Wie die re­gio­na­le Wirt­schaft ihr Tem­po hält

Welt­weit rech­nen Ex­per­ten mit ei­ner Ab­schwä­chung des Wachs­tums. Schwa­bens IHK-Chef Andre­as Kop­ton ist viel zu­ver­sicht­li­cher: Hier­zu­lan­de herr­sche wei­ter Hoch­kon­junk­tur. Ei­ni­ge Ri­si­ken nennt aber auch er

Wertinger Zeitung - - Wirtschaft - VON MICHA­EL KERLER

Schwa­bens IHK–Chef Andre­as Kop­ton ver­gleicht die ak­tu­el­le La­ge der Wirt­schaft un­se­rer Re­gi­on mit ei­ner ra­san­ten Au­to­fahrt: „Der Fah­rer drückt aufs Gas und be­schleu­nigt auf 200 km/h“, sag­te der Prä­si­dent der In­dus­trie­und Han­dels­kam­mer bei der Vor­stel­lung der neu­en Kon­junk­tur­um­fra­ge. „Hat man ir­gend­wann ein Tem­po er­reicht, bei dem man sich wohl­fühlt, bleibt man da­bei“, sagt er. Ge­nau so ge­he es der­zeit der Mehr­zahl der Be­trie­be in un­se­rer Re­gi­on. „Wir fah­ren mit glei­chem Tem­po, be­schleu­ni­gen nur nicht mehr.“Aus Voll­gas wer­de ei­ne ho­he Ge­schwin­dig­keit. Die Pha­se der Hoch­kon­junk­tur in Schwa­ben hal­te da­mit an. Die Er­kennt­nis­se sind er­staun­lich, zu­mal eben erst der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds, aber auch füh­ren­de In­sti­tu­te in Deutsch­land ih­re Wachs­tums­pro­gno­sen nach un­ten kor­ri­giert ha­ben.

● La­ge Die IHK kann ih­re Zu­ver­sicht aber auf har­te Zah­len stüt­zen. Sie hat im Au­gust und Sep­tem­ber die­ses Jah­res 682 Un­ter­neh­men be­fra­gen las­sen – In­dus­trie­un­ter­neh­men, Händ­ler, gro­ße und klei­ne Be­trie­be. Das Er­geb­nis: 63 Pro­zent da­von be­ur­teil­ten ih­re ak­tu­el­le Ge- schäfts­la­ge als gut. Das ist prak­tisch ge­nau so viel wie vor ei­nem Jahr. Da­mals wa­ren es 61 Pro­zent. Be­son­ders gut sei die La­ge im Woh­nungs­bau, be­rich­te­te Kop­ton. Dort ge­be es so viel Ar­beit, dass die Be­trie­be an ih­re Gren­zen sto­ßen. Auch der Han­del freue sich über den star­ken Kon­sum: „Die Leu­te ver­die­nen Geld und ge­ben es aus“, sag­te Kop­ton. Wenn, dann ge­be es die „stärks­ten Brems­ef­fek­te“bei den In­dus­trie­be­trie­ben: Dort ging die Zahl der Neu­auf­trä­ge leicht zu­rück. „Es ist aber im­mer noch ein sol­cher Über­hang an Auf­trä­gen da, dass wir kein Pro­blem mit der Aus­las­tung ha­ben“, be­ton­te Kop­ton.

Nach ei­nem Re­kord­wert im Früh­jahr be­wer­ten die schwä­bi­schen Be­trie­be in der Sum­me ih­re Ge­schäfts­la­ge al­so mi­ni­mal schlech­ter. Es ist aber nur ein klei­ner Knick, wie IHK-Kon­junk­tur­ex­per­tin Chris­ti­ne Ne­u­mann be­rich­te­te: „Seit 2009 ging es bis­her nur nach oben.“Und trotz­dem sag­te auch Kop­ton, dass ei­ni­ge Ri­si­ken für

Kon­junk­tur und Ar­beits­plät­ze vor­han­den sind.

