Der Standard : 2018-12-07

BUCHER : 51 : A7

BUCHER

Bücher Freitag, 7. Dezember 2018 Album A 5 Die feministische Bibliothek Teil 7: „Sagte sie“ Hegemann, Aydemir, Stokowski und Co: In „Sagte sie“schreiben 17 Frauen über Macht und Sex – unter einen Hut passt das nicht mehr. Selbstzurücknahme. Etwa wenn sich in „Raus“(Anke Stelling) eine Schriftstellerin auf unerträglich konventionelle Weise dem Unkonventionalitätsnarzissmus ihres Partners unterordnet. Oder wenn eine Mutter in „Die kurze Zeit der magischen Logik“(Kristine Bilkau) mitanhören muss, wie ihre Stieftochter sich grundlos für etwas entschuldigt bei jenen Jungs, die von ihren Eltern gelernt haben, dass sie sich gegen Mädchen wehren müssen, weil jetzt schwere Zeiten für Burschen anbrechen. Die alte Bevorzugung steckt ihnen aber noch unter der Haut und den Mädchen, den Frauen, das magische Bedürfnis, sich zu entschuldigen fürs bloße Dasein. Dieses „Entschuldigung“war und ist die Eintrittskarte, um überhaupt mitspielen zu dürfen. Wer hat sie erfunden? Ganz wohltuend fallen zwei futuristisch angehauchte Geschichten aus dem Rahmen, bei denen Geschlecht und Begehrenslage nicht mehr klar zuzuordnen sind, weil Frau sich einfach punkig verhält wie etwa Helene Hegemanns Protagonistin, die „eine Art warme Brutalität. Oder warme Gefühllosigkeit“an Typen mag: „Ich glaube, dass ich darauf stand.“ Skurril und witzig spielt „Unsexyland“(Jackie Thomae) in einer nahen Zukunft, in der künftige Partner nur noch über Psychoprofil-Matches zueinanderfinden. Das macht Biosex auf die alte Art und ohne technisches Interface zwar unglaublich anziehend, aber nicht unbedingt befriedigend. Auch in Zukunft wird man sich die Vergangenheit schöner ausmalen, als sie de facto war. Andrea Roedig W enn einer ein schicksal hat, dann ist es ein mann. wenn einer ein schicksal bekommt, dann ist es eine frau.“Klingt dieser Satz aktuell? Jein. Er stammt aus Elfriede Jelineks von 1975, aber heute stehen in Büchern über das Geschlechterverhältnis eher Sätze wie „Ich wusste nicht, was das hier war, obwohl ich es gut kannte“oder „Jede Verletzung ist auch ein Versprechen“. 17 aktuelle Geschichten von Frauen über „Macht und Sex“sind zwar zwischen zwei Buchdeckeln, aber eigentlich nicht unter einen Hut zu bringen. Einige dieser Erzählungen handeln von sexueller Gewalt und der Sprachlosigkeit aus Scham, die sich als Scham über die Sprachlosigkeit eser Welt Die Liebhaberinnen üdkorea: Mauern, Grenzzäune und Abschottungspläne. den Globus und erzählen vom US-mexikanischen Grenzland. Ich sah ihn an. Das weiß ich, sagte ich.“ Cantú stößt auch auf Verdurstete, auf Tote, die von ihren kostspieligen Schleppern zurückgelassen wurden, die dehydriert orientierungslos umhergeirrt waren. Er schildert seine wachsenden Vorbehalte und die seiner nächsten Umgebung und realisiert, wie er sich verändert, seelisch und emotional. Auch, dass diese Praxisjahre eine essenzielle Ergänzung seiner akademischen Studien waren. Am Ende erzählt er, da hatte er schon gekündigt, wie ein guter Bekannter, ein seit mehr als 30 Jahren in den USA lebender und ununterbrochen arbeitender „Illegaler“– in der Regel zwei Jobs gleichzeitig –, verheiratet, drei Kinder, zur sterbenden Mutter nach Oaxaca reist, beim illegalen Grenzübertritt geschnappt wird und sich in der Abschiebungsbürokratie heillos verheddert. Und wie die Familie getrennt wird. Großartige Prosa ist das, geschmeidig, klug, eindringlich, berührend. Autobiografisch, aber mit Dezenz und Diskretion. Poetisch und bewegend. Kein Wunder, dass dieser Debütband in den USA gleich den renommierten Whiting Award erhielt. Im Jahr 2017 reiste die in Potsdam bei Berlin lebende promovierte Ethnologin, Filmemacherin und Reporterin Jeanette Erazo Heufelder, die 2011 schon ein Buch über den veröffentlicht hatte, die amerikanisch-mexikanische Grenze entlang. Schon beim Auftaktsatz von ist man auf der Hut: „Die Geografie des Rio-Grande-Tals ist ein wenig verwirrend.“Denn Heufelders Darstellung ist überdicht ausgefallen und somit selbst ein wenig verwirrend. Einen Teil, und zwar keinen kleinen, nimmt die Historie ein, die im Hin und Her über Ansiedlungen, Aufstände, Kriege und Grenzvermessung nicht ganz einsichtig geschildert wird. Einen zweiten Teil nimmt die Explosion von Gewalt, Drogen und Kartellen seit den 1990er-Jahren ein. Dass sie nicht übermäßig atmosphärisch zu schreiben vermag, das weiß man schon aus ihrem Porträt von Felix Weil, dem Mäzen der Frankfurter Schule. Hier von einer Reportage – auch wenn auf der letzten Abbildung sie selbst im Gespräch mit einem US-Grenzschützer zu sehen ist – zu sprechen fällt schwer. Im Großen und Ganzen ist dies eine informative, wenn auch etwas schwergängige Darstellung. Die lange