Je­der hat ein dunk­les Ge­heim­nis

Vier Frem­de stran­den in ei­nem mys­te­riö­sen Ho­tel an der Gren­ze zwi­schen Ne­va­da und Ka­li­for­ni­en. Was Re­gis­seur und Au­tor Dr­ew God­dard dar­aus macht, ist phä­no­me­nal

Wertinger Zeitung - - Kino -

Dreh­buch­au­tor Dr­ew God­dard in „Bad Ti­mes at the El Roya­le“aus sei­ner klei­nen Fi­gu­ren­kon­stel­la­ti­on her­aus­holt – das ist schon phä­no­me­nal und auf ei­ner Stre­cke von schlap­pen 141 Film­mi­nu­ten nicht ei­nen Mo­ment lang­wei­lig. God­dard („Ca­bin in the Woods“) ist ein be­ken­nen­der Gen­re-Lieb­ha­ber und ver­steht sich un­über­seh­bar als ci­ne­as­ti­scher See­len­ver­wand­ter von Quen­tin Ta­ran­ti­no, an des­sen In­door-Thril­ler „Ha­te­ful 8“die­ser Film er­in­nert.

Schon früh­zei­tig wird klar, dass hier kaum je­mand die Per­son ist, die er vor­ge­ge­ben hat zu sein. Von ei­nem ver­steck­ten Gang aus hat der Ho­tel­an­ge­stell­te dank halb­durch­läs­si­ger Spie­gel di­rek­ten Ein­blick in je­des Zim­mer. Nach­ein­an­der wer­den die Räu­me und ih­re Be­woh­ner aus der Voy­eurs­per­spek­ti­ve vor­ge­stellt. Der Staub­sau­ger­ver­tre­ter, der die Ho­ney­moon-Sui­te nach Wan­zen durch­sucht, der Pries­ter, der die Die­len­bret­ter sei­ne Zim­mers aus­he­belt, die Hip­pie­braut, die ei­ne jun­ge Frau als Gei­sel an den Stuhl fes­selt, sind erst der An­fang ei­ner Fi­gu­ren­auf­stel­lung, die zu­neh­mend an kri­mi­nel­ler Kom­ple­xi­tät ge­winnt.

„Bad Ti­mes an the El Roya­le“ist ein Film der sich der Hier­ar­chi­sie­rung in Haupt- und Ne­ben­cha­rak­te­re kom­plett ver­wei­gert. Es wird ge­schos­sen und ge­stor­ben und das nicht zwin­gend ent­lang der Ge­halts­lis­te der Darstel­ler. Sze­nen wer­den zu­rück ge­spult, um sie aus der Per­spek­ti­ve ei­ner an­de­ren Fi­gur zu zei­gen. Plot­wen­dun­gen set­zen mit schaf­fot­ar­ti­ger Schär­fe ech­te Über­ra­schungs­ef­fek­te frei. Je­de Fi­gur hat ei­ne Ver­gan­gen­heit, de­ren Auf­de­ckung sie und ihr Han­deln in ei­nem an­de­ren Licht er­schei­nen lässt. Und am Schluss zieht der Film mit Chris Hems­worth als ge­walt­be­rei­ten Sek­ten-Gu­ru ein As aus dem Är­mel und lässt den Star schon bald wie­der spek­ta­ku­lär ver­glü­hen.

„Bad Ti­mes at the El Roya­le“glänzt nicht durch die in­halt­li­chen Prä­mis­sen sei­ner Sto­ry. Die mä­an­dert eher va­ge um Schuld und Ver­ge­bung und setzt das du­bio­se Ho­tel als welt­li­ches Fe­ge­feu­er in Sze­ne. Viel­mehr ragt die­se Stu­dio­pro­duk­ti­on durch ih­re nar­ra­ti­ve und vi­su­el­le Bril­lanz, die sicht­ba­re Freu­de am ci­ne­as­ti­schen Er­zäh­len und ei­ne er­fri­schen­de Of­fen­heit ge­gen­über den Cha­rak­te­ren aus dem Main­stream her­aus.

Und dann ist da noch Cyn­thia Eri­vo, die hier in ih­rem Kin­o­de­büt ei­ne enor­me Lein­wand­prä­senz ent­wi­ckelt. Glück­li­cher­wei­se gibt God­dard der To­ny- und Gram­my-Ge­win­ne­rin in zahl­rei­chen Ge­s­angs­ein­la­gen ge­nug Raum, um ihr mu­si­ka­li­sches Ta­lent zu ent­fal­ten – und ih­re A-Ca­pel­la-In­ter­pre­ta­tio­nen al­ter Mo­town-Songs sind schlicht­weg atem­be­rau­bend.

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