pro­gres­si­ve audio a901

Stereoplay - - Inhalt 10/ 2018 - Ro­land Kraft

Es gibt Ver­stär­ker, die sind an­ders. Ganz an­ders. Und der tech­ni­sche Main­stream ist ja auch kein Dik­tat, muss Ralf Koe­nen ge­dacht ha­ben. Be­vor er wie­der ein­mal ei­ne Krea­ti­on prä­sen­tier­te, die al­les an­ders macht. Ei­nes blieb aber beim Al­ten: Nach wie vor ar­bei­ten auch im neu­en Vol­lvers­tärker A901 Si­li­zi­um­car­bid- Tran­sis­to­ren.

Üb­li­cher­wei­se guckt man in ein Test­ge­rät und sagt: „ So weit, so gut.“Das ist un­ge­fähr so, als wür­den wir ge­mein­sam ein Au­to an­schau­en und zu uns sa­gen: „ Schö­ne Rä­der, schö­ner Mo­tor, nor­ma­le Sit­ze, ein Lenk­rad, viel­leicht ein Dis­play.“Und so wei­ter. Wir wä­ren uns dar­über ei­nig, was wir se­hen.

Das funk­tio­niert so lan­ge, wie es um ein Au­to geht. Stün­de da aber jetzt ein UFO ( Un­iden­ti­fied Fly­ing Ob­ject) in Gestalt ei­ner flie­gen­den Un­ter­tas­se, dann wä­re es schon schwie­ri­ger. Wir hät­ten wo­mög­lich kei­ne Ah­nung, was wir da be­trach­ten. Was wie ein Lenk­rad aus­sä­he, wä­re ja wo­mög­lich gar kein Lenk­rad, son­dern ein Mark­IV­Warp­Ge­ne­ra­tor aus vul­ka­ni­scher Fer­ti­gung. Es könn­te sich aber auch um ei­ne Lie­fe­rung Scho­ko­la­de vom Mel­mac han­deln, in Trans­port­ver­pa­ckung, ver­steht sich.

Und jetzt wis­sen Sie un­ge­fähr, wie es uns ging, als wir den Ge­häu­se­de­ckel vom neu­en Pro­gres­si­ve­Audio­Vol­lvers­tärker A901 ab­ge­schraubt ha­ben. Der Be­schluss, es müs­se sich um ein schwar­zes, fast vier­ecki­ges UFO han­deln, folg­te auf dem Fu­ße. Au­ßer­dem wur­de ent­schie­den, man müs­se sich un­be­dingt mit dem Pi­lo­ten, sor­ry, mit dem Er­fin­der un­ter­hal­ten, der er­staun­li­cher­wei­se auf dem­sel­ben Pla­ne­ten – näm­lich dem hier – le­ben wür­de...

Be­sag­ter Er­fin­der heißt Ralf Koe­nen. Und er ent­pupp­te sich als freund­li­cher, tech­nisch äu­ßerst ver­sier­ter Zeit­ge­nos­se mit bei­den Ohren auf dem rech­ten Fleck. Und er wuss­te durch­aus viel zu er­zäh­len, wenn­gleich er auch nicht be­reit war, al­le Ge­heim­nis­se sei­nes „ UFOs“of­fen­zu­le­gen. Zum Leid­we­sen der Tech­ni­ker­Frak­ti­on, die es ja im­mer ganz ge­nau wis­sen will. Aber das ist ja ver­zeih­lich. Denn sonst könn­te ja fast je­der ver­su­chen, ein UFO zu bau­en...

Aber im­mer­hin wur­de ei­nes schnell klar: Es han­delt sich doch nicht um ein UFO, son­

dern viel­mehr um den neu­en Class- A- Vol­lvers­tärker des Hau­ses Pro­gres­si­ve Audio, der schlicht mit A901 be­zeich­net wird. Der A901 löst den Vor­gän­ger A1 ab, der, eben­so wie sein Cou­sin A2, in der Fach­pres­se en­thu­si­as­tisch ge­fei­ert wur­de. Un­ter an­de­rem we­gen der Ver­wen­dung ganz be­son­de­rer Leis­tungs­halb­lei­ter, so­ge­nann­ter Si­li­zi­um- Car­bid- Tran­sis­to­ren („ SiC“, die prin­zi­pi­ell FETs dar­stel­len), die sich laut Ralf Koe­nen auf­grund ei­ner höchst li­nea­ren Kenn­li­nie, die je­ner von ( Röh­ren-) Tri­oden äh­nelt, ganz be­son­ders gut für Audio- Zwe­cke eig­nen.

