Der Standard : 2018-12-07

LEBEN/GESUNDHEIT/WISSENSCHAFT : 56 : L2

LEBEN/GESUNDHEIT/WISSENSCHAFT

leben/gesundheit/wissenschaft L102 FR./FR./SA./SA./SO.,SO.,7./7./8./8./9.9.DEZEMBERDEZEMBER20182018 DER STANDARD WOCHENENDE || Im Δtandard- Zyklus A Sie betrifft die Hälfte der Weltbevölkerung. Trotzdem ist vielen Frauen ihre Periode peinlich. Mit der neuen Serie Zyklus machen wir die Menstruation zum Gesprächsthema. Dabei geht es nicht nur um Aufklärung rund um Zyklus-Apps, PMS, Endometriose oder Hygieneprodukte – sondern auch um den Abbau von Scham. chtung: Besuch der roten Tante! Erdbeerwoche. Alarmstufe Rot! Frauen menstruieren, das ist eine sehr simple Tatsache, die außerdem etwas mehr als die Hälfte der Menschheit einmal im Monat betrifft. Und trotzdem bleibt die Menstruation ein Tabuthema, das man tunlichst mit Euphemismen umschreibt. Wenn Frauen einmal dringend einen Tampon benötigen, dann verhalten sie sich nach wie vor wie Dealerinnen, die verbotene Waren herumschmuggeln. Und Regelschmerzen sind vor allem im Job etwas, worüber man nicht klagt (obwohl drei Viertel aller Frauen mehr oder weniger stark davon betroffen sind). Die Menstruation ist etwas Normales und Gesundes, aber etwas, worüber man nicht oder nur sehr ungern spricht – weil wir einfach nicht gelernt haben, wie man darüber spricht Δtandard- Magdalena Waldl LESEANLEITUNG: (siehe Essay unten). Menstruieren ohne rot zu werden Wie der verzwickte Umgang mit der Menstruation durch Weltreligionen, Popkultur oder sogar durch den Feminismus selbst nach wie vor befördert wird – und was Frauen neuerdings unter dem Motto „Period Pride“dagegen unternehmen. E Beate Hausbichler ESSAY: s passierte in der Dusche der Mädchengarderobe. Carrie, Heldin des gleichnamigen Horrorfilmklassikers, genießt ihre Dusche. Die samtige Seife, das heiße Wasser, Flöten und Geigen unterstreichen diese letzten Momente in Frieden und Unschuld, kurz bevor das Blut kommt. Erst ist es an ihren Händen. Als Carrie an sich herabsieht, entdeckt, woher es kommt, ergreift sie Panik. Völlig ahnungslos, womit sie es zu tun hat, rennt sie aus der Dusche, schreit um Hilfe – und wird von ihren Mitschülerinnen verhöhnt. Kreischend bewerfen sie das Mädchen mit Tampons und Binden. Diese Filmszene stammt aus dem Jahr 1975, doch es ist ein zeitloses Szenario, das viele Mädchen bis heute mehr oder weniger drastisch in ihren Köpfen haben, wenn sie die ersten Male ihre Menstruation haben. Scham, Unsicherheit, Unwissenheit treffen ganz und gar nicht nur Mädchen, die – wie Carrie – aus einem strenggläubigen Haushalt kommen. Obwohl die Weltreligionen für die Abscheu vor der Menstruation eine feste Basis schufen, die unseren Umgang mit der Periode bis heute prägt. Die These von der Menstruation als Strafe Gottes für Evas Schuldenfall haben die katholischen Mönche des Mittelalters erfolgreich im kollektiven Unbewussten verankert. Das Blut, die Schwangerschaft – all das waren dem Katholizismus generell zu sichtbare Indizien für die Existenz von Sexualität, da wird schon mal die Frau selbst zum Problem. Muttergottes natürlich ausgenommen, aber die hatte – so die Theorie der damaligen Theologen – auch nie menstruiert. Im 3. Buch Mose gelten Frauen während der Menstruation als unrein. Eine Unreinheit, die sich auf alle überträgt, die eine menstruierende Frau berühren. Im orthodoxen Judentum dauert diese „rituelle Unreinheit“sogar 14 Tage an, erst nach umfangreichen Bädern kann die Frau diesem Zustand entkommen, der sie von allen religiösen Handlungen ausschließt. Frauen bitte draußen bleiben Die Ächtung menstruierender Frauen in gläubigen Gemeinschaften führt bis heute nicht nur zu sozialen Ausschlüssen, sie kann sogar töten. Im größtenteils hinduistischen Nepal werden viele Frauen während ihrer Periode aus ihrem Zuhause verbannt. Die hygienischen Bedingungen und oft gefährlichen Umstände in abgelegenen Hütten oder Ställen kosten immer wieder Frauen und Mädchen ihr Leben. Auch das inzwischen installierte Verbot dieser Praxis wird den Glauben an die Unreinheit der Frauen vermutlich nicht endgültig ausmer-

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