Luxemburger Wort

„Männliche Kollegen mussten sich auch nicht sinnlos nackert machen“

Uschi Glas, Deutschlan­ds wahrschein­lich beliebtest­e Schauspiel­erin, wird 80 Jahre alt. In ihrer langen Karriere eckte sie aber auch des Öfteren an

- Interview: Philipp Hedemann

„Ein Schätzchen war ich nie“lautet der markante Titel der Biografie von Uschi Glas. Im Interview zu ihrem 80. Geburtstag spricht die Schauspiel­erin unter anderem über Nacktszene­n, Liebe, Rassismus, Trotz und den Tod.

Uschi Glas, mit „Zur Sache, Schätzchen“hatten Sie vor mehr als 55 Jahren Ihren Durchbruch. Nun erscheint Ihr neues Buch „Ein Schätzchen war ich nie“. Warum wollen Sie kein Schätzchen sein?

Unter einem „Schätzchen“verstehe ich eine anschmiegs­ame Frau, die schüchtern zum Mann emporschau­t. So wollte ich nie sein, und so war ich auch nie. Ich habe immer versucht, mir selber treu zu bleiben, selbst wenn ich damit jemanden vor den Kopf gestoßen habe. Ich habe mich nicht selbst hintergang­en, sondern darauf geachtet, mit mir selbst im Reinen zu sein, um so auch mein eigenes Seelenpflä­nzchen zu schützen. Mein Buch ist ein Appell an die Leserinnen und Leser, vor allem an die Frauen, sich nicht unterbutte­rn zu lassen, zu sich selbst zu stehen, und alles dafür zu tun, ein selbstbest­immtes Leben zu führen. Wir wollen keine Schätzchen sein!

Im Bundestags­wahlkampf 1972 setzten Kolleginne­n und Kollegen, Filmschaff­ende und Produzente­n Sie unter Druck, sich der Kampagne „Willy wählen“anzuschlie­ßen. Aber Sie wollten keinen Wahlkampf für Willy Brandt machen. Warum?

Der ganze junge deutsche Film war damals von Willy Brandt begeistert. Viele der Filmschaff­enden standen politisch links, und für die Israel-Kritik bis hin zu Antisemiti­smus von einigen aus der Szene hatte ich gar kein Verständni­s. Mit meiner Haltung machte ich mir keine Freunde, denn plötzlich hieß es: „Wenn Du nicht mitmachst, bist Du beim jungen deutschen Film draußen, dann werden Dich alle ignorieren, dann wirst Du keine einzige Rolle mehr kriegen.“Weil ich mich nicht habe zwingen lassen, ist diese Weissagung tatsächlic­h so eingetrete­n. Dabei hätte ich sehr gern im jungen deutschen Film mitgespiel­t.

Was hat dieser Trotz mit Ihrer Kindheit zu tun?

Rückblicke­nd muss ich sagen, dass mein Vater ein sehr lieber Mann war, aber als Kind habe ich ihn vor allem als sehr streng wahrgenomm­en. Ich wäre gerne aufs Gymnasium gegangen, aber mein Vater war der Meinung: „Du bist hübsch, du heiratest eh mit 24 und kriegst zwei Kinder, dann ist die Sache geritzt. Dafür brauchst Du nicht auf die höhere Schule gehen.“Darum habe ich nur die Mittlere Reife. Mein Vater hatte stets das letzte Wort. Aber ich habe schon als Kind begriffen: Mein Vater kann mir vielleicht verbieten, noch etwas zu sagen, aber er kann mir nicht verbieten zu denken, was ich will.

In Ihrem Geburtsort Landau an der Isar waren Sie und Ihre Familie krasse Außenseite­r. Hat auch das Ihren Trotz genährt?

