„Die CSU hat ein Füh­rungs­pro­blem“

Der Be­ra­ter To­bi­as Leipp­rand er­klärt, war­um die Par­tei ei­nen Neu­an­fang bräuch­te

Wertinger Zeitung - - Politik -

Herr Leipp­rand, nach den Um­fra­gen sitzt die CSU in der Pat­sche. Und an der Spit­ze ist ein mehr oder we­ni­ger of­fe­ner Macht­kampf zwi­schen Par­tei­chef Horst See­ho­fer und Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der aus­ge­bro­chen. Hat die CSU ein Füh­rungs­pro­blem?

Der Füh­rungs­stil von Horst See­ho­fer ist al­les an­de­re als mo­dern. Er ist ein Ver­tre­ter die­ser al­ten Bas­ta-Po­li­tik und hat ei­nen Hang zum star­ken Ver­ein­fa­chen. In un­se­rer stän­dig kom­ple­xer wer­den­den Welt kommt das nicht mehr an. Man muss heu­te mehr zu­hö­ren und sor­tie­ren. Und die Men­schen im Dia­log ein­bin­den, an­statt das Al­pha­tier zu ma­chen.

Das klingt so, als ob sich die CSU schleu­nigst ei­nen neu­en Vor­sit­zen­den su­chen soll­te ...

Ver­ste­hen Sie mich nicht falsch, ich will kei­ne Po­li­ti­ker­schel­te be­trei­ben. Bis­lang hat die Art von Horst See­ho­fer, Po­li­tik zu be­trei­ben, funk­tio­niert. Aber aus mei­ner Sicht als Füh­rungs­ex­per­te ist sein Stil nicht mehr zeit­ge­mäß. Wir se­hen auch in der Wirt­schaft, dass die äl­te­ren Pa­tri­ar­chen Schwie­rig­kei­ten ha­ben.

Nun ist Mar­kus Sö­der vom Stil her gar nicht so weit weg von See­ho­fer. Müss­te er im Fal­le ei­nes Wahl­de­ba­kels nicht auch den Platz räu­men?

Ich ma­ße mir nicht an, der CSU po­li­ti­sche Emp­feh­lun­gen zu ge­ben. Aber wenn wir nach der Wahl die Si­tua­ti­on ei­ner „burning plat­form“ha­ben, al­so der Baum rich­tig brennt, dann ist das für die CSU ei­ne rie­si­ge Chan­ce zur Er­neue­rung.

Im Fal­le ei­ner Wahl­schlap­pe soll­ten al­so Ih­rer An­sicht nach bei­de CSU-Al­pha­tie­re den Platz räu­men?

Aus Sicht ei­nes Füh­rungs­For­schers kann ich sa­gen, dass bei­de ei­nen Füh­rungs­stil pfle­gen, der zu­neh­mend schwie­rig ist.

Wer kä­me denn statt der bei­den in­fra­ge?

Da­für bin ich in Ber­lin nicht nah ge­nug an der CSU. Mir fällt aber auf, dass ein Po­li­ti­ker wie der Grü­nen-Chef Ro­bert Ha­beck die­sen neu­en Füh­rungs­stil gut be­herrscht. Er ver­sucht gar nicht, die­se kom­ple­xe neue Welt zu ver­ein­fa­chen, son­dern sor­tiert, er­klärt und äu­ßert sich sehr be­son­nen. Ähn­lich wie Ba­rack Oba­ma es ge­macht hat. Ge­ra­de in der Po­li­tik brau­chen wir Füh­rungs­per­so­nen mit Cha­ris­ma und Strahl­kraft.

Wie wä­re es denn mal mit ei­ner Frau als CSU-Che­fin?

War­um nicht? Di­ver­si­tät in Füh­rungs­pos­ten ist zwar im­mer an­stren­gend, aber hilf­reich für ein Un­ter­neh­men, wenn wir von der Wirt­schaft aus­ge­hen. Das ist nicht eins zu eins auf die Po­li­tik zu über­tra­gen, es gibt aber vie­le Par­al­le­len.

Wie müss­te aus Ih­rer Sicht ein Neu­an­fang in der CSU aus­se­hen?

So et­was kann man nicht ein­fach aus der Spit­ze vor­ge­ben. Die ge­sam­te Kul­tur in der Par­tei müss­te sich än­dern. Wir be­ra­ten vie­le Un­ter­neh­men bei Ve­rän­de­rungs­pro­zes­sen. Im Zen­trum steht im­mer der Dia­log: sei­nen Leu­ten zu­hö­ren, über Ängs­te spre­chen, Strö­mun­gen auf­neh­men – und nicht von vor­ne ei­ne Re­de hal­ten und An­sa­gen ma­chen. In ei­nem Kon­zern braucht man eben­so Mehr­hei­ten wie in ei­ner Par­tei.

Kann es sein, dass sich bei der CSU durch das lan­ge Al­lein­re­gie­ren ver­krus­te­te Struk­tu­ren ge­bil­det ha­ben?

Das sind klas­si­sche Macht­struk­tu­ren, de­nen es an Dia­log man­gelt. Doch glaubt man den Um­fra­gen, wird sich das nun zwangs­läu­fig än­dern. Denn in ei­ner Ko­ali­ti­on mit ei­ner an­de­ren Par­tei muss man viel mit­ein­an­der spre­chen, um vor­an­zu­kom­men.

Ei­ne um­strit­te­ne Fra­ge in der CSU ist tra­di­tio­nell, ob es Sinn macht, Par­tei­vor­sitz und Amt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten in die­sel­ben Hän­de zu le­gen. Ist ei­ner Ämt­er­tren­nung bes­ser oder ei­ne Dop­pel­spit­ze?

Man kann nicht sa­gen, dass das ei­ne Mo­dell gut und das an­de­re schlecht ist. Ich sa­ge im­mer, 20 Pro­zent ist Or­ga­ni­sa­ti­on, 80 Pro­zent ist ge­leb­te Kul­tur.

Wenn es in ei­ner Fir­ma schlecht läuft, holt man sich gern ei­nen Ma­na­ger von der Kon­kur­renz. Die­ses Mo­dell könn­ten sie der Po­li­tik und Par­tei­en aber nicht emp­feh­len, oder?

Hüb­scher Ge­dan­ke. Ganz egal, wie krea­tiv die CSU bei der Su­che nach Spit­zen­per­so­nal sein möch­te – die neue Füh­rung muss ei­ne Kul­tur­ver­än­de­rung an­sto­ßen und da­für die gan­ze Or­ga­ni­sa­ti­on mit­neh­men.

In­ter­view: Hol­ger Sabinsky-Wolf

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