach der Pre­digt ins Mi­kro­fon.

Kol­le­gen be­schrei­ben den To­ten als her­zens­gu­ten Men­schen. „Er war im­mer für ei­nen Spaß zu ha­ben, sehr höf­lich und auch zu­vor­kom­mend“, be­rich­tet ein Sport­freund aus dem Fit­ness­club sicht­lich be­wegt. Auch Mit­glie­der aus sei­nem Ka­ra­te­club wa­ren er­schie­nen. Ra­ma­zan Ö. be­saß den Schwar­zen Gür­tel. Am En­de hat­te der 50-Jäh­ri­ge trotz­dem kei­ne Chan­ce.

Ro­cker­auf­marsch bleibt aus

Schon St­un­den vor der Be­er­di­gung füllt sich der Park­platz vor dem Haupt­fried­hof mit Trau­er­gäs­ten. Die Po­li­zei rückt si­cher­heits­hal­ber gleich mit drei Mann­schafts­wa­gen an. Sie be­fürch­te­te ei­nen Ro­cker­auf­marsch. Björn E., ein rang­ho­hes Mit­glied der Hells An­gels, hat­te öf­fent­lich da­zu auf­ge­ru­fen, zur Be­er­di­gung zu kom­men. Doch der ein­zi­ge Po­li­zei­ein­satz gilt dem Re­por­ter ei­ner Bou­le­vard­zei­tung, der das Fo­to­ver­bot auf dem Fried­hof um­ge­hen und die Bei­set­zung mit dem Han­dy über die He­cke fo­to­gra­fie­ren will. Die Ro­cker trau­ern ru­hig und fah­ren dis­kret im schwar­zen Kom­bi vor. Das Op­fer war kein Mit­glied der Hells An­gels, son­dern ein ehe­ma­li­ger Tür­ste­her­kol­le­ge. Ei­ner, auf den man sich im­mer hun­dert­pro­zen­tig ver­las­sen konn­te, schrieb Björn E. auf Face­book. Er ha­be sich dem Tä­ter hel­den­haft ent­ge­gen­ge­stellt.

Der 34-jäh­ri­ge Schüt­ze war ein kur­disch­stäm­mi­ger Ira­ker, der schon als Kind nach Deutsch­land kam und seit 15 Jah­ren in Kon­stanz leb­te. Er war kurz vor der Schie­ße­rei nach ei­nem pri­va­ten Streit mit dem Be­trei­ber – sei­nem Sch­wa­ger – aus dem Club ge­wor­fen wor­den. Nach An­ga­ben ei­nes Mit­ar­bei­ters, weil er Ko­ka­in neh­men woll­te. Nach dem Raus­wurf ließ der Mann sich nach Hau­se fah­ren und zwang den Ta­xi­fah­rer, ihn zu­rück zum Club zu fah­ren. Die Po­li­zei spricht von ei­ner Fa­mi­li­en­tra­gö­die. Der Imam be­zeich­net den Tä­ter auf der Trau­er­fei­er trotz­dem als Ter­ro­ris­ten. Der Is­lam sei die Re­li­gi­on des Frie­dens, über­setzt ein Trau­er­gast die auf Tür­kisch ge­hal­te­ne Pre­digt. Wer ei­nen an­de­ren Men­schen tö­tet, sei ein Ter­ro­rist. So­wohl im Koran als auch in der Bi­bel heißt es: „Du sollst nicht tö­ten.“

Wäh­rend An­ge­hö­ri­ge, Freun­de und Kol­le­gen trau­ern, ge­hen die Dis­kus­sio­nen um den Ta­ther­gang wei­ter. Hät­te der Tod des Tür­ste­hers ver­hin­dert wer­den kön­nen? Meh­re­re Tür­ste­her aus dem Club sind da­von über­zeugt. Am Abend vor der Bei­set­zung woll­ten sie sich vor dem Grey tref­fen. Rund 20 Fa­mi­li­en­mit­glie­der wa­ren eben­falls ge­kom­men. „Wir ha­ben vie­le Fra­gen“, sagt An­ja Bach, die Ex-Frau des er­schos­se­nen Tür­ste­hers trau­rig aber sehr ge­fasst. Aus der Pres­se ha­ben die An­ge­hö­ri­gen er­fah­ren, dass die Si­cher­heits­leu­te mas­si­ve Kri­tik an den Be­am­ten üben.