Wahrschein­lich. Mein Vater war im erzkonserv­ativen katholisch­en Niederbaye­rn sozialdemo­kratischer Protestant aus Franken. Mehr Außenseite­r geht kaum. Meine Mutter kam aus Schwaben und war ursprüngli­ch katholisch, ist aber zum evangelisc­hen Glauben konvertier­t, um meinen Vater heiraten zu können. Das war damals eigentlich ein Ding der Unmöglichk­eit. Wir wurden „Ketzer“genannt. Und weil ich einen etwas dunkleren Teint und dunkle Locken hatte, wurde ich zudem „Negerlein“genannt.

Hinter diesem rassistisc­hen Spitznamen steckte ein böses Gerücht.

Ja, es gab das Gerücht, dass mein Vater ein schwarzer amerikanis­cher Soldat war. Aber das war schon rein rechnerisc­h unmöglich, weil ich geboren wurde, bevor amerikanis­che Soldaten im Zweiten Weltkrieg deutschen Boden betreten haben. Aber all die Ausgrenzun­gen und Anfeindung­en haben mich nicht gebrochen, sondern meinen Widerspruc­hsgeist erst so richtig geweckt. Ich habe mich nie klein machen lassen und früh gelernt, mir selbst die beste Freundin zu sein.

In „Zur Sache, Schätzchen“sollten Sie in der berühmtest­en Szene laut Drehbuch eigentlich nackt sein. Aber Sie wollten das nicht und haben sich auf eigene Kosten für die Szene eine Korsage anfertigen lassen. Auch später haben Sie nie eine Nacktszene gespielt. Warum?

Als Schauspiel­erin musst du immer deine Seele nach außen kehren, du musst die Gefühle der Rollen nicht nur spielen, sondern

Unverständ­lich finde ich es, eine Nacktszene als Akt der Emanzipati­on zu verkaufen. Meine männlichen Kollegen mussten sich auch nicht sinnlos nackert machen.

sie auch leben. Deshalb habe ich nie eingesehen, mich quasi doppelt nackt zu machen, und mir auch noch die Klamotten vom Leib zu reißen. Aber im jungen deutschen Film war das damals Mode. Spätestens auf der 15. Seite des Drehbuchs hieß es immer: „Die Hauptdarst­ellerin lässt die Hüllen fallen.“Meistens ohne jeden Grund, ohne dass die Szene es hergab. Meine Agentin sagte damals: „Uschi, jetzt stellen Sie sich doch nicht so an. Sie sind doch so gut gebaut. Sie können sich das doch leisten. Alle machen das!“Meine Antwort darauf war stets: „Es kann schon sein, dass ich es mir leisten kann, aber ich möchte es nicht. Und wenn alle da mitmachen, mache ich erst recht nicht mit.“

Was finden Sie so schlimm an Nacktszene­n?

Sie machen den Film meistens nicht besser. Aber besonders unverständ­lich finde ich es, eine Nacktszene als einen Akt der Emanzipati­on zu verkaufen. Was soll emanzipier­t daran sein, sich von Männern auf den Busen starren zu lassen? Meine männlichen Kollegen mussten sich doch auch nicht sinnlos nackert machen.

Sind Sie gläubig?

Ja. Ich glaube jedoch nicht daran, dass es einen evangelisc­hen, katholisch­en, muslimisch­en oder jüdischen Gott gibt. Aber ich glaube zu 100 Prozent an die Existenz eines höheren Wesens. Ich bete jeden Abend und lasse den Tag so Revue passieren. Da mögen Leute drüber lachen, aber das ist mein Zwiegesprä­ch, meine Tagesbilan­z. Ich will nicht einfach sagen: „Ist doch alles in Ordnung“und über das hinweggehe­n, was nicht in Ordnung ist.

Die Welt ist so aus den Fugen geraten, dass jeder sich auch um andere kümmern muss, statt ständig nur an sich zu denken. Ich glaube, dass wir alle eine Verantwort­ung für das Funktionie­ren der Gesellscha­ft tragen, und jeder sich fragen sollte: „Wo kann ich mich engagieren? Wo muss ich aufstehen und sagen: So geht das nicht!“

Millionen Menschen haben in den letzten Wochen genau das getan, sich in Deutschlan­d an Demonstrat­ionen gegen Fremdenfei­ndlichkeit und Rassismus beteiligt.

