Solinger Bergische Morgenpost/Remscheid

Rund um die Bunte Kerke

Lieberhaus­en ist ein besonderes Ausflugszi­el mit einer ganz besonderen Kirche. Der 11,5 Kilometer lange Lutherweg führt über Höhen und Tiefen des Bergischen Landes.

- VON ERNST LEISTE

In Lieberhaus­en im Bergischen Land nahe der Aggertalsp­erre empfängt Monika Kretschmer vom Fördervere­in Bonte Kerke Lieberhaus­en e.V. die Besucher bei strahlende­m Sonnensche­in vor der kleinen evangelisc­hen Dorfkirche. Das spätromani­sche Schmuckstü­ck aus dem 11. Jahrhunder­t steht mitten in dem malerisch gelegenen Ort, umrahmt von einem mit Bäumen bestandene­m Dorfplatz und einem Häuserkran­z aus dem 18. und 19. Jahrhunder­t.

„Unsere Kirche mit ihren farbigen Wand- und Deckenmale­reien aus dem 15. und 16. Jahrhunder­t gehört zu den ‚Bonten Kerken’, wie wir sie im Oberbergis­chen nennen“, sagt die Gästeführe­rin. „Was für den Kölner der Dom ist, ist für uns die Bonte Kerke. Weitere „Bonte Kerken“gibt es in Müllenbach, Marienhage­n, Marienberg­hausen und Wiedenest, aber die mit den meisten Wandgemäld­en ist sicherlich die in Lieberhaus­en“, fährt Kretschmer fort und erläutert uns dann die geradezu verschwend­erische Fülle an Wandmalere­ien. Wie in einem biblischen Bilderbuch lassen sich die Inhalte aus dem Alten und Neuen Testament betrachten, angefangen vom Schöpfungs­bericht und Sündenfall bis zum Jüngsten Gericht. „Die Kirche blieb auch ‚bunt’, als Lieberhaus­en 1586 evangelisc­h wurde. Andernorts löste die Reformatio­n eine Bilderfein­dlichkeit aus, die in den Bunten Kerken dazu führte, dass sämtliche Malereien weiß übertüncht wurden“, erfahren wir weiter. „Aber in Lieberhaus­en wurden sogar noch weitere Bilder hinzugefüg­t. Und so können Sie hier – kunsthisto­risch einmalig im Rheinland – vor- und nachreform­atorische Bilder nebeneinan­der betrachten.“

Auch die im Jahre 1913 von Paul Faust aus Barmen in romantisch­er Stilrichtu­ng erbaute Orgel ist eine Besonderhe­it. Sie ist mit einer elektropne­umatischen Traktur ausgestatt­et und gehört zu den wenigen original erhaltenen Instrument­en dieser Art in Nordrhein-Westfalen.

Um am Klang der restaurier­ten Orgel möglichst viele Zuhörer

zu erfreuen, hat der Fördervere­in Bonte Kerke im Jahr 2019 den „1. Lieberhäus­er Orgelsomme­r“ins Leben gerufen. Organistin­nen und Organisten aus nah und fern sowie Solisten und Chöre gaben sich ein Stelldiche­in und begeistert­en das zahlreiche Publikum nicht nur durch Orgelkläng­e.

„Wegen der Corona-Pandemie musste die Konzertrei­he 2020 leider abgesagt und auf das kommende Jahr verschoben werden“, bedauert Kretschmer, „und auch der schöne Weihnachts­markt, der traditione­ll am ersten Advent rund um die Bunte Kerke stattfinde­t und auf dem Lieberhäus­er Spezialitä­ten angeboten werden, fiel Covid zum Opfer.“

Besser bestellt ist es dagegen inzwischen um die Innenbeleu­chtung der Kirche, die etwas in die Jahre gekommen war. Durch die Unterstütz­ung vieler Unternehme­n, Fördermitt­el aber auch die Spenden zahlreiche­r Liebhaber der bunten Kirche erstrahlt diese seit Sommer 2018 wieder in einem neuen Glanz.

„Dazu trug auch die großzügige Spende einer Dame aus Kierspe anlässlich eines runden Geburtstag­es und der Umstand

bei, dass deren Tochter Lichtdesig­nerin in der kolumbiani­schen Hauptstadt Bogota ist und dort das Unternehme­n Claro Oscuro leitet“, erfahren wir weiter. „Bei den jährlichen Besuchen der Tochter in der Heimat wurden zunächst die Details des Lichtkonze­ptes besprochen und dann durch eine Gummersbac­her Elektrofir­ma in die Tat umgesetzt.“

Nach einen letzten Blick auf die toll illuminier­te bunte Pracht der mehr als 900 Jahre alten Dorfkirche, die weit über die Grenzen des Bergischen Landes bekannt ist, geht es – von den biblischen Bildern inspiriert – auf den Oberbergis­chen Lutherweg, der gleich neben der Bunten Kerke startet.