Netz­teil- Me­di­zin

Das völ­li­ge Feh­len ei­nes üb­li­chen Netz­teils ist kei­ne Über­ra­schung mehr, wenn man die ins­ge­samt vier gleich­ar­ti­gen, in Ab­schirm­käs­ten un­ter­ge­brach­ten Mo­du­le, die in­nen gleich mit auf den Kühl­rip­pen sit­zen, deu­ten kann: Es han­delt sich um leis­tungs­fä­hi­ge, sehr eng und kom­pakt ge­bau­te Schalt­netz­tei­le aus der Me­di­zin­tech- nik, um ex­trem hoch­wer­tig und ex­trem streu­feld­arm aus­ge­führ­te Spe­zi­al- Strom­ver­sor­gun­gen mit her­vor­ra­gen­den Da­ten. Und be­kann­ter­ma­ßen sind ent­spre­chend di­men­sio­nier­te Schalt­netz­tei­le ja ech­te Strom­mons­ter, al­so in ei­nem Ver­stär­ker sehr gut auf­ge­ho­ben.

Be­sag­ten Ver­stär­ker – ei­nen Rie­sen­klotz mit Stan­dard­brei­te und 20 Zen­ti­me­ter Hö­hen – zäu­men wir dies­mal von hin­ten auf: Je ein Paar der SiC- Tran­sis­to­ren pro Ka­nal reicht aus, um rund 60 Watt an vier Ohm aus­zu­wer­fen, wo­bei sich Ralf Koe­nen über die be­son­de­re Struk­tur der Aus­gangs­stu­fe be­deckt hält. Die Spe­zi­al­tran­sis­to­ren, de­ren Her­stel­ler in­zwi­schen ge­wech­selt hat, exis­tier­ten bis da­to nur für po­si­ti­ve Be­triebs­span­nun­gen, al­so in Form des NPN- Typs. Ei­ne Ge­gen­takt­stu­fe ( mit ein paar Ver­ren­kun­gen) wä­re auch so mög­lich, in­fra­ge kä­me et­wa noch ei­ne Brü­cken­schal­tung zwei­er Sing­le- En­ded- Ver­stär­ker – doch auch das kä­me, so Ralf Koe­nen, nicht hin... Zu­dem wä­ren die SiCs, die hier bis zur Leis­tungs­gren­ze des Amps im rei­nen A- Be­trieb lie­fen, so­gar „ schnel­ler“als Röh­ren, je­doch auch ziem­lich „ zi­ckig“, so­dass man Maß­nah­men er­grei­fen müs­se, um sie im Zaum zu hal­ten. Doch die neue Schal­tung ma­che den A901 auch klirr­är­mer und ins­ge­samt bes­ser als sei­nen Vor­gän­ger.

Dar­auf, dass die SiCs zu­dem mit er­kleck­li­chen Ein­gangs­ka­pa­zi­tä­ten auf­war­ten, deu­tet ei­ne reich­lich di­men­sio­nier­te Trei­ber­stu­fe hin. Der Ent­wick­ler weist dar­auf hin, dass der ge­sam­te Ver­stär­ker­zug echt voll­sym­me­trisch aus­ge­führt sei und des­halb schlicht den dop­pel­ten Auf­wand und da­mit die dop­pel­te An­zahl ak­ti­ver Bau­ele­men­te be­nö­ti­ge.

Mo­du­lar und Up­date- fä­hig

Wich­ti­ge Bau­grup­pen sind im A901 mo­du­lar aus­ge­führt. Pro­dukt­zy­klen von rund zehn Jah­ren, so Koe­nen, ver­lang­ten bei ent­schei­den­den Ver­bes­se­run­gen, dass der Kun­de da­von pro­fi­tie­re, die ver­wen­de­ten Steck­mo­du­le wä­ren üb­ri­gens ab­so­lut kon­takt­si­cher. Bei dem lau­nig vor sich hin kli­cken­den Pe­gel­stel­ler han­delt es sich wie­der um die be­währ­te Pro­gres­si­ve­Tech­nik, bei der ei­ne Re­laisMa­trix Fest­wi­der­stän­de um­schal­tet. Das Re­sul­tat der via Con­trol­ler ge­steu­er­ten An­ge­le­gen­heit sind nicht nur sa­ge und schrei­be 128 Zwi­schen­schrit­te,

son­dern vor al­lem von her­kömm­li­chen Po­ten­tio­me­tern un­er­reich­ba­re Ka­n­al­gleich­heit. Das macht sich vor al­lem bei ganz ge­rin­gen Pe­geln be­merk­bar, bei de­nen der A901 sei­ne stu­pen­de Dy­na­mik und sei­ne groß­for­ma­ti­ge Ab­bil­dung zu be­wah­ren ver­mag.