Literaturliste eignet sich aber gut zur Themavertiefung. che verwenden, wie sie dramaturgisch vorgehen? Wieso auch. Wenn. Man. Kurze. Sätze. Schreibt. Die keinen Inhalt haben. Außer sich selbst. Wie will man das nahezu permanente Reden über die eigene demonstrative Uneitelkeit nennen denn – überbordende Eitelkeit? Altmann hat seit Jahren nicht mehr so ausdauernd wie in über sich selbst geschrieben, nicht so notorisch selbstbespiegelnd und narzisstisch. Sein „Ich Ich Ich“steht die ganze Zeit dem Lesenden im Weg. Man weiß um seinen aggressiven Atheismus, um seine Suada wider Kommunikationselektronik, man weiß um seine Anklage von Esoterik. Und doch ist er ebendas: ein verschwurbelter Küchenpsychologe. Da ist von „Wachsen“die Rede, von „Bereicherung“, von „weltwach“sein (was auch immer das ist) und anderen Ego-Anlagerungen. Ein Reporter ist er, legt man Engelhardts Sammelband daneben, nicht. Ein wirklich wortmächtiger, einfallsreicher Schriftsteller ist er, vergleicht man seinen Bericht mit Cantús Prosa, erst recht nicht. Vielleicht sollte er sich künftig ganz auf sein ausdauernd erwähntes Tagebuch beschränken. In Mexiko Fotos: B. Secker, U. Zintel, I. Kjer „He says/she says“ist eine britische Redewendung für das Hin und Her von Diskussionen, in denen kein wirklicher Dialog möglich ist. Zwei Welten, zwei Sichtweisen. „Sagte sie“will bewusst einseitig die weibliche Sichtweise wiedergeben. Aber die Frauen hier eint viel weniger als noch 1975 Brigitte und Paula in den Bei Elfriede Jelinek gibt es keine Gnade, Frauen wie Männer sind dort Marionetten eines Gesellschaftssystems, in dem alle aneinander zugrunde gehen. Irgendwie ist das immer noch so, und irgendwie ist es anders. In der bedrückenden Erzählung „Dickicht“beschreibt Julia Wolf die panische Furcht einer jungen Frau, die allein mit ihrem Baby in einem Ferienhaus ist. Überall sieht sie den Übergriff, den Überfall, der kommen wird, bis endlich ihr Partner heimkehrt, der Mann, der sie vor den Männern schützen wird. „wenn einer ein schicksal bekommt, dann ist es eine frau“, das war 1975. Es gibt mehr Freiheiten heute, ja, und nein: Befreiung hat dennoch nicht stattfinden können. Ich und, ach, Mexiko Ärgerlich hingegen ist das Mexiko-Buch des in Paris lebenden Reisereporters Andreas Altmann. Mit autobiografischen Büchern über seine Kindheit und Jugend im erzkatholischen Altötting hatte er in den vergangenen Jahren Bestsellererfolge. Nun, nach Bänden über die USA, Afrika, Thailand, Australien, Indien, zuletzt Palästina und einer Gebrauchsanweisung für das Leben, also Mexiko, wo der Mittsechziger vor mehr als dreißig Jahren einmal längere Zeit lebte. Das Resultat ist, um es gleich zu sagen, kümmerlich. Nicht selten peinigend. Für Landschaft und Natur besitzt der Selbstverliebte keine Sprache. Die Städte hingegen bleiben allesamt diffus. Weil Altmann seine aus früheren Bänden altbekannte Manier, die inzwischen zur manieristischen Methode geronnen ist, anwendet: mit Zufallsbekanntschaften reden. Kuriosa beobachten und spontan notieren. In die Zeitung schauen. Und daraus ableiten, wie ein Land ist. Zuvor etwas lesen, sich kundig machen – überflüssig. Und störend. Und: wieso sich vertraut machen, wie andere „travel writers“schreiben, wie sie Spra- Liebhaberinnen. dann noch einmal potenziert. Antonia Baum inszeniert in „Setzen Sie sich“ein wahres Scherbengericht über sich selbst. Sie will den Mann, der sie im Taxi bedrängt, nicht beschämen. Aber das ist natürlich ihre Schuld. Annett Gröschner beschreibt eine unglaubliche Vergewaltigung und Persönlichkeitsdissoziation in „Moskauer Schnee“– dieser starke Text ist der einzig ältere in dem Band, er stammt von 1988; Margarete Stokowskis Protagonistin hat Flashbacks beim Zahnarzt: Die sexuelle Gewalt ist doch so kurz gewesen, so schnell vorbei, warum vergeht sie nicht? In keinem der Texte werden Frauen eindeutig als „Opfer“dargestellt, oft geht es um Mittäterschaft in Form subtiler Mechanismen der Selbstdemütigung und Andreas Altmann, „In Mexiko. Reise durch ein hitziges Land“. € 20,60 / 288 Seiten. Piper, 2018 Drogenkorridor Me- Francisco Cantú, „No Man’s Land. Leben an der mexikanischen Grenze“. € 22,70 / 240 Seiten. Hanser, 2018 xiko Welcome to Borderland Marc Engelhardt (Hg.), „Ausgeschlossen. Eine Weltreise entlang Mauern, Zäunen und Abgründen“. € 18,50 / 288 S. DVA, 2018 Jeanette Erazo Heufelder, Lina Muzur (Hg.), „Welcome to Borderland. Die US-mexikanische Grenze“. € 25,70 / 256 S. Berenberg, 2018 „Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht“. € 20,00 / 187 Seiten. Hanser-Verlag, Berlin 2018 Tim Marshall, „Abschottung. Die neue Macht der Mauern“. € 24,70 / 336 Seiten. Dtv-Verlag, 2018

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