Der Standard : 2018-12-07

REPORTAGE : 46 : A2

REPORTAGE

Reportage Album A 2 Freitag, 7. Dezember 2018 Wäschenummer 169 tenspuren. Essens- und Schlafentzug, Besuchs- und Briefverbot, Tritte und Schläge. Ständige Schmähungen. Drohungen mit Hölle und Fegefeuer. Der Teufel, den es auszutreiben galt, wohnte nicht erst in den Kindern selber, sondern bereits in ihren Müttern. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, musste Heidi zahllose Male wiederholen. Dazu ein Faustschlag gegen den Hinterkopf. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Bumm. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Bumm. Der Apfel … bumm. Der … Das mag nach Sekte klingen. Doch es waren nicht nur religiöse Eiferer und Sadisten, denen das Kind Heidi ausgeliefert war. Die Häftlinge der Mädchenburg Martinsbühel aßen bis ins dritte Jahrtausend hinein neben zerkratztem amerikanischem Plastikgeschirr auch von Tellern, auf deren Rückseite das Hakenkreuz-Logo prangte. Die perfekte Metapher. Die Teufelsaustreibung fügt sich bei aller religiösen Verbrämung nahtlos ins ideologische Gesamtbild der Ersten und Zweiten Republik mit Schwerpunkt Drittes Reich. Traditionsgemäß hatte 1977 die Gerichtspsychiaterin Maria Novak-Vogl ihrer kleinen Patientin Heidi schlechte Erbanlagen und somit eine ungünstige Prognose bescheinigt. Die Abstammung ihrer Mutter von „Fahrenden“dürfte, trotz materiellen Wohlstands, dazu beigetragen haben. Die behördlich verfügte Kontaktsperre konnte in all den Jahren der Kindsverwahrung nur achtmal unterlaufen werden, indem sich Heidis Mutter unbeirrt, wenn auch nicht ungehindert, Zutritt zu ihrer Tochter verschaffte. Kleine Perfidie am Rande: Das Besuchsverbot lastete man dem Kind wegen seiner „Aufmüpfigkeit“an. kein Arzt sei gerufen worden, keine Schmerzlinderung verabreicht. Eines Tages war sie, in Heidis Erinnerung „ein sehr liebes Mädchen“, dann weg, ihr Bett leer. „Die Schwestern sagten knapp, sie sei gestorben.“Weder das Kind noch seine Familie wurden bis heute ausgeforscht seln. Ihr Gebiss ist heute ruiniert. Duschen mit warmem Wasser war als körperfreundlich verpönt, dafür gab es eiskalte Güsse als Form der Bestrafung. Baden durften die Mädchen nur alle vierzehn Tage (trotz körperlicher Schwerarbeit), in wadenhohem, lauwarmem Wasser, sieben Kinder pro Wanne. Die Haarwäsche, noch seltener, erfolgte in Bottichen im Freien. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie wir gestunken haben“, sagt Heidi. „Alles hat gestunken. Nach Schweiß, Dreck, Kotze, Urin, Kot. Vor allem wir selber stanken. Wir hatten alles: Zahnfäule, Mundfäule, Krätze, Pilze, Würmer, Läuse. Das Jucken am ganzen Körper, vor allem im Genitalbereich, war unerträglich. Doch sobald wir uns kratzten, setzte es Schläge, weil wir uns nicht berühren durften. Nicht einmal zum Waschen. Das besorgten die Nonnen. Wir muss- Fortsetzung von Seite A 1 i es um tausende Jahre ungezählter menschlicher Leben. Um jegliche Form der Gewalt, der Ausbeutung, der Vernachlässigung und der Demütigung. Gemäß UN-Definition geht es schlicht um Folter. Aber auch „nur“um Betrug und banalen Diebstahl. Heidi hat es sich zum Ziel gesetzt, ihre ehemaligen Leidensgenossinnen aufzuspüren und zu vernetzen. Im Jahr 2004 hat sie Strafanzeige wegen Kindesmisshandlung erstattet, dafür 126 mitinhaftierte Zeuginnen benannt, doch die Erhebungen wurden wegen Todes oder Verhandlungsunfähigkeit der Beschuldigten, wegen Verjährung und mangels Beweisbarkeit