Kurier (Samstag) : 2018-12-08

IMMO : 82 : 34

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! IMMO SERVICE Die europäischen Städte stecken in der Krise – ein Drittel ihrer Bewohner kann sich die Wohnkosten kaum noch leisten. Wie dem gegengesteuert und das Ideal des Wiener Modells erreicht werden kann, diskutierten Wissenschaftler und Politiker. VON JULIA BEIRER „Wir sind in Gefahr“, leitet Laia Ortiz, Barcelonas Vizebürgermeisterin ihre Rede bei der Konferenz „Housing for All“im Hauptquartier von Wiener Wohnen am 4. und 5. Dezember ein. Diese Aussage bestätigen auch die präsentierten Daten: Die EU zählt 220 Millionen Haushalte. Ein Drittel davon – exakt 82 Millionen – sind mit den Wohnungskosten überfordert oder stehen kurz vor der Räumungsklage. Zum Vergleich: 82 Millionen Menschen zählt die gesamte Bundesrepublik Deutschland. „Da zwei Drittel der Europäer in Städten leben, sind die Ballungszentren besonders betroffen“, erklärt Wiens Bürgermeister Michael Ludwig. Statistiken zufolge fehlen europaweit 57 Milliarden Euro pro Jahr, damit leistbarer Wohnraum gesichert ist. Um dieser akuten Wohnkrise entgegensteuern, schlossen sich europäische Städte vor drei Jahren zur „Städtepartnerschaft Wohnen“zusammen und erarbeiteten gemeinsame Konzepte. Diese wurden vergangene Woche vor rund 300 Teilnehmern aus 36 Ländern bei der Abschlusskonferenz „Housing for All“präsentiert. » Ganz Europa soziales Gut anerkannt werden – genauso wie es in Wien gemacht wird.“Auch Orna Rosenfeld von der Pariser Universität Sciences Po sieht Verbesserungsbedarf in den Städten: „Wirbefinden uns in einer Zeit von Veränderungen, wir starten in Europa aber nicht bei null.“Mehr bauen bedeutet auch nicht gleich mehr leistbaren Wohnraum. Das beweist eine Studie aus London. Die Ergebnisse zeigen, dass viel gebaut wird, aber 70 Prozent des Markts von ausländischen Investoren kontrolliert wird. „Das bringt der lokalen Bevölkerung nichts“, so Rosenfeld. Dieses Phänomen sei in ganz Europa zu sehen. Riegel vor“, weiß Kathrin Gaal, Wiener Wohnbaustadträtin. Eine gesetzliche Regelung für den sozialen Wohnbau sieht auch der Maßnahmenkatalog der „Städtepartnerschaft Wohnen“für die EUKommission vor. Leilani Farha, UN Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen, hielt die Keynote zum Auftakt der Konferenz und fordert: „Wohn-Strategien müssen im Gesetz verankert und Wohnraum als 200.000 geförderten Wohnungen. Damit der soziale Wohnbau auch in Zukunft gesichert ist, wurde kürzlich eine neue Flächenwidmungskategorie in der Wiener Bauordnung beschlossen. Damit wurde eine gesetzliche Zweidrittel-Quote fixiert – bei großen Immobilienprojekten müssen künftig mehr geförderte als frei finanzierte Wohnungen errichtet werden. „Damit schieben wir Spekulationen mit Baugründen einen Gefördert wohnen Karin Ramser erklärt, wie man zu einer Wohnung kommt DasZeitalter der Städte hat laut Rosenfeld begonnen. „Bei der Beratungsstelle Wiener Wohnen wird zuerst überprüft, ob die Kriterien für eine geförderte Wohnung gegeben sind“, erklärt Karin Ramser, Direktorin von Wiener Wohnen. Die Antragsteller müssen: mindestens 17 Jahre alt, zwei Jahre durchgehend bei einer Wiener Adresse hauptgemeldet, österreichische Staatsbürger oder diesem gleichgestellt sein und dürfen die Einkommensgrenze des Wiener Wohnbauförderungsgesetzes nicht überschreiten. Bei einem Zwei- Personen-Haushalt liegt die Einkommensgrenze derzeit bei einem Nettojahreseinkommen von 67.820 Euro. (Siehe: www.wohnberatung-wien.at) Die Antragsteller können Bezirk, Balkon oder Stockwerk angeben. Dann bekommen sie ein Wohnticket. Sobald eine Wohnung frei ist, wird zur Besichtigung geladen. Die angebotene Wohnung kann einmal abgelehnt werden. Die Wartezeit dauert bei Jungwienern derzeit ein knappes Jahr. dass die Veranstaltung ausgerechnet in Wien stattgefunden hat. „Jeder, der versucht, leistbaren Wohnraum zu schaffen, blickt nach Wien“, sagt Laia Ortiz. In Barcelona seien lediglich 2,5 Prozent sozial geförderter Wohnbau und „das ist ein Problem, das weltweit zu beobachten ist.“In Wien hingegen leben 62 Prozent der Menschen in den 220.000 Gemeindebauwohnungen und in den Wichtig sei, auf die Veränderungen, die sich auch durch die Digitalisierung ergeben, in der Stadtplanung zu berücksichtigen. Den Weg ins Büro wird es beispielsweise irgendwann nicht mehr geben, da die Arbeit von Zuhause aus erledigt werden kann. Rosenfeld: „Am Wohnsystem in Wien soll sich aber nichts ändern. Es muss geschützt werden, denn das ist weltweit einzigartig.“ Es ist kein Zufall, « 34

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