Ein­gangs­sei­tig fal­len zwei Über­tra­ger auf, die bei Pro­gres­si­ve Audio im Haus ge­fer­tigt wer­den. Die breit­ban­di­gen Tra­fos ge­währ­leis­ten voll­stän­di­ge gal­va­ni­sche Tren­nung von der Qu­el­le und sä­ßen „ als strom­ver­stär­ken­de Ele­men­te in ei­nem Strom­kno­ten“. Der A901 soll sei­ne Si­gnal­quel­len prak­tisch über­haupt nicht be­las­ten und be­ein­träch­ti­ge des­halb nicht ein­mal die über­schau­ba­ren Trei­ber- Fä­hig­kei­ten man­cher Strea­mer und Ser­ver...

Im Ge­gen­satz zum pu­ris­ti­schen Vor­gän­ger gibt es jetzt auch vier Knöp­fe un­ter dem gro­ßen blau­en Dis­play, die not­falls die Me­tall­fern­be­die­nung er­set­zen. Na­tür­lich soll­te man dem Class- A- Amp et­was Warm­lauf­zeit gön­nen. Der enorm hoch­auf­lö­sen­de Ver­stär­ker er­scheint nach den ers­ten 60 Mi­nu­ten et­was wär­mer, run­der und aus­ge­gli­che­ner.

Dass der A901 nicht mit Hö­hen geizt, ist hier kein Man­ko, son­dern setzt sei­ner un­glaub­li­chen Trans­pa­renz nur die klang­li­chen i- Tüp­fel­chen auf. Ei­ne ähn­lich bis zum weit ent­fern­ten, ima­gi­nä­ren Ho­ri­zont so glas­klar durch­sich­ti­ge Büh­ne bot sich den Zu­hö­rern bis­her noch nie, wo­bei die­ses Bild mit enor­mer Plat­zie­rungs­si­cher­heit und kaum glaub­li­cher Tie­fen­staf­fe­lung nun­mehr vor­gibt, wo in punc­to Rä­um­lich­keit ab jetzt die Lat­te hängt. Dass der Vol­lvers­tärker zu­dem viel kräf­ti­ger auf­spielt, als man das je ver­mu­ten wür­de, ver­deut­licht nur noch sei­ne her­aus­ra­gen­den ­dy­na­mi­schen Fä­hig­kei­ten.

Den­noch wirkt der A901 nicht mäch­tig, son­dern schlank, per­lig und frisch wie Qu­ell­was­ser. Wer al­les ganz ge­nau wis­sen will, oh­ne über­for­dert zu wer­den, ist hier an der rich­ti­gen Adres­se. Ver­bun­den mit ei­ner pe­gel­un­ab­hän­gi­gen to­na­len Si­cher­heit, die man so nur ex­trem sel­ten zu hö­ren be­kommt.

Wenn es laut wird, be­wahrt die­ser Amp prak­tisch den ge­sam­ten, höchst be­ein­dru­cken­den Um­fang sei­ner Klang­qua­li­tät. Das hört man so nur sel­ten, zu­mal in Ver­bin­dung mit enor­mer Laut­spre­cher­kon­trol­le, die hier frei­lich nie ein­schrän­kend ste­ril wirkt, was ja häu­fig der Fall ist. Ir­gend­ei­ne Form von „ Ei­gen­klang“, mit dem man­che Amps nicht hin­ter dem Berg hal­ten ( kön­nen), sucht man beim A901 ver­ge­bens. Zwei­fel­los han­delt es sich hier um ei­nen der al­ler­bes­ten Vol­lvers­tärker über­haupt!

„ Wie viel Ru­he liegt doch in der Ein­fach­heit der Din­ge... Manch­mal bringt uns das Zu­rück nach vor­ne...“

Die sym­me­tri­schen und un­sym­me­tri­schen Ein­gän­ge am A901 sind laut Pro­gres­si­ve Audio gleich­wer­tig aus­ge­legt. Bei den ge­kap­sel­ten Über­tra­gern han­delt es sich laut Pro­gres­si­ve Audio um sehr breit­ban­di­ge Ring­kern­tra­fos, die nicht die häu­fig üb­li­chen Re­so­nanz­stel­len auf­wei­sen.

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