noch im selben Jahr eingestellt: Die Staatsanwaltschaft hatte keinen weiteren Grund zur Verfolgung gefunden. Zu einem Verfahren kam es nie. Heidi, gesund geboren, hat sich ihre 70-prozentige Behinderung nicht selbst zugefügt. Was wurde ihr angetan? Wir wenden uns ab vom Steinpalast mit seinen Küchen, Kartoffelkellern und Kemenaten und überqueren den Kirchplatz der Burganlage, umgrenzt von langgestreckten zweistöckigen Schlaf-, Wohn- und Verwaltungsblocks. Seit 2008 stehen sie leer und verfallen, mit ihrer breiten Eingangstreppe samt nachträglich angebrachter Rollstuhlrampe. Mit Hofer, Haspinger, Tiroler Adler und goldenen Heiligenbildern an der Fassade. Mit dem kreidenen C-M-B über den Eingängen. Hier waren die Büros der Leitschwestern, die Speisesäle für die Kinder, ein paar Toiletten, eine kleine Sanitäranlage und vor allem viele Schlafsäle untergebracht. Pro Schlafsaal über dreißig Betten, in Viererreihen, Kopf an Fuß, Fuß an Kopf, ohne Zwischenraum, ohne (Name und Foto liegen vor, Geburts- und Sterbejahr geschätzt, Anm.). In ihrer Strafanzeige hat Heidi die unterlassene Hilfeleistung zu Protokoll gegeben. Ohne Ergebnis. Opfer unbekannt. Das Heim beherbergte körperlich, psychisch und geistig behinderte Kinder, aber auch „gesunde“, die jedoch als „schwer erziehbar“und „sittlich verwahrlost“galten. Trotz der Durchmischung konnte von einem integrativen Ansatz mangels Fachpersonal und Therapiekonzept keine Rede sein. Die Pflege der Behinderten blieb Da blühen die Blumen besonders schön Wir stehen auf dem Vorplatz des Benediktinerinnen-Mädchenheims Martinsbühel. Erdrückend hängt die Martinswand über uns, drohend ragt Kaiser Maximilians Steinschloss vor uns auf. Hohes graues Gemäuer. Dort, im Haupthaus der Anlage, der kirchlichen Geschlechterordnung entsprechend, residierten im Obergeschoß die seelsorgenden Patres und Fratres, für deren leibliches Wohl das weibliche Gesinde sorgte. Zu ebener Erde befand sich das Versorgungszentrum: Großküche, Vorratsräume und Waschküche, wo die Mädchen wie Erwachsene arbeiten mussten: geschlachtetes Vieh zerteilen, Kartoffeln schälen, Gemüse und Obst verarbeiten, Essen kochen, Speisen servieren, Geschirr waschen, Herd und Inventar putzen, Böden schrubben. Dazu kam die Wäsche für rund 200 Personen, Heimkinder und Ordensleute. Es brauchte im Mädchenheim weder Küchen-, Reinigungs- noch Pflegepersonal. Jedenfalls kein bezahltes. Denn für alle Arbeiten, selbst die schwersten, waren die Mädchen zuständig, die schwer erziehbaren, in der Küche und auf den Feldern, auch als Pflegerinnen der Behinderten und als Betreuerinnen der kleineren Kinder. Den geistlichen Schwestern oblag nur das Bewachen, Bestrafen und Beten. Mithilfe des klostereigenen Bauernhofs konnte der Orden das Heim als Selbstversorgungsbetrieb führen, wobei die Benediktinerinnen aus erzieherischen Gründen eine Rückkehr in vorindustrielle Zeiten anstrebten. Als Scheuerpulver wurde Sand vom Inn in Kübeln herbeigeschleppt. Kraut wurde geraffelt und in Bottichen zum Säuern angesetzt, Obst und Gemüse händisch zerkleinert, Klopapier mit Messern aus alten Zeitungen zurechtgeschnitten. Die Jauchegrube musste von den Mädchen mit einer langstieligen Kelle ausgeschöpft und ihr Inhalt mit Schubkarren auf die Felder verteilt werden. Im Gegenzug wurden trockene Kuhfladen von den Wiesen gekratzt und als Brennstoff verwendet. Obwohl es eine Waschmaschine gab, mussten die Mädchen die Weißwäsche mit bloßen Händen