Der Standard : 2018-12-07

LEBEN/GESUNDHEIT/WISSENSCHAFT : 57 : L3

LEBEN/GESUNDHEIT/WISSENSCHAFT

leben/gesundheit/wissenschaft L11 3 DER S TANDARD WOCHENENDE FR./FR./SA./SA./SO.,SO.,7./7./8./8./9.9.DEZEMBERDEZEMBER20182018 | | über die Periode reden hen Religionen mit der Regel um? Welche Rolle spielen Hygieneprodukte in der Umweltfrage, und wie stehen Männer eigentlich zu der Thematik? Neben medizinischen Fakten und der Aufklärung über gängige Mythen liefern wir Interviews mit Sportlerinnen, Medizinerinnen oder auch Frauen, die während ihrer Periode nach wie vor stigmatisiert werden. In offener Diskussion mit unseren Leserinnen wollen wir aufzeigen, dass die Menstruation weit mehr sein kann als ein lästiges und beschämendes Übel, über das besser geschwiegen werden oder heimlich hinter verschlossener Tür getuschelt werden sollte. Was passiert eigentlich während der Menstruation im Körper, und welche Hormone spielen dabei eine Rolle? Welcher Hygieneprodukte bedarf es, und warum werden diese nicht kostenlos zur Verfügung gestellt? Was sind MenstruationsCups oder Menstruationshosen? Was passiert, wenn Frauen die Regel plötzlich nicht mehr bekommen, oder welche medizinischen Probleme können mit der Monatsblutung einhergehen – was heißt TSS, PMS oder Endometriose? Wie sehr beeinflusst die Menstruation den Alltag von Frauen, ihre Jobs, Reisen und vieles mehr? Wie ge- STANDARD- ZYKLUS Vorschau auf die nächsten Themen: Das wollen wir mit der neuen Serie „ Zyklus“ändern. Ab jetzt gibt es alle 14 Tage (also im Rhythmus eines durchschnittlichen Zyklus) online einen neuen Blick auf die gesellschaftlichen, medizinischen, ökologischen und ökonomischen Aspekte der Menstruation. Der Zyklus soll einen Beitrag zur Enttabuisierung leisten und – ganz ohne Zeigefinger – einen breiten Diskurs anregen. GESCHÜTTELT, NICHT GERÜHRT Δtandard- 20. Dezember: Warum es noch immer zur Verbannung menstruierender Frauen in Nepal kommt 3. Jänner: Welche Hormone beeinflussen den Zyklus genau? 17. Jänner: Was kostet die Regel in der Regel? Über die ökonomischen Aspekte der Menstruation www.derStandard.at/STANDARD-Zyklus Von Julya Rabinowich Δtandard- Schokolade und zürnende Götter p Der Zyklus, der jede Frau ab dem Beginn der Menses beschäftigt, ist der unausweichliche Zyklus des Lebens. Das ist übrigens nicht jener, der besungen wird, wenn ein alter weißer elitärer Affe ein unschuldiges junges Ding in seinem Arm stolz dem staunenden Publikum präsentiert: So geschehen beim und wer jetzt an etwas anderes als an Simba gedacht hat, sollte sich eine Runde schämen gehen. zen. „Achtung!“heißt es auch auf Hinweistafeln vor Tempeln in Bali und Indien: Frauen müssen während ihrer Tage draußen bleiben. Völlig frei von Tabus ist die Periode auch in Europa nicht. Das Unternehmen Erdbeerwoche, das Bio-Tampons und waschbare Binden verkauft, befragte 2017 über 1100 Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren. 60 Prozent der Mädchen gaben an, ein negatives Verhältnis zu ihrer Menstruation zu haben, 70 Prozent der Burschen fanden das Thema „peinlich“und „unwichtig“. Diesem „Unwichtig“stehen 88 Prozent der Mädchen gegenüber, die angaben, unter Regelschmerzen zu leiden. Das ist alles andere als nebensächlich, doch ihre Mitschüler scheinen davon nichts