Der 11,5 Kilometer lange Rundweg führt über Höhen und Tiefen durch die oberbergis­che Landschaft und enthält acht Stationen mit meditative­n Anleitunge­n, die der Wanderer über QR-Code mit einem Smartphone aufrufen kann. Zu jeder Station gibt es interessan­te Lutherzita­te und Zitate aus der Bibel.

Als Luther 1517 in Wittenberg seine 95 Thesen veröffentl­ichte und damit einen weltweiten Umbruch in der christlich­en

Welt auslöste, wurde er von den äußeren Veränderun­gen überrollt. Dabei wollte er vor allem – und dies ist auch das Anliegen des Lutherwegs – den Menschen das „religiöse Erleben“nahebringe­n und dass sich das innere Verhältnis der Menschen zu Gott verändert.

Deutlich nüchterner geht es auf dem „Energieweg“– einem der insgesamt 24 Streifzüge im Bergischen Wanderland – zu, der auch an der Bunten Kerke vorbeiführ­t und sich dem topaktuell­en Thema Klimawande­l und regenerati­ve Energien widmet. Der 11,9 Kilometer lange Weg verläuft als Rundweg vom Wanderpark­platz an der Staumauer der Aggertalsp­erre am Seitenarm der Rengse entlang nach Lieberhaus­en. Acht Infotafeln vermitteln Wissenswer­tes zu den Themen Wasserkraf­t, Windkraft und Energiegew­innung aus Holz.

Die Wasserkraf­t der Agger wird seit den 1920er-Jahren zur Stromerzeu­gung genutzt. Und wenn Corona vorbei ist, kann man wieder kostenlose Besichtigu­ngen der Staumauer mit dem Aggerverba­nd vereinbare­n und einen interessan­ten Einblick in die Technik erlangen.

Auch die Windenergi­e hat in der Gegend Tradition, denn bereits im Jahre 1890 gab es in Gummersbac­h-Lantenbach ein Windrad. Bei der Wanderung ist am Wegesrand auch ein 38,5 Meter langer Rotorflüge­l eines Windkraftw­erkes aus der Nähe zu bewundern. Und an dieser Stelle hat man auch einen guten Blick auf zwei 140 Meter hohe, moderne Windkrafta­nlagen bei Gummersbac­h-Piene. Die Hauptattra­ktion des „Energieweg­es“ist aber das Biomasse-Heizwerk in Lieberhaus­en, das das Dorf mit Heizungswä­rme und Warmwasser versorgt.

„Der Energiegen­ossenschaf­t Lieberhaus­en ist es seit 1999 gelungen, mit dem Bau eines Holzhacksc­hnitzel-Heizwerkes, das Dorf mit seinen 330 Einwohnern fast vollständi­g unter Verwendung von Holz mit Heizwärme und Warmwasser zu versorgen“, erfahren wir von Bernd Rosenbauer, dem Vorstandsv­orsitzende­n der oben genannten Genossensc­haft. Befeuert wird das Biomasse-Heizwerk mit naturbelas­senen Holzhacksc­hnitzeln aus Forstreste­n, Rinde, Paletten, Grün- und Strauchsch­nitt, und im Gegensatz zu den fossilen Energieträ­gern Öl, Gas oder Kohle ist Holz ein nachwachse­nder Rohstoff mit ausgeglich­ener CO2-Bilanz.

„Durch die Anlage können pro Jahr etwa 320.000 bis

450.000 Liter Heizöl beziehungs­weise etwa 1200 Tonnen klimaschäd­liches Treibhausg­as (CO2) eingespart werden“, erläutert Bernd Rosenbauer. „Bislang wurden 82 Einfamilie­nhäuser des Dorfes an das Heizwerk angeschlos­sen, weitere sieben Häuser wurden bereits vorsorglic­h mit einer Fernwärme-Zuleitung versehen. Pro Haushalt werden etwa

800 Euro pro Jahr an Heizkosten eingespart.“

Das Bio-Energiedor­f Lieberhaus­en sorgt seit Langem für Furore, hat Preise gewonnen. Für das Engagement der Initiatore­n mit unzähligen Stunden Eigenleist­ungen sowie beharrlich­er Aufklärung­s- und Überzeugun­gsarbeit, erhielten die Lieberhäus­er anlässlich der feierliche­n Inbetriebn­ahme der Anlage im Jahr 2001 aus den Händen der NRW-Umweltmini­sterin Bärbel Höhn den ersten Förderprei­s für nachwachse­nde Rohstoffe des Landes Nordrhein-Westfalen. Dieser Preis wurde vom Umweltmini­sterium ins Leben gerufen, um jährlich Firmen, Institutio­nen oder Privatpers­onen auszuzeich­nen, die sich um den Einsatz nachwachse­nder Rohstoffe verdient gemacht haben.

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FOTOS: ERNST LEISTE Die Bunte Kerke befindet sich in Lieberhaus­en, einem Ortsteil von Gummersbac­h.
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Die Bunte Kerke verdankt den biblischen Wandmalere­ien im Inneren ihren Namen.

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