rubbeln, waschen, spülen, wringen und aufhängen, bis die Haut aufquoll und platzte. Aus zerschlissenen Bettlaken wurden Monatsbinden hergestellt, indem die Mädchen Stoffbahnen in mehreren Schichten übereinandernähten. Auch diese Binden mussten sie händisch waschen und für alle sichtbar zum Bleichen an die Leine hängen. Das Blutwasser wurde als Gartendünger genützt, „denn da blühen die Blumen besonders schön“. Nichts durfte verkommen. Bis auf die Kinder. Falltür zum finstersten aller Keller In den Keller wurden Kinder gesperrt, die sich nach Meinung der Nonnen nicht wohlverhalten hatten. Das Mädchenheim der Benediktinerinnen in Martinsbühel zwischen der Bundesstraße 171 und der Autobahn A 12 steht auf einem hohen Felsen und ist weitläufig unterkellert. Von jedem Gebäude führen mehrere Zugänge in die unterirdischen Steingewölbe. In der NS-Zeit, als der Benediktinerorden vorübergehend enteignet war, hielt man dort Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter für das Messerschmitt-Werk im benachbarten Kematen. Nach der Rückgabe an den Orden wurden in den Kellern jene Mädchen eingesperrt, die sich nach Meinung der Nonnen nicht wohlverhalten hatten. Vor dem Büro der Schwester Pia befindet sich eine Falltür im Boden, die zum finstersten aller Keller führt. War eines der schlimmen Kinder besonders schlimm, landete es dort zu seiner Besserung. Falltür auf, die Hühnerleiter hinab, Falltür zu. Stundenlang, auch tagelang musste die Kleine dort ausharren in Dunkelhaft, oft in der Zwangsjacke. Manchmal mit Zwangsjacke und Knebel. Da entfiel dann sogar das Herausheben des Abortkübels, wofür die Falltür sonst kurz geöffnet wurde. Es gab im Heim zwei Zwangsjacken, beide aus Leinen, eine mit Lederriemen und Schnallen, die andere mit Bändern, vorne oder hinten zu binden. Sie waren bis 2007 im Einsatz. Was war der Anlass für solche Bestrafungen, frage ich Heidi. Sie sieht mich ratlos an und zuckt mit den Achseln. „Alles. Einfach alles. Je nach Schwester und Laune. Man wusste es nie. Wenn man frech schaute. Oder auch nur das:“Sie hüpft auf und ab und rudert mit den Armen. Die Dunkelhaft dauerte bis zu drei Tagen. In Schwester Pias Kellerverlies gab es keinerlei Lichtquelle. Es hat lange gedauert, bis Heidi die Angst vor Dunkelheit in geschlossenen Räumen überwand. Nicht allen ihrer Leidensgenossinnen ist dies gelungen. Ablage oder gar Nachtkästchen für die Kinder. Die brauchten sie nicht, denn jegliches Privateigentum, ob Kuscheltiere, andere Mitbringsel oder private Kleidungsstücke, nahm man ihnen bei der Einlieferung ab. Die Kleidung wurde von den Schwestern zugeteilt, ob sie passte oder nicht. Heidi lief unter der Wäschenummer 169. Der Vorname wurde ihr aberkannt, der Geburtstag (als „heidnisch“) gestrichen. Privatsphäre war ein Fremdwort. Die Überwachung funktionierte lückenlos. In jedem Schlafsaal übernachtete eine Nonne in ihrem Alkoven hinter einem Bretterverschlag mit Vorhang. Vor dem Einschlafen patrouillierten zwei Nonnen durch die Reihen, um zu überprüfen, ob alle brav das halbstündige Nachtgebet mitsprachen. Schlief ein Kind dabei ein, wurde es mit Stößen oder dem Schlüsselbund geweckt. Am wichtigsten: Hände auf die Bettdecke. Zur Masturbations-Prophylaxe wurden die Finger der Verdächtigen mit Tinte markiert und morgens die Geschlechtsteile nach Farbspuren untersucht. Dabei gehörten vaginale „Kontrollbohrungen“mit der Hand oder dem Stiel der Sanitärsaugpumpe zur Routine. Die Decken stammten noch aus