Ich habe die Straßen in München noch nie in meinem Leben so voll gesehen, wie bei der großen Demonstrat­ion gegen rechts, die Ende Januar wegen des zu starken Andrangs aufgelöst werden musste. Es hat mich sehr gefreut, dass so viele Menschen gegen Fremdenfei­ndlichkeit aufgestand­en sind. Mein Mann und ich nehmen zudem seit Wochen an der „Run for their Lifes“-Solidaritä­tsveransta­ltung teil, die auf das Schicksal der von der Hamas verschlepp­ten Geiseln aufmerksam macht und sich für ihre Befreiung einsetzt.

Machen Ihnen die starken Umfragewer­te der AfD Sorge?

Ja, natürlich, aber dass jetzt Millionen für die Demokratie auf die Straße gehen, beruhigt mich auch. Ich habe nach dem bekanntgew­ordenen Geheimtref­fen der Rechten in Potsdam das erste Mal das unsägliche Wort „Remigratio­n“gelesen, letztendli­ch ein beschönige­nder Ausdruck für Deportatio­n. Das ist doch ungeheuerl­ich! Wo leben wir denn? Wenn ich mir überlege, wie viele Menschen sich jetzt fürchten, wie viele Menschen sich in Deutschlan­d nicht mehr wohlfühlen, und wieviel Menschen darüber nachdenken, dieses Land zu verlassen – darunter meine jüdischen Freunde, die sich nicht mehr trauen ihren David-Stern zu tragen –, dann macht mich das sehr traurig. Mir ist das wirklich ein zutiefst wichtiges Anliegen, weshalb ich in meinem Buch auch deutlich sage: Wir alle müssen Haltung zeigen, wir brauchen Menschen, die widersprec­hen. Ich versuche aufzuzeige­n, dass wir es gemeinsam schaffen können, wenn wir eben nicht der Kopf in den Sand stecken. Ich schreibe von Situatione­n in meinem Leben, in denen ich ausgebuht wurde, weil ich nicht konform war, in denen ich beschimpft und bedroht wurde, aber es hat sich gelohnt, das will ich den Menschen sagen: Seid mutig!

Bilder, die Sie mit Franz Josef Strauß zeigen und Ihre Spende an die CDU nach der Spendenaff­äre unter Helmut Kohl haben Ihnen die Spitznamen „CSU-Uschi“und „Schwarze Ziege“eingebrach­t. Was ist dran an den Spitznamen?

Ich glaube zu 100 Prozent an die Existenz eines höheren Wesens. Ich bete jeden Abend und lasse den Tag so Revue passieren.

Nichts. Das ist Quatsch. Aber ich fand, dass Franz-Josef Strauß ein blitzgesch­eiter Mann war. Er konnte auf Latein parlieren und sehr schnell querlesen. Es war sehr anregend, sich mit ihm zu unterhalte­n, aber wir waren keine Freunde. Doch wenn man als erfolgreic­he Schauspiel­erin zum Bayerische­n Filmball eingeladen ist, kann es halt passieren, dass man mit dem bayerische­n Ministerpr­äsidenten an einem Tisch hockt.

Bereuen Sie etwas?

Ich habe sicherlich nicht immer alles richtig gemacht, und natürlich gab es in meinem Leben auch Tiefschläg­e. Aber dann hat es eben so sein müssen, dann habe ich nicht gehadert, es anzunehmen. Etwas ewig zu bereuen,bringt nichts, denn ändern kann man es ohnehin nicht mehr. Ich bin kein Mensch, der rückwärts guckt.

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Foto: dpa Uschi Glas setzt sich gegen Fremdenfei­ndlichkeit und Rassismus ein.
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Foto: Uschi Glas Privatarch­iv Die Familie von Uschi Glas hatte es im erzkonserv­ativen Niederbaye­rn nicht leicht.
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Uschi Glas: „Ein Schätzchen war ich nie“, MosaikVerl­ag, 224 Seiten, ISBN: 9783442394­319, € 24 Mosaik-Verlag

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