mitzubekommen. Alles schön unter Verschluss. Das passt offenbar nicht nur ins Mittelalter, sondern auch in eine Zeit, in der ein ästhetisch ansehnlicher, sauberer Körper ein hohes Gut ist. Wo kein Bauch wabbeln und kein Körperhaar sprießen darf, weil das schon Ekel und Angst vor Kontrollverlust hervorruft, hat es die Menstruation nicht leicht. Die Soziologin Paula-Irene Villa spricht im Zusammenhang mit dem herrschenden Körperideal von „glatten, verschlossenen, kompakten“Körpern, das die maximale Kontrolle über unsere Körper unter Beweis stellen soll. Fließendes Blut passt da gar nicht ins Bild. Dementsprechend groß war die Aufregung, als im Jahr 2015 die Feministin Kiran Gandhi einen Marathon während ihrer Periode lief – und das Blut fließen ließ. Darf die denn das? Immerhin haben Tamponwerbungen Frauen jahrzehntelang vermittelt, dass „unbeschwerte“Tage während der Tage, von Sport ganz zu schweigen, erst ordentlich versiegelt möglich sind. Binden und Tampons sollen „absolute Sicherheit“bieten bei allem, was Frauen so tun. In den Pool springen, weiße Hosen tragen, tanzen, schlafen – ganz ohne das Laken zu versauen. Ein Leben trotz Periode. Werbespots zu Damenhygieneprodukten schließen somit ganz gut an das Mittelalter und Horrorszenen über die Periode an. Doch nachdem sich jahrelang Kinder, Jugendliche und vermutlich auch manche Männer über die hellblaue Flüssigkeit wunderten, die in TVSpots über diese windelartigen Dinger geschüttet wurde, werden die Bilder jetzt expliziter, deutlicher. förmlich das Blut aus ihren Augen kommen sehen. Blut von welchen Stellen auch immer.“Mit dem Bild knüpfte Levy an Arbeiten von Aktionskünstlerinnen der 1960er-Jahre an, die ebenfalls mit Menstruationsblut arbeiteten. Ein Blick auf die 1960er- und 1970er-Jahre erinnert übrigens daran, dass womöglich der Feminismus selbst dazu beitrug, den religiös und kulturell erzeugten Ekel in den letzten Jahrzehnten zumindest teilweise aufrechtzuerhalten. Nach der zweiten Frauenbewegung und der jahrtausendelang gültigen Erzählung von der „Andersheit“von Frauen, mit der deren Unterdrückung gerechtfertigt wurde, wollte man nichts mehr davon hören. Man hatte die angeblichen „Wesensunterschiede“, die „natürliche Verschiedenheit“, die so viel Diskriminierung brachte, satt. Daher setzten sich vor allem die Ideen des Gleichheitsfeminismus durch, während der Differenzfeminismus schnell aus der Mode kam. Letzterer wollte weiter auf Unterschiede setzen, wenn auch in einem positiven Sinne, etwa indem er von der „besonderen Kraft des Weiblichen“sprach. Der Gleichheitsfeminismus wollte hingegen aufzeigen, dass Frauen dieselben Fähigkeiten haben wie Männer. Er forderte, dass Frauen alles tun können, was sie wollen – ohne auf ihre weibliche Anatomie reduziert zu werden, die bisher so erfolgreich mit intellektueller und moralischer Unterlegenheit verknüpft wurde. Es ist daher nur plausibel, dass vor allem die vom Gleichheitsfeminismus geprägten Frauen so kurz nach den ersten Erfolgen der Frauenbewegung nicht so schnell wieder über ihren Körper und schon gar nicht von ihrer Menstruation reden wollten. Der neue Menstruationsaktivismus zeigt nun aber, dass Facetten des Differenzfeminismus wieder salonfähiger sind. Junge Autorinnen schreiben ganz selbstverständlich von