● Of­fe­ne Stel­len Ein Haupt­pro­blem ist so be­kannt wie un­ge­löst: Fast 80 Pro­zent der be­frag­ten Fir­men hät­ten Pro­ble­me, ei­ne of­fe­ne Stel­le zu be­set­zen. Der Fach­kräf­te­man­gel ist in­zwi­schen die größ­te Sor­ge der schwä­bi­schen Un­ter­neh­men. Kop­ton be­grüß­te es des­halb, dass sich die Bun­des­re­gie­rung mit ei­nem Ein­wan­de­rungs­ge­setz be­fas­sen will.

● USA Schwie­ri­ger als bis­her lau­fe auch das Aus­lands­ge­schäft, be­rich­te­te der IHK-Prä­si­dent, der sich zu Be­ginn des neu­en Jah­res der Wie­der­wahl stel­len will, wie er un­se­rer Zei­tung sag­te. Ob­wohl sich die USame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft mo­men­tan gut ent­wi­ckelt, wächst die Zahl der Auf­trä­ge von dort nicht mehr. Auch der Br­ex­it – der Aus­tritt der Bri­ten aus der EU – ma­che Eu­ro­pa „hib­be­lig“. Ve­r­un­si­che­rung ru­fe zu­dem die Schul­den-Po­li­tik der neu­en Re­gie­rung in Ita­li­en her­vor.

● Bun­des­re­gie­rung Doch auch an der hei­mi­schen Po­li­tik ha­ben die Un­ter­neh­mer an­schei­nend we­nig Freu­de: Mehr als die Hälf­te der be­frag­ten Fir­men­len­ker gab an, Angst vor „in­sta­bi­len po­li­ti­schen Ver­hält­nis­sen“in Ber­lin zu ha­ben. Kop­ton nann­te zu­dem zwei „Kel­le­rängs­te“, die ihn und die Wirt­schaft um­trei­ben

– wie ein Kind, das in den Kel­ler geht.

● Strom Ein­mal ist da die Angst vor stei­gen­den Strom­prei­sen. „Wir ap­pel­lie­ren des­halb, an den Koh­le­aus­stieg mit Ver­nunft ran­zu­ge­hen“, sag­te Kop­ton. „Wir ha­ben die Atom­kraft nicht mehr, wir ha­ben die Lei­tun­gen noch nicht – brin­gen Sie das nächs­te Mal ei­ne Ker­ze mit“, mein­te er scher­zend. Fakt sei, dass Deutsch­land bei den Ener­gie­kos­ten in­ter­na­tio­nal an der obe­ren Stel­le lie­ge – ei­ne Be­las­tung.

● Die­sel Und dann ist da das The­ma Die­sel-Fahr­ver­bot: 60000 Ar­beits­plät­ze in Schwa­ben hän­gen nach Be­rech­nung der IHK am Au­to – vom Zu­lie­fer­be­trieb bis zur Kfz-Werk­statt. „Gibt es in der Au­to­mo­bil­pro­duk­ti­on ei­nen Ein­bruch, wür­den vie­le un­se­rer re­gio­na­len Zu­lie­fer­be­trie­be lei­den“, sag­te Kop­ton. Für ihn läuft die Die­sel-De­bat­te in die fal­sche Rich­tung. Al­le äl­te­ren Die­sel­au­tos, die jetzt in der Kri­tik ste­hen, sei­en in Deutsch­land re­gu­lär zu­ge­las­sen wor­den, ar­gu­men­tiert er. Zu­dem stell­te er die Fra­ge, ob vie­le Mess­stel­len für Stick­oxi­de in deut­schen Städ­ten nicht zu na­he an den Stra­ßen stün­den. „Wir le­ben vom Au­to. Und aus­ge­rech­net in ei­nem Land, das vom Au­to lebt, wird die­ses ver­teu­felt“, kri­ti­sier­te Kop­ton.

Fo­tos: Patrick Pleul, dpa; Micha­el Kerler

Auf dem Bau kommt man mit der Ar­beit kaum mehr nach, sagt Schwa­bens IHK-Chef Andre­as Kop­ton (rechts).

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