„Ich ha­be die Leu­te hier raus­ge­las­sen“, er­klärt ei­ner der Tür­ste­her dem 19-jäh­ri­gen Sohn des Op­fers und zeigt auf ei­nen Sei­ten­aus­gang. Dann sei er über den Park­platz auf die Stra­ße ge­lau­fen. „Kommt raus, hier wird ge­schos­sen“, ha­be er den Be­am­ten in ei­nem Po­li­zei­wa­gen zu­ge­ru­fen. Ein zwei­ter Tür­ste­her sei zu ei­nem zwei­ten Strei­fen­wa­gen wei­ter vor­ne auf der Stra­ße ge­lau­fen. In Pa­nik sei­en Be­su­cher zum Teil über das Po­li­zei­fahr­zeug ge­flüch­tet. Den­noch sei­en die Be­am­ten nicht aus­ge­stie­gen. „Ich bin to­tal ent­täuscht“, sagt der Tür­ste­her auf­ge­bracht. Po­li­zei und In­nen­mi­nis­te­ri­um spre­chen von ei­nem mus­ter­gül­ti­gen Po­li­zei­ein­satz, der Schlim­me­res ver­hin­dert ha­be. Mit den Aus­sa­gen der Tür­ste­her kon­fron­tiert, wies der Ers­te Po­li­zei­haupt­kom­mis­sar Mar­kus Sau­ter be­reits am Mitt­woch dar­auf hin, dass die Auf­nah­men des Po­li­zei­funks noch aus­ge­wer­tet wer­den. „Es ist durch­aus vor­stell­bar, dass ein Po­li­zist, wenn er Schüs­se hört, nicht gleich aus dem Wa­gen stürzt“, sag­te Sau­ter auf Nach­fra­ge. Schließ­lich müss­ten die Be­am­ten erst ei­nen Funk­spruch ab­set­zen und ih­re Amo­k­aus­rüs­tung aus dem Kof­fer­raum an­le­gen.

Laut Po­li­zei und Staats­an­walt­schaft wa­ren die ers­ten bei­den Strei­fen drei Mi­nu­ten nach dem ers­ten An­ruf um 4.29 Uhr vor Ort. Nach An­ga­ben der Tür­ste­her wa­ren sie schon bei den ers­ten Schüs­sen in un­mit­tel­ba­rer Nä­he – oh­ne so­fort ein­zu­grei­fen. „Wir neh­men die Aus­sa­gen der Tür­ste­her sehr ernst und prü­fen sie wei­ter“, sag­te ein Po­li­zei­spre­cher un­mit­tel­bar vor der Be­er­di­gung.

Vor dem Club er­in­nert ein Bild von Ra­ma­zan Ö. so­wie Ker­zen und Blu­men an die Tat. „Un­ser Held“, steht auf ei­nem Stück Pa­pier.

Auch die an­de­ren Tür­ste­her hät­ten sich dem Amok­läu­fer ent­ge­gen­ge­stellt und sei­en da­bei schwer ver­letzt wor­den, sagt Chris­ti­an Sie­ver, der Ge­schäfts­füh­rer des Clubs. Ei­ner wur­de von sechs Ku­geln ge­trof­fen und liegt noch schwer ver­letzt im Kran­ken­haus. Ei­ne Be­su­che­rin wur­de eben­falls schwer ver­letzt. Sie­ben an­de­re Per­so­nen leicht.