der „schöpferischen Kraft“der Regel, und poppig aufgemachte Bücher über den Zyklus werden mit Slogans wie „Weibliche Power-Potenziale“feilgeboten. Trotzdem sind in Büros die Wärmflaschen auf dem Schoß noch selten zu sehen, die Forderungen nach zusätzlichen freien Tagen für menstruierende Frauen kaum zu hören, und kostenlose Tampons und Binden in öffentlichen Toiletten sind noch immer eine Rarität. Bloody Trump König der Lö- wen, Kosmisches Ereignis Weib Der Zyklus, der jede Frau beschäftigt (oder sagen wir, sehr viele), ist natürlich jener des Lebens mit der Schokolade. Wir folgen unseren Gelüsten mit der Bahn des Mondes und wieder retour. Und die Gelüste folgen uns. Von reuiger Zurückhaltung vor dem Eisprung bis langsam und zart einsetzendem Interesse bis hin zu der entfesselten Verschlingung knapp vor Einsetzen der Menstruation, gegen die ein Schwarzes Loch eigentlich ein totaler Lercherlschas ist, mit Verlaub, und die Stimmungstiefs, die den Vorgang begleiten können, entwickeln sich ab und zu dramatischer als ein sterbender Stern. Sogar Nietzsche hat sich an diesem Vorgang versucht, trotz aller Furcht vor dem kosmischen Ereignis Weib, irgendwas mit tanzenden Sternen und Chaos ist ihm neben der Peitsche ja doch noch eingefallen. User löschte – eine Zensur, die Prüderie und ein veraltetes Frauenbild verdeutlichte. Kaur kritisierte darauf die Doppelmoral von Twitter, Facebook und Instagram: Brüste und Hintern in „sexy“Posen oder Nacktheit werden geduldet, solange sie einem sexualisierten Frauenbild entsprechen. Geht es aber um eine Darstellung des Frauenkörpers abseits von jener eines Sexobjekts, reagieren die social Zensoren sehr schnell zimperlich. Kettenrasseln oder Süße Aber wer redet denn von Chaosgeburt, wenn man Schokolade haben kann? Vielleicht hatten die zürnenden Götter der Altvorderen einfach zu wenig Schokolade abbekommen. Und hier schließt sich der ewige Kreis des Lebens auch eindrücklich elegant wieder: Es ist Krampus und Nikolo, die zwei ewig sich bekämpfenden Pole von Gut und Böse, deren über- und unterirdischer Konflikt nur durch noch mehr Schoko zu lösen ist. Wers nicht glaubt, soll es einfach einmal probieren, was ihm besser schmeckt: Kettengerassel oder die schmelzende Süße auf der Zunge. Der Zyklus ist vollendet. Wie die Aktionistinnen Ein neu entdeckter Menstruationsstolz entfaltet sich auch in der sogenannten Period Art. Die Künstlerin Sarah Levy etwa malte mit Periodenblut ein Porträt von Donald Trump, nachdem dieser im US-Präsidentschaftswahlkampf über die Fox-NewsModeratorin Megyn Kelly, die ihn kritisch interviewte, gesagt hatte: „Man konnte Rot statt Blau in der Werbung 2016 bewarb eine britische Firma ihre Binden erstmals mit Blut, der Slogan lautete: „Menstruation ist normal. Sie zu zeigen, sollte es ebenso sein.“Das Unternehmen sprang damit der noch jungen Bewegung der Period Pride oder Period Positivity bei, die eine deutliche Reaktion auf plötzliche Neuauflagen einer Menstruationsstigmatisierung war. So wurden etwa die Bilder der menstruierenden Künstlerin Rupi Kaur erst dann so richtig berühmt, als die InternetFotoplattform Instagram Kaurs Selbstporträts in blutbefleckter Hose oder auf blutbefleckten Bettlaken nach Meldung einiger

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