amerikanischen Militärbeständen, die Matratzen waren alt, schadhaft und uringetränkt, die hygienischen Zustände insgesamt gesundheitsgefährdend. Ein einziges Pinselchen zur Mundfäulebehandlung für alle Kinder. Zahnpasta ein Luxus. In den acht Jahren ihrer Verwahrung durfte Heidi dreimal die Zahnbürste wech- den restlichen Kindern überlassen. Waschen, baden, an- und ausziehen, füttern, ins Bett und auf die Toilette heben, Nachtwache halten. Die Unterstützung seitens der Schwestern bestand darin, dass sie unruhige und aggressive Kinder ans Bett fesselten oder in eine Zwangsjacke steckten. Auch nachts mussten „gesunde“Kinder auf ihre kranken und behinderten Leidensgenossinnen schauen. Nur eine Quarantänestation, die Hepatitis-Abteilung im Untergeschoß des Schlaftrakts, blieb abgeschottet. Zum Schicksal dieser Patientinnen existieren bis heute kaum Zeugenaussagen. Keine Dokumentation über Infektionswege, Krankheitsverläufe oder Todesfälle. ten uns in einer Reihe anstellen und warten, bis sie uns abrieben. Oft mit der Nagelbürste, bis zum Wundsein.“Dabei trieben die Nonnen gerne ihre Späße mit den Brüsten der Mädchen. Weibskörper, Teufelszeug, aber lustig war’s doch. Was geschah mit Elli P.? Ich irre mit Heidi durch die vielen Säle, treppauf, treppab. Heute stehen hier keine Betten mehr, doch sonst ist alles wie damals. Abgestandener Geruch, schäbige Plastikböden, kalte Heizkörper, die schon damals nicht aufgedreht waren, schlecht schließende Fenster, oft vergittert, pro Saal ein kleines Wandregal für über dreißig Kinder, der Verschlag für die Aufsichtsnonne, ein Kreuzabdruck an der Wand. Nur stiller ist es heute, gespenstisch still. Wobei es auch damals nicht laut zuging: Für die Mädchen bestand generelle Schweigepflicht bis auf knapp bemessene Sprechzeiten. Nur die Behinderten schrien und röchelten oft die ganze Nacht, schlugen mit dem Kopf gegen das Bettgestell, was auch bei „gesunden“Kindern vorkam (Hospitalismus). Der Morgenappell der Nonnen „Gelobt sei Jesus Christus“und die Antwort „In Ewigkeit Amen“, im Chor zurückgebrüllt, geistern noch durch die Hallen. Ein Mädchen mit DownSyndrom, erzählt mir Heidi in einem der Säle, sei hier mit zwölf Jahren an Unterleibskrebs qualvoll zugrunde gegangen. Elli habe nächtelang vor Schmerzen geschrien, keiner habe ihr geholfen, Nackt in der Kälte Während sie die medizinische Betreuung völlig vernachlässigten, sorgten die Ordensschwestern umso eifriger für das kindliche Seelenwohl. Die rituellen Methoden, den Mädchen das Böse auszutreiben, waren so kreativ wie grausam. Prackerschläge aufs nackte Gesäß. Stundenlanges Kruzifixhalten, im Stehen oder Knien. Nächtliches Gangstehen. Knien vor dem Kreuz. Neben dem Bett am Boden liegen, Zehen senkrecht nach oben. Die Hände eine Stunde und länger zum Gebet auf dem Rücken gefaltet. Knien, mit einem Besenstiel im Mund, damit der Kopf nicht nach vorne sackte. Verbrühen durch Eintauchen der Hände in siedendes Wasser. Erbrochenes aufessen. Den Kopf (sinnigerweise bei Wurmbefall) in die Kloschüssel tauchen. Nackt in der Kälte stehen, die Bettnässerinnen ins nasse Laken gehüllt. Langes Kaltduschen, öffentliches Zurschaustellen der Unterhosen mit Menstruationsblut, Kot- oder Tin- „ Die Dunkelhaft dauerte bis zu drei Tagen. In Schwester Pias Kellerverlies gab es keine Lichtquelle. Es hat lange gedauert, bis Heidi die Angst vor Dunkelheit in geschlossenen Räumen überwand. “

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