Am Frei­tag soll die Dis­ko­thek wie­der er­öff­net wer­den. Viel zu früh, fin­det die Fa­mi­lie des Op­fers. Auch bei den Mit­ar­bei­tern sind die Ge­füh­le ge­mischt. Der zwei­te für das Per­so­nal zu­stän­di­ge Be­trei­ber warf am Mitt­woch das Hand­tuch und kün­dig­te. „Sonst wür­de ich ir­gend­wann zu­sam­men­bre­chen.“Der an­de­re Be­trei­ber und Sch­wa­ger des Schüt­zen wur­de frei­ge­stellt und wird laut Ge­schäfts­füh­rer auch nicht mehr zu­rück­keh­ren. „Per­so­nal ge­sucht“, steht auf den Pla­ka­ten, die pro­vi­so­risch über den Ein­schuss­lö­chern in der Ein­gangs­tü­re kle­ben.

Der Bru­der des Schüt­zen hat sich in­zwi­schen auf Face­book im Na­men der Fa­mi­lie für die Tat ent­schul­digt. „Wir be­dau­ern den Tod von Ra­ma­zan und Ro­z­aba. Wir wis­sen nicht, war­um mein Bru­der die­se Tat be­gan­gen hat.“An der Stel­le, wo der Tä­ter von der Po­li­zei­ku­gel ge­trof­fen wur­de, hat die Fa­mi­lie Blu­men nie­der­ge­legt. „Wenn die Zeit still­steht“, ist dort zu le­sen.

Der Schüt­ze soll drei Kin­der ge­habt ha­ben. Und auch zwei Sei­ten. Ehe­ma­li­ge Kol­le­gen schil­dern ihn als freund­lich und kön­nen die Tat des Fa­mi­li­en­va­ters nicht fas­sen. Tür­ste­her des Grey ken­nen ihn da­ge­gen als no­to­ri­schen Stö­ren­fried und auf­brau­sen­den Waf­fen­narr. Die Fa­mi­lie sei völ­lig nor­mal, sagt die Stadt­rä­tin Zahi­de Sa­ri­kas, die sie einst be­treu­te, als sie nach Deutsch­land kam und noch heu­te Kon­takt zu ihr hat. Der Schüt­ze ha­be bei ei­ner Ak­ti­on für Kin­der im sy­ri­schen Ko­ba­ne so­gar Ku­chen ver­kauft.

Fa­mi­li­en ken­nen sich

Be­son­ders tra­gisch: Die Fa­mi­li­en ken­nen sich. Am Abend vor der Be­er­di­gung sind sie sich zu­fäl­lig vor dem Grey be­geg­net. Be­ob­ach­ter fürch­te­ten schon ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung. Doch al­les blieb ru­hig. Der Bru­der des Schüt­zen ging zum Bild des to­ten Tür­ste­hers, sprach ein Ge­bet und gab dem Sohn des Op­fers die Hand. „Dann ha­ben wir uns in den Arm ge­nom­men und ge­weint.“

„Ich will ge­nau wis­sen, was ge­sche­hen ist “, sagt der 19-jäh­ri­ge Sohn des Op­fers der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Sein Ne­ben­job als Tür­ste­her war Ra­ma­zan Ö. längst zu ge­fähr­lich ge­wor­den. Vie­le Gäs­te sei­en mitt­ler­wei­le be­waff­net und die Tür­ste­her dürf­ten nicht mal Pfef­fer­spray ha­ben, heißt es. Be­reits vor zwei­ein­halb Jah­ren ha­be Ra­ma­zan Ö. den Ne­ben­job als Tür­ste­her auf­ge­ge­ben, be­rich­tet die Ex-Frau An­ja Bach de­pri­miert. Er ha­be ei­nen gu­ten Job bei ei­nem Kon­stan­zer Welt­markt­füh­rer ge­habt. Dann ha­be er sich doch noch über­re­den las­sen, wie­der ein­zu­sprin­gen. Erst ver­gan­ge­nen Frei­tag hat­te der 50-Jäh­ri­ge wie­der als Tür­ste­her an­ge­fan­gen. Der Mor­gen, an dem er starb, war sein zwei­ter Ar­beits­tag.

FO­TO: MICHAEL SCHEYER

Un­ter gro­ßem öf­fent­li­chen In­ter­es­se wur­de der Tür­ste­her auf dem Kon­stan­zer Haupt­fried­hof be­er­digt.

FO­TO: KERS­TIN CONZ

Die Po­li­zei war mit ei­nem Groß­auf­ge­